Möhne-Talsperre: Zwangsarbeiter litten schrecklich

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Für den Wiederaufbau der Sperrmauer wurden hunderte Zwangsarbeiter eingesetzt. Das Baumaterial wurde mit Zügen zum Fuß der Mauer transportiert, anschließend wurden die Loren über eine Art Lift in die Höhe befördert.

MÖHNESEE -  Ein Aspekt droht im Jubiläumsjahr „100 Jahre Möhnesee“ in Vergessenheit zu geraten: Das Schicksal der Zwangsarbeiter, die für den Wiederaufbau eingesetzt wurden. Dank ihnen konnte die Lücke in der geborstenen Mauer binnen weniger Monate geschlossen werden. Doch ihr Schicksal war mitunter schrecklich.

Am 3. Oktober 1943, 138 Tage nach der Zerstörung, konnte die Vollendung des Wiederaufbaus der Mauer gefeiert werden. Während sich die Nazis und insbesondere die Organisation Todt für die Aufbauleistung feierten, wurden die Zwangsarbeiter, die auf der Großbaustelle schuften mussten, während der propagandistisch ausgeschlachteten Wiedereinweihungsfeier mit keinem Wort erwähnt.

In seiner Rede habe sich Albert Speer als Reichsminister für Bewaffung und Munition und oberster Dienstherr der Organisation Todt (OT) ganz ausdrücklich an die „deutschen Arbeitskameraden“ gewandt, so Mechthild Brand in ihrem Aufsatz „Zur Zwangsarbeit an die Möhnetalsperre“ im offiziellen Jubiläumsbuch „Ein Jahrhundert Möhnetalsperre“.

Brand hat die Geschichte und das Schicksal der Zwangsarbeiter, die während des Zweiten Weltkriegs in der Region eingesetzt wurden, akribisch erforscht. Und nach der Zerstörung der Sperrmauer bildete der Wiederaufbaueine gewaltige Aufgabe. Während die OT jeweils auf heimische Firmen und deren Fachpersonal setzte, wurden die deutschen Arbeistkräfte seit Kriegsbeginn von Ausländern und zunehmend von Zwangsarbeitern ersetzt.

So auch beim Wiederaufbau der Möhnetalsperre. Mechthild Brand schätzt in ihrem Aufsatz, dass 200 Holländer, zu Zeiten der stärksten Rekrutierung etwa 400 bis 450 Italiener und 500 französische Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Der Günner Ortsvorsteher Karl-Heinz Wilmes verweist zudem auf eine Aussage Albert Sppers, wonach dieser nach den Bombardierungen der Stauseen insgesamt 7 000 Leute für den Wiederaufbau abkommandiert haben will. Gemäß diesen Angaben dürften am Möhnesee rund 2 500 Menschen mit dem Wiederaufbau beschäftigt gewesen sein, davon etwa 1 200 über die Organisation Todt.

Untergebracht waren diese Arbeitskräfte zunächst in Lagern, die, wie in Ostönnen, bereits in der Nähe bestanden. Für den Wiederaufbau der Mauer wurden dann gezielt vier Lagerbereiche in Günne und in der Nähe von Haus Delecke errichtet.

Die eigentlichen Arbeiten erfolgten in verschiedenen Abschnitten, so Wilmes. Die OT wollte die Lücke in der Mauer zunächst schlicht mit Beton schließen. Bauexperten und der Ruhrverband hätten jedoch auf eine Erneuerung mit Bruchsteinen gedrängt. Beton habe andere spezifische Eigenschaften, was die Abdichtung erschwert hätte, lautete das Argument.

Nach dieser Grundsatzentscheidung wurde die Kleinbahnlinie zu den Steinbrüchen in Müschede wieder in Gang gesetzt. Am 15. Juni 1943, so Wilmes, war diese Aufgabe erledigt. Anschließend wurde auf vier Baustellen gleichzeitig am Wiederaufbau der Mauer gearbeitet. So wurde auf der Baustelle am Südrand gleichzeitig der Zufluss zum Kraftwerk verändert.

Vier Barackenlager für die Zwangsarbeiter

Der Einsatz auf der Baustelle bedeutete für die eingesetzten Menschen Schwerstarbeit. Die bis zu 80 Kilogramm schweren Bruchsteine wurden von den Maurern von Hand in den Mörtel gesetzt, erklärt Wilmes. Gearbeitet wurden auf Luft- und Seeseite gleichzeitig.

Der große Arbeitsdruck und die schlechte Versorgung forderten hohe Opfer namentlich unter den Zwangarbeitern. Etliche wurden, wie Mechthild Brand erforscht hat, in den Soester Krankenhäusern behandelt. Nur dadurch sind manche Schicksale bekannt, viele Zwangsarbeiter kamen um, ohne dass ihr Tod irgendwo vermerkt worden wäre.

Als Beispiel kann ein Rangierunfall kurz nach Beginn der Arbeiten an der Mauer dienen. Der Zug mit Baumaterial stürzte von der Baustelle, zwei Holländer, zwei Franzosen und drei Italiener kamen ums Leben.

Infolge der schlechten Versorgungslage kam es in den Barackenlagern zudem zum Ausbruch von Seuchen wie Diphterie. Neben dem Wiederaufbau wurde parallel die militärische Sicherung der Sperrmauer vorangetrieben. Diese Arbeiten zogen sich bis 1944 hin, wie Wilmes berichtete.

Etliche der Zwangsarbeiter wurden nach dem eigentlichen Wiederaufbau der Mauer jedoch abgezogen, die beiden Barackenlager in Delecke wurden anschließend als Tbc- bzw. Sterbelager genutzt, ein weiteres dunkles Kapitel der Geschichte am Möhnesee. - tbg

Der Günner Ortsvorsteher Karl-Heinz Wilmes hat zum Wiederaufbau der Möhnetalsperre einen mit zahlreichen historischen Bildern gespickten Vortrag vorbereitet, in dem er insbesondere auf die bislang wenig bekannten Maßnahmen für die militärische Sicherung der Sperrmauer eingeht. Dieser Vortrag findet am Freitag, 22. November, ab 19.30 Uhr in der Günner Schützenhalle statt. Dazu sind alle Interessierten eingeladen.

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