"Helfen, wenn nichts mehr hilft"

Er schlichtet seit 20 Jahren: Schiedsmänner suchen Nachfolger

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Schiedsmänner für Möhnesee: Johannes Knappstein (links) aus Delecke und sein Stellvertreter Joachim Schöneweiß aus Stockum. Das „Schiedsamtsgesetz“ und das „Nachbarschaftsrecht“ regeln die vorgerichtliche Streitschlichtung.

Möhnesee – „Rausgeschmissen habe ich erst einen, bevor es dann doch haarig geworden wäre“, sagt Möhnesees Schiedsmann Johannes Knappstein: „Nicht jede Schlichtung gelingt.“ Worum es geht? Um den Ärger – und um die Frage, ob er denn wirklich sein muss, wo doch das Leben so schön und friedlich sein könnte.

Mal sind es die Brombeeren, die durch den Zaun aufs eigene Grundstück herüberranken, dann wieder ist es ein Baum, der zu hoch wächst und dem Nachbarn das Licht vorm Fernster klaut. Anderen wiederum stinken die feuchten Holzschwarten, die jemand unerlaubt verfeuert und damit die Morgenluft in der gesamten Siedlung verpestet – oder es ist der Hahn zwei Straßen weiter, der mit seinem lautstarken „Kikeriki“ den Leuten gehörig auf die Nerven fällt. „Dumme Kuh!“, „Blöde Sau!“, „Linksliberales Arschgesicht!“ – es können natürlich auch solch böse Worte sein, die so sehr auf die Stimmung drücken, dass man die Sache vor Gericht verurteilt wissen möchte. 

Nicht alles aber landet sofort vor dem Kadi: „Schlichten statt richten“ ist ein bewährter Grundsatz in der bundesdeutschen Rechtsprechung, die vorgerichtlichen Streitschlichtungen übernehmen die Schiedsleute vor Ort. In Möhnesee war Johannes Knappstein aus Delecke jetzt fast 20 Jahre lang der zuständige Schiedsmann im Ehrenamt, Joachim Schöneweiß aus Stockum ist seit acht Jahren sein Stellvertreter. „Wir sind ein eingespieltes Team“, so beschreiben beide ihre Arbeit. 

Verschwiegenheitspflicht

Johannes Knappstein wird im August aufhören, Joachim Schöneweiß sucht für demnächst auch einen Nachfolger. Wer jetzt auf witzige Anekdötchen hofft, der darf das weiter tun – Johannes Knappstein gibt da nur wenig preis. „Wir Schiedsleute sind zur Verschwiegenheit verpflichtet, und es darf nicht sein, dass man aus unseren Erzählungen darauf schließen kann, dass Meier sich mit Müller in der Wolle hatte – und warum.“ 

Was Johannes Knappstein aber freimütig erzählt, ist dies: „Die Tür- und Angel-Geschäfte, diese Beratungsgespräche vor dem eigentlichen Schiedsverfahren, die nehmen zu. Gut, das ist ärgerlich, weil wir dafür nicht mal unsere geringe Gebühr berechnen können. Aber es will ja auch wirklich gut überlegt sein, wofür es lohnt, sich offiziell mit seinem Nachbarn anzulegen oder mit dem Bekannten in der Straße. So oder so muss man es ja hinterher noch miteinander aushalten können. Es gibt nichts Schlimmeres als eine völlig vergiftete Atmosphäre, wo Leute geschnitten werden, wo man nicht mehr miteinander spricht. Besser ist, man versucht es zunächst freundschaftlich und im direkten, höflichen Gespräch. Wenn nichts mehr hilft, dann versuchen wir zu helfen – auf Antrag und mit einem Schlichtungsverfahren.“ 

Den Anwalt zahlt jeder selbst

 Knappstein und Schönweiß beschreiben, was dann passiert: Zunächst muss jemand den zuständigen Schiedsmann ansprechen – wer das ist, ist bei der Gemeinde oder bei Gericht zu erfragen. Dann muss ein Antrag formuliert werden, das Ärgernis möglichst präzise beschrieben sein. Der Schiedsmann lädt dann alle Beteiligten ein zu einem Schlichtungsgespräch. Manchmal kommt auch ein Anwalt mit – das ist nicht Pflicht, aber gutes Recht und bedeutet weder Vor- noch Nachteil. Wohl aber Kosten: Wer die Musik bestellt, der zahlt – also jeder seinen Anwalt in jedem Fall voll und selber. Johannes Knappstein: „Das unterscheidet einen Vergleich vor dem Schiedsmann von dem Urteil durch einen Richter.“ 

Wie geht es weiter? „Wir hören zu, wir lassen die Leute reden, wir bevormunden nicht“, sagen Schöneweiß und Knappstein. „Wenn es gut läuft, sitzen wir hier im Wohnzimmer, und aus dem Gespräch heraus entwickelt eine der Parteien einen Vorschlag zur Auflösung der Misere. Der wird dann vom Schiedsmann so präzise wie möglich schriftlich ausformuliert und allen Parteien mit Brief und Siegel ausgehändigt. Für die Zukunft ist damit verbindlich festlegt, was gemacht werden darf, was nicht oder was genau zu tun und zu unterlassen ist. An die Vereinbarung muss sich jeder halten.“ 

Nicht jede Schlichtung gelingt sofort, manches gelingt überhaupt nicht oder erst im dritten Anlauf. Manches landet dann doch noch vor Gericht. Joachim Schöneweiß: „Die Fälle und Entscheidungen sind so verschieden wie die Leute.“ 

Von der Backpfeife bis zur Beleidigung

 In regelmäßigen Abständen werden alle Akten der Schlichtungsrunden dem Amtsgericht in Soest zur Prüfung vorgelegt. Knappstein: „Wir bearbeiten hier Nachbarschaftsstreit und alle Sachen, die nicht zwingend sofort von einem Amtsrichter entschieden werden müssen. Das kann auch schon mal eine Backpfeife sein oder eine Beleidigung, über die sich zwei Streithähne in unserem Beisein unterhalten – mit dem Ziel, schiedlich-friedlich eine Einigung hinzubekommen. Das entlastet die Gerichte und spart Geld, denn Schiedsverfahren sind um einiges günstiger als der Weg durch die Instanzen.“ 

Dass die Leute prozesswütig seien, könnten sie nicht bestätigen, sagen Johannes Knappstein und Joachim Schöneweiß. Knappsteins Bilanz für die vergangenen zehn Jahre: 34 Fälle insgesamt, davon 18 mit Vergleich, zwölf erfolglos, zwei vorzeitig beendet und ein zurückgenommener Antrag. Hinzu kommen 42 „Tür- und Angel-Fälle“, deren Aufwand man nicht leichtfertig abtun sollte. „Das Schiedsamt ist ein Ehrenamt mit enormem Zeitaufwand.“ Das sei keineswegs eine Klage: „Ich habe das all die Jahre sehr gerne gemacht“, so hat er es auch an Hansfriedrich Winter vom Ordnungsamt der Gemeinde geschrieben, dem er seinen Abschied zum 31. August angekündigt hat – schließlich sei er keine 60 mehr. 

Noch eine Gretchenfrage: Sind Frauen streitlustiger als Männer? Knappstein und Schöneweiß lachen: „Nach unserer Erfahrung sind beide gleich schlimm!“ Und eine weitere Erfahrung wollen beide ganz dick unterstreichen: „Die Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung war immer bestens – so etwas ist nicht selbstverständlich!“

So wird man Schiedsperson

Wie man Schiedsperson wird? „Man wird vorgeschlagen und vom Rat gewählt“, sagen Joachim Schöneweiß und Johannes Knappstein. Was man können muss – Juristerei am Hochreck? „Nein. Zuhören, das muss man können.“ Für alles andere gebe es Lehrgänge und Schulungen. Was man erlebe? „Mal Trauriges, mal total Schräges, mal Zeter und Mordio – und man erkennt immer wieder mal, dass es Leute gibt, die ihre Nachbarn aus purer Langeweile zur Weißglut treiben.“

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