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Möhnesee ist ein „geheimnisvoller Ort“

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GÜNNE - Versunkende Dörfer, gigantische Stein- und Wassermassen, eine riesige Staumauer: Der Möhnesee ist einfach faszinierend. Am Freitagabend würdigt ihn das dritte Programm in der Doku-Reihe „Geheimnisvolle Orte“.

Sie waren die Verlierer: „Es ist sicherlich eine gut funktionierende, bäuerliche Gesellschaft versunken im Tal“, sagt Betriebsstellenleiter der Möhnetalsperre, Ludger Harder, zehn Minuten, zehn Sekunden und fünf Zehntel Sekunden nach Filmstart. Er macht sich gut vor der Kamera, die ihn im Kontrollstollen, auf der Mauer und am Ausgleichsweiher zeigt.

Häuser und Höfe von 700 mehr oder minder gut entschädigten oder zwangsweise enteigneten Menschen im Tal zwischen Möhne und Heve wurden geflutet. Mit der Ortschaft Kettlersteich verschwand ein ganzes Dorf, erläutert ein Sprecher die folgende Bilderflut.

Der Hintergrund: In acht Monaten lief vor über 100 Jahren der zehn Kilometer lange Möhnesee voll. Es enstand einer der größten Stauseen Deutschlands. Die Mission: Wasser für das rasant wachsende Ruhrgebiet. Für seine Menschen, für eine durstige und ebenso verschwenderische Stahlindustrie.

Mit dem Bau der gigantischen Bruchsteinmauer konnten sich Ruhrtalsperrenverein und Industriekapitäne als Gewinner eines Mammutprojekts auf die Schulter klopfen. Geschuftet haben dafür italienische Facharbeiter, die auf der größten Baustelle ihrer Zeit 270 000 Kubikmeter Fels aufschichteten, bis die Mauer stand. Und hielt. Mit der Baustelle zu Kaisers Zeiten kamen die ersten neugierigen Gäste, mit dem See die Sommerfrischler.

Im Fahrwasser der Jubiläumsfeiern für die Möhnetalsperre und den Möhnesee hat auch der Westdeutsche Rundfunk (WDR) im vergangenen Jahr eifrig recherchiert. Nicht wegen des Jubiläums, sondern wegen der Geheimnisse, die das Bauwerk umgibt, das nach Aussage von Autor Rüdiger Heimlich „Fluch und Segen“ gleichermaßen darstellt: „Geheimnisvolle Orte“, heißt die Serie für die „Prime-Time“ an vier Freitagen zwischen dem 17. Januar und dem 7. Februar.

„Gut erzählte Geschichten mit schönen Bildern und einer packenden Geschichte“, erzählt die mitverantwortliche Redakteurin Gudrun Wolter im Anzeiger- Gespräch. „Wir nehmen die Zuschauer mit an Orte, die sonst in großen Teilen verschlossen bleiben, gehen mit ihnen auf eine Zeitreise.“ Regie führte Luzia Schmid, Schweizerin und Grimme-Preisträgerin.

Villa Hügel, der Nürburgring, der Kanzlerbungalow und der Möhnesee geraten so in den Fokus. Der Möhnesee am Freitagabendvon 20.15 Uhr bis 21 Uhr auf dem Dritten. Die Konkurrenz auf den anderen Kanälen ist groß. „Da muss man ein Thema so aufbereiten, dass es informiert und fesselt“, sagt Gudrun Wolter zum Film.

Der beleuchtet für ein hoffentlich großes Publikum, das nicht so intensiv das Jubiläumsjahr begleitet hat wie die Menschen an der Möhne den Bau in seinem historischen Zusammenhang, ein wenig auch die Idylle, die entstanden ist – hauptsächlich aber die Vollmondnacht, in der die Engländer die Mauer knackten. Die geladenen Zuschauer der Sneak-Preview im „Café Solo“ fanden das spannend und gut gemacht: Ausführlich und mit viel O-Ton und Bildmaterial wird das Geheimnis gelüftet, warum die Engländer genau wussten, wo die Mauer am verwundbarsten war. Und warum sie monatelang und ungestört an einem „Zwilling“ in Derbyshire üben konnten.

So wird die Geschichte der in England legendären „Dambusters“ ebenso beleuchtet wie die Erlebnisse einiger der letzten Zeitzeugen: Der Günner Hubert Köhler brachte in der Schicksalnacht seinem Vater einen Henkelmann ins Kraftwerk. Immer wieder kommt er zu Wort: Leidtragende des Angriffs waren Zivilisten und Zwangsarbeiterinnen. Der Angriff glückte, das militärische Ziel wurde verfehlt. Auch das zeigt der Film. Hanna Kampschulte aus Wickede ist weitere Zeitzeugin: Als der Damm brach und die Flut kam, blieb vom Elternhaus kein Stein auf dem anderen. Sie wurde kilometerweit talabwärts geschwemmt und überlebte, weil sie sich an Astwerk klammerte. „Wir haben bei der Bildauswahl und überhaupt bei dem ganzen Material immer wieder lange diskutiert: Was können wir zeigen, was können wir denen, die das damals miterlebt haben und vielleicht heute Abend zuschalten, zumuten“, sagte Redakteurin Gudrun Wolter: Der Schrecken ist auch so viele Jahrzehnte nach der Möhnekatastrophe noch greifbar. - brü

„Geheimnisvolle Orte“, Freitagabend von 20.15 Uhr bis 21 Uhr im WDR. Die Ausstrahlung wird am Samstag wiederholt. Danach ist der Film in der Mediathek hinterlegt. Weitere Infos im Netz: www.geheimnisvolleorte.wdr.de

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