Michael Kemper im Interview

Schützenoberst: „Virus hatten wir nicht auf der Rechnung“

„Beziehungen leiden unter der Pandemie“, sagt Echtrops Schützenoberst Michael Kemper (links), hier im vergangenen Jahr mit Sohn Paul auf den Armen seines Vaters Franz-Josef Kemper. „Es ist ein Jammer. Paul ist schon zwei Jahre alt und weiß immer noch nicht, wie schön Schützenfest ist...“
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„Beziehungen leiden unter der Pandemie“, sagt Echtrops Schützenoberst Michael Kemper (links), hier im vergangenen Jahr mit Sohn Paul auf den Armen seines Vaters Franz-Josef Kemper. „Es ist ein Jammer. Paul ist schon zwei Jahre alt und weiß immer noch nicht, wie schön Schützenfest ist...“

Die Sankt-Lucia-Schützen aus Echtrop gehören mit zu denen, die in der Region den Festreigen eröffnen. In Jahren ohne Corona ginge schon bald wieder das Trömmelchen in Echtrop, in Wildebauer und auf dem Teigelhof.

Möhnesee-Echtrop - Für dieses Jahr haben die Schützen aber schweren Herzens schon wieder abgesagt, weil die dritte Virus-Welle die Ansteckungszahlen in die Höhe schnellen lässt, weil Volksfeste im Moment unsicher wären.

Wir haben Echtrops Schützenoberst Michael Kemper gefragt, wie er und seine Schützen sich fühlen und ob sie als Bruderschaft die lange Durststrecke überstehen können – auch finanziell.

Schützenfest im Kreis Soest: „Man fühlt sich machtlos“

Ist das denn zu glauben? Das Schützenfest fällt zum zweiten Mal aus. Wie fühlt man sich da als Chef eines Vereins, der das gesellige Leben im Ort fördert?
Man fühlt sich in dieser Situation machtlos. Bereits das zweite Jahr ohne unser geliebtes Schützenfest. Um ehrlich zu sein: Es ist eine Katastrophe! Die geselligen Runden nicht nur am Schützenfestwochenende, sondern auch die Vorbereitung mit Fahnen aufhängen, Zeltaufbau und Gespräche mit Jung und Alt fehlen deutlich. Ein oder zwei Bier in der Hand und ein wenig Quatsch erzählen, lachen und die Neuigkeiten des Dorfgeschehens austauschen. Das war immer so schön, und jetzt dürfen wir es schon im zweiten Jahr nicht so halten. Wer hätte gedacht, dass wir einmal in dieser Situation sind? Niemand!
Was bedeutet die Absage für das Dorf und Euer persönliches Umfeld – gehen die Kontakte im Ort kaputt? Wie sehr leiden die Freundschaften untereinander, wie sehr zu den befreundeten Schützen in der Nachbarschaft?
Die Beziehungen leiden auf jeden Fall unter der Pandemie. Man denkt ja immer: Bald ist es vorbei, doch nun haben wir eine Dauerwelle. Noch ist absolut nicht absehbar, wann wir wieder ein Schützenfest in altbekannter Weise feiern können. Wie ist das Leben sonst? Freunde, Bekannte und Echtroper sieht man kaum noch. Wenn man Glück hat, sieht man sich beim Einkaufen. Zu Nachbarschützenbruderschaften und Vereinen hat man kaum Kontakt. Hier und da mal eine telefonische Absprache oder ein kurzer Kontakt über Plattformen wie Whatsapp. Aber es gibt, was Abstimmungen für Feste und Umzüge anbelangt, momentan auch kaum Themen, über die man sich austauschen müsste: Es findet ja absolut nichts statt.
Wie sind die Mitgliederzahlen? Wie viele Schützen haben die Echtroper, wie viele sind ausgetreten in der Zwischenzeit – und aus welchen Gründen? Wie schwierig ist es eigentlich, die Schützen in diesen Zeiten bei der Stange zu halten, was wird zu diesem Zweck unternommen?
Wir haben eine stabile Anzahl treuer Schützen, etwa 220 sind es im Moment. Auf diesem Wege sage ich allen, die der Bruderschaft die Treue halten: Vielen Dank dafür! Austritte hatten wir nur wegen eines Umzugs, ansonsten keine. Leider hatten wir aber auch nur einen einzigen Neuzugang. Die meisten neuen Schützen treten bei, wenn wir Schützenfest feiern oder bei unterschiedlichen Veranstaltungen übers Jahr. Aufgrund der Pandemie fallen jedoch so gut wie alle Veranstaltungen aus. Um besser informieren zu können, haben wir letztes Jahr schon eine Whatsapp-Gruppe eingerichtet. Der Plan war, dass Veranstaltungen, Arbeitseinsätze, Terminänderungen oder Ausflüge auf schnellem Wege an die Schützenbrüder geteilt werden. Leider gibt es im Moment nur sehr wenig mitzuteilen...

Wir alle werden die zukünftigen Veranstaltungen in der Dorfgemeinschaft viel mehr zu schätzen wissen als früher.

Michael Kemper
Im letzten Jahr waren Treffen auch schon tabu. Trotzdem war das Dorf mit Flaggen und Fähnchen geschmückt, trotzdem gab es statt Schützenfest ganz spontan einen Auto-Korso als kleines Trostpflaster. Was wird es in diesem Jahr geben – kann und darf irgendetwas stattfinden?
Geplant ist momentan nichts. Die steigenden Zahlen geben uns aktuell keine Chance, irgendetwas zu planen. Man weiß aktuell nicht, welche Schutzmaßnahmen in den nächsten Wochen festgelegt werden, wie viel Kontakte man im Mai haben darf, was alles noch an Einschränkungen auf uns zukommt.
Vereine und Bruderschaften müssen Versammlungen abhalten und ihre Geschäfte sortieren. Wie klappt das bei den Echtropern, wo doch keine Versammlungen stattfinden können? Wie sind die Planungen für den Rest des Jahres?
Die letzte Vorstandsversammlung hatten wir im vergangenen September, eine weitere Zusammenkunft war bislang nicht möglich. Wir setzen uns wieder zusammen, sobald das möglich ist, bereiten dann möglichst eine Jahreshauptversammlung vor, um Wahlen durchzuführen und um weitere wichtige Angelegenheiten klären zu können. Ein großer Wunsch für dieses Jahr ist: Wir möchten Ende August wieder unser Kinderschützenfest feiern. Diese Veranstaltung ist aufgrund der steigenden Kinderzahlen im Ort sehr beliebt.
Wenn die Kleinen am Abend ins Bett gehen, dann feiern wir unseren Dorfabend, auch das kommt bei Jung und Alt seit vielen Jahren sehr gut an. Das nächste Schützenfest haben wir dann für kommendes Jahr eingetragen: Vom 6. bis zum 8. Mai 2022 wollen wir wieder feiern. Hierzu haben wir bereits die Zusage unserer Freunde: Das Feuerwehr-Tambourkorps aus Brüllingen und der Musikverein aus Herdringen, sie wollen wieder mit dabei sein, zugesagt haben auch der Festwirt Wolfram Bock und der Zeltverleih aus Klieve.

Zur Person

Michael Kemper ist 34 Jahre alt, verheiratet und hat ein Kind. Der Beamte bei der Bezirksregierung Arnsberg ist in der Freizeit passionierter Brieftaubenzüchter und seit 18 Jahren bei den Echtroper Schützen aktiv. Kemper war Jugendwart im Vorstand, anschließend zweiter Kassierer. 2014 wurde er mit gerade mal 27 Jahren Vorsitzender und Oberst.

Mit welchen Belastungen müssen die Schützen jetzt klarkommen – gerade, wo das Bürgerhaus in das Eigentum der Bruderschaft übergegangen ist? Hat es Hilfen vom Bund gegeben, soll etwas beantragt werden? Wie gut werden die Schützen als Bruderschaft durch diese schwierige Zeit kommen – hält die Kasse das aus?
Die Schützenbruderschaft ist seit Anfang des Jahres ganz offiziell Eigentümerin des Bürgertreffs und der angrenzenden Wiese – früher war das mal der Sportplatz der alten Schule. Eine kleine Finanzspritze für den Kauf kam durch die „Stiftung NRW“. Unser Geschäftsführer und wir als Bruderschaft insgesamt haben gut gewirtschaftet, wir hatten erfolgreiche, beliebte Veranstaltungen – aber jetzt, nach diesem Kauf, da ist unsere Kasse leer. Dass uns ein Virus zwei Feste in Folge völlig verhagelt, ja sogar unmöglich macht, das hatten wir nicht auf der Rechnung, das hätte absolut niemand auf der Rechnung gehabt. Das ist die aktuelle Situation: Die geplanten Einnahmen durch Vermietungen des Bürgertreffs und unseres Toilettenwagens, durch Versammlungen aller Art, durch Ausstellungen und ähnliches, sie fallen komplett weg. Die laufenden Kosten schultern wir mit unseren Mitgliedsbeiträgen.
Versuchen wir ein Fazit zu ziehen, wenn das überhaupt geht: Kann man etwas lernen aus diesen schwierigen Wochen und Monaten, aus dieser andauernden Ungewissheit? Was bleibt über für die Schützen?
Die wichtigste Erkenntnis ist nach meiner Auffassung: Wir alle werden die zukünftigen Veranstaltungen in der Dorfgemeinschaft viel mehr zu schätzen wissen als früher. Karneval, Schützenfest, Kinderschützenfest, Seniorennachmittag und diese Dinge, sie waren immer so selbstverständlich. Zukünftig sollten wir alle dankbarer sein für die kleinen Dinge im Leben und das Zusammensein mit der Familie, mit Freunden, mit Nachbarn, Schützenbrüdern. Und für den Spaß am Leben!
Welche Fragen bleiben offen?
Wie sieht die neue Normalität aus? Wie sieht zukünftig ein Schützenfest aus? Welche Hygienekonzepte müssen erfüllt sein, was wird es für weitere Auflagen geben? Das sind die Fragen, die mich beschäftigen. Wir müssen leider weiter abwarten.

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