Unterbringung in Entziehungsanstalt?

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Der Angeklagte hat sich mit einer Unterbringung in einer Entziehungsanstalt einverstanden erklärt. Hier könnte er laut Gutachterin die Chance bekommen, seinen Alkoholismus zu überwinden.

MÖHNESEE/ARNSBERG - Jetzt kommt als Urteil auch eine Unterbringung in eine Entziehungsanstalt in Frage. Der Angeklagte Stephan G. erklärte sich Dienstag Mittag vor dem Schwurgericht mit Vorsitzender Richterin Dorina Henkel dazu bereit, eine langfristige Therapie anzutreten, um seinen Alkoholismus zu besiegen.

Das ist der Fall

Hat der Angeklagte Stephan G. (49) das Opfer Gaby L. am Wochenende zum Sonntag, 16. März 2014, in der Wohnung am Graureiher-Weg 19 in Körbecke so traktiert, dass es an den Folgen von Misshandlungen gestorben ist? Staatsanwalt Marco Karlin wirft dem Werler vor, den Tod der Nachbarin billigend in Kauf genommen zu haben. Oder ist Gaby L. (58) – wie die Verteidigung es darstellt – im Rausch von Alkohol und Tabletten so oft gestürzt, dass sie sich überall am Körper Blutergüsse zuzog und dabei irgendwann eine so schwere Verletzung an der rechten Schläfe, dass sie einem Hirntod erlag? Dieser Frage geht das Schwurgericht beim Landgericht Arnsberg unter Vorsitz von Richterin Dorina Henkel inzwischen seit sechs Verhandlungstagen nach. Das Urteil dürfte am Dienstag, 20. Januar, gefällt werden. Zuvor wird noch ein sachverständiger Blutspezialist gehört, zum Thema: Auswirkungen der notfall-Medizin.

Die forensisch-psychiatrische Gutachterin Dr. Sylvia Leupold bescheinigte dem Angeklagten eine alkoholbedingte beeinträchtigte Steuerungsfähigkeit – Schuldunfähigkeit sei aber nicht gegeben.

Leupold wörtlich: „Eine ambulante Einrichtung reicht für eine erfolgreiche Therapie nicht aus.“ Sie befürwortete jedoch eine Langzeitbehandlung, die samt Wiedereingliederung bis zu zwei Jahren dauern kann.

Die Ärztin erläuterte vor Gericht ihr detalliertes Gutachten, in dem sie das Leben des Angeklagten 49-jährigen Werlers von Kindheit an nachzeichnete. Bis zum Jahr 2006 war er unauffällig gewesen, neigte allenfalls zum gesellschaftlichen Trinken von Alkohol. Dann habe aber das unkontrollierte Trinken begonnen. Hohes Rückfallrisiko sei gegeben.

Das dokumentierte Leupold anhand der beeindruckenden Liste von Entzugsbehandlungen. 35 Mal war Stephan G. seit November 2006 in stationärer Behandlung, zumeist zur Entgiftung von alkoholischen Exzessen. Auffällig dabei, dass der soeben Behandelte oftmals schon kurz nach einem Krankenhaus-Aufenthalt wieder zur Flasche griff und regelmäßig wenige Tage nach der Entlassung wieder mit „Alkohol-Vergiftung“ eingeliefert werden musste.

Für die Gutachterin hatte Stephan G. bis hin zum Tod von Gaby L. im März 2014 und zu seiner Festnahme sowohl die Fähigkeit verloren, den Beginn des Trinkens zu entscheiden wie auch die Menge des konsumierten Alkohols zu kontrollieren.

Dreimal war er für längerfristige Entwöhnungstherapien vorgesehen, alle drei musste er aufgeben, weil er sich nicht an die geforderten Strukturen und Regularien in den Kliniken halten konnte oder wollte.

Seine Trinkgewohnheiten wurden nach und nach extremer. Was mit Bier und Jägermeister und Blutalkohol-Konzentration von 1,7 bis 2,6 begann, endete später im Vollrausch mit zwei Flaschen Whysky pro Tag. Wegen der Gewöhnung an soviel Schnaps sei er auch mit viel Alkohol im Blut nur „mittelgradig berauscht“ gewesen.

So verliefen die ersten Verhandlungstage:

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Die Gutachterin führte aus, dass sie Hinweise auf eine Persönlichkeitsstörung bei Stephan G. nicht habe erkennen können. Wohl aber nannte sie Beispiele dafür, dass der Angeklagte zu Selbstüberschätzung und zu aggressivem Verhalten neigt, wenn er unter Alkohol steht.

Aggression habe sich im Umgang mit Verwandten und zwei jungen Frauen gezeigt und stehe im krassen Gegensatz zu nüchternen Phasen, wo er eher zurückhaltend wirke und Probleme habe im zwischenmenschlichen Kontakt. Er habe sogar Suizidgedanken gehabt, berichtete Dr. Leupold, habe sich von einer Möhnesee-Brücke stürzen wollen.

Im Bezug auf die Tat, die dem Angeklagten vorgeworfen wird, vermochte die Gutachterin „keine Anhaltspunkte für ein Affektdelikt“ zu erkennen, sie sah auch keine tragische Beziehungsdynamik, da es wohl eine freundschaftliche aber keine intime Beziehung zwischen dem Werler und dem Opfer gegeben habe. - dümi

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