Nächster Halt „Günne“: Die Kleinbahn im Möhnetal

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Die Möhneseeterassen lockten früher zur Einkehr. ▪

GÜNNE ▪ Kaum scheint am Wochenende die Sonne, schon strömen die Tagesgäste in Scharen an die Sperrmauer – verstopfte Straßen inklusive. Tagesgäste gab es aber schon in den ersten Jahrzehnten des Möhnesee, mit dem Unterschied allerdings, dass sie zumeist von Neheim aus mit der Kleinbahn das Möhnetal aufwärts dampften, um in schöner Umgebung zu lustwandeln.

Und danach lockte die Rast in einem der örtlichen Gastbetriebe. Die „Möhneseeterassen“ in unmittelbarer Nähe zur Sperrmauer dürften dabei ein Anlaufpunkt ersten Ranges gewesen sein.

Der Bahnhof „Möhnetal“ der Ruhr-Lippe-Kleinbahn (RLK) in Günne wurde ursprünglich als reiner Materialumschlagsbahnhof zum Bau der Möhnetalsperre gebaut. Per Bahn wurde das Baumaterial von den Steinbrüchen in Müschenborn über Neheim möhneaufwärts zur Baustelle transportiert. Nach dem Bau der Talsperre setzte ab den 1920er Jahren ein bedeutender Ausflugsverkehr ein. Dem entsprach die RLK zum einen durch die Einrichtung von Haltepunkten wie Neheim-Möhnestraße, Niederense-Himmelpforten oder „Möhnetal“ in Günne. Zum anderen reagierte die RLK mit dem Bau eines eigenen Restaurants mit Fahrkartenverkauf in Günne, den „Möhneseeterassen“. Um das Geschäft anzukurbeln, wurden Ausflüge an die Talsperre von der RLK auch touristisch beworben. So wurde den Tagesausflüglern in Zeitungsanzeigen ab dem Haltepunkt Himmelpforten ein einstündiger Spaziergang zur Sperrmauer mitsamt Bootsfahrt auf dem Möhnesee empfohlen, wie Lambert Löer in dem Buch „Günne 1190 bis 1990“ berichtet.

Sogar eine Anbindung an die Bahnstrecke ab Wamel per Schiff über den Möhnesee war seinerzeit durch die RLK gedacht worden, wie der Ruhrverband erklärte. Dies wäre allerdings eine umständliche Reise geworden, da die Fahrgäste auf dem See bei mehreren Brücken von einem ins andere Schiff hätten umsteigen müssen.

Während des Wiederaufbaus der Möhnetalsperre nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde der Bahnhof in Günne erneut zum Materialtransport genutzt. Der Ausflugsverkehr mit dem „Pengel-Anton“ kam seit dem Krieg nicht mehr richtig ins Rollen. In den 1950er Jahren verlor auch der Günner Halt seine Bedeutung als Ausflugsbahnhof, weil der Autoverkehr immer mehr zunahm. Schließlich erwarb der Ruhrverband das Areal von der Eisenbahngesellschaft.

Nach dem Abbau der Schienen 1953 wurde an Stelle des Günner Bahnhofs der noch heute unterhalb der Sperrmauer liegende Parkplatz eingerichtet.

Das Areal der „Möhneseeterrassen“, das oberhalb der Sperrmauer am nördlichen Seeufer lag, erwarb der Ruhrverband 1983 von Privat. Fährt man vom Veraltungsgebäude des Ruhrverbands zur Möhnestraße hinunter, liegt das Grundstück der einstigen Möhneseeterassen linkerhand an der Möhnestraße. Der heute noch stehende Gaststättenkomplex, in dem zuletzt ein Chinarestaurant beheimatet war, hat laut Liegenschaftsabteilung des Ruhrverbandes jedenfalls nichts mit den „Möhneseeterassen“ zu tun.

An gute Zeiten in diesem Hotel kann sich Karl-Heinz Wilmes, der Günner Ortsvorsteher noch gut erinnern. Pächter war zu diesen Zeiten ein Ehepaar Semmler, und der Hotelbetrieb mit großem Saal wurde unter anderem von Einrichtungen wie dem Gesangverein genutzt. Wie Wilmes berichtete, wurde das Gebäude der „Möhneseeterassen“ in den 1960er Jahren, nachdem das Hotel technisch nicht mehr zeitgemäß war, abgerissen.

Über die Günner Kleinbahn berichtet unter der Überschrift „Mit dem Pengel-Anton zur Talsperre“ Lambert Löer in dem erwähnten Buch über Günne. Ein Überblick über die Geschichte der RLK mitsamt einschlägigem Bildmaterial über Anlagen, Bahnhöfe und Ansichten findet sich im Internet unter http://www.eisenbahnfreunde-werl.de. ▪ tbg

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