Helmut Wojak zapft seit 1997

Kneipe „Zur Post“ am Möhnesee: Letzter Wirt von Körbecke wird heute 80 Jahre alt

Nie verzagt, stets ein geduldiger Zuhörer, ein guter Ratgeber, einer der zupackt und hilft – so kennen alle Helmut Wojak.
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Nie verzagt, stets ein geduldiger Zuhörer, ein guter Ratgeber, einer der zupackt und hilft – so kennen alle Helmut Wojak.

Die gemütlichen Runden an seiner Theke und an den Tischen in der urigen Gaststube „Zur Post“ – viele im Ort und der Nachbarschaft vermissen das, seit wegen Corona mal wieder zugesperrt werden musste. 

Möhnesee-Körbecke - Dabei ist Helmut Wojak überzeugt: „Es ist nicht die Gastronomie, die die Infektionszahlen nach oben treibt“, so Körbeckes letzter Wirt. Am Samstag (17. April) wird er 80 – und wie alle darf er nicht groß feiern.

Vier Kinder, deren Kinder und der Anhang – da wäre die Stube ruckzuck voll.

Kneipe am Möhnesee: „Umgesetzt, was nötig war“

Wojak: „Wirte, Restaurant- und Hotelbetreiber, Frittenbuden, Eisdielen – sie alle haben doch sofort alles an Hygienemaßnahmen umgesetzt, was nötig war: Maske über Mund und Nase, Abstand zwischen den Gästen, Acrylglasscheiben, Lüftung, Desinfektionsmittel, Besucherlisten – alles, was gerade vorgeschrieben wurde. Hat alles nicht geholfen. Wir haben als Erstes zugemacht, wir machen als Letztes wieder auf. Man verliert Vertrauen bei dem ganzen Rumgeeiere von denen da oben. Nach einem professionellen Plan sieht das nicht aus. Das ganze Hin und Her hat nichts gebracht. Wir erleben einen Flickenteppich.“

So knurrig und so unversöhnlich deutlich ist der rührige „Kneiper“ selten. Seine Stammgäste, seine Freunde und die Familie, sie kennen ihn anders: Immer einen flotten Spruch auf den Lippen, nie verzagt, stets ein geduldiger Zuhörer, ein guter Ratgeber, einer der zupackt und hilft, Fünfe gerade sein lässt. Und einer, der Geschichten zu erzählen weiß: Von der Ausbildung zum Maschinenschlosser, vom Bund und wie weit er herumgekommen ist als junger Oberfeldwebel bei der Luftwaffe, von seiner Zeit in El Paso, wo er auf Lehrgang war, von seiner Zeit in Frankreich, wo er als junger Rekrut packen und aufs Fahrrad steigen musste mit der gesamten Brigade: Kuba-Krise, und die Welt hielt den Atem an!

8 Kilogramm wiegt das neue Kunstwerk von Helmut Wojaks Schwiegertochter Marion: In mehr als 50 Stunden aufreibender Modellierarbeit hat sie den Gasthof „Zur Post“ aus Tortenböden, Fondant und etlichen weiteren Zutaten nachempfunden - inklusive Bänken, Fahrraständer, Blumenkübel, Zigaretteneimer und weiteren Details. Die Gardinen aus filigranstem Zuckerguss wurden erst nach dem Fototermin aufgehängt.

Für Wojak und seine Kameraden hieß das: Ab in den Bereitstellungsraum. Dass es noch einmal gut gehen würde, das wussten sie bei Abfahrt nicht. Von seiner Zeit als Filialleiter bei Aldi in Soest in der Puppenstraße, später als Macher bei „Hill“, auch davon erzählt „Opa“ gerne, und wie er danach 1984 als Wirt im Grandweg in Soest anfing. In den 1980er-Jahren schloss er dort auf, gemeinsam mit seiner inzwischen verstorbenen Ehefrau Anne, war Mitbegründer und Motor der Werbegemeinschaft in der Einkaufsstraße.

1997 übernahm Helmut Wojak die Gaststätte „Zur Post“ am Kirchplatz. Das Fachwerkhaus ist so alt, dass sich die Balken biegen, witzelt er. Und es gibt Stammgäste, die schwören Stein und Bein, dass schon der in Körbecke legendäre Kirchenschnitzer Heinrich Stütting dort gerne den Durst löschte, wann immer er Pause machte bei den Renovierungsarbeiten in der Pfarrkirche gegenüber – damals, nach dem großen Brand.

Kneipe am Möhnesee:

Wie auch immer: Frühschoppen-Fans, Körbecker in der Mittagspause, später am Tag Kegelclubs, Dartspieler, Karnevalisten, Schützen, Fußballer, Eishockeyspieler, Clubs und Grüppchen, Familien in Freud und Leid, Spaziergänger, Ausflügler und schon lange auch viele Gäste aus der Klinik – sie alle drückten in den vergangenen fast 24 Jahren gern die Klinke an der schweren Eichentüre und mischten sich unter die Leute, die sich immer, was zu erzählen hatten: Man ist ja auf dem Dorf in Körbecke, jeder kennt jeden – und irgendwas ist immer.

Helmut Wojak jedenfalls ist eine Institution, wie nicht nur Ludger „Luscher“ Schulte, Körbecker Original und seit 20 Jahren Stammgast in der „Post“ findet. „Ein ganz feiner Kerl. Ein Kneiper, wie man ihn sich vorstellt. Immer ein offenes Ohr, immer hilfsbereit, ein guter Knobler, ein guter Freund. Er kennt seine Gäste, geht auf jeden zu, hat für jeden ein nettes Wort. Findest Du nicht mehr oft, solche Leute. Und es ist so schade, dass gerade Helmut nicht aufmachen darf: Was würden wir nicht alle geben für einen schönen Absacker dort, für ein Schwätzchen in aller Gemütlichkeit!“

Ein ganz feiner Kerl. Ein Kneiper, wie man ihn sich vorstellt. Immer ein offenes Ohr, immer hilfsbereit, ein guter Knobler, ein guter Freund. Er kennt seine Gäste, geht auf jeden zu, hat für jeden ein nettes Wort.

Ludger „Luscher“ Schulte

Heute ist die „Post“ die letzte Gaststätte im Ort. Und was werden wird, weiß „Opa“ zum 80. nicht: „Wir müssen abwarten“, sagt er und seufzt: „Hilft alles nichts“. Und wenn heute jemand anklingelt? „Vielleicht ein paar Worte am Fenster oder an der Tür, einzeln, auf Abstand, ganz nach den Regeln, mehr geht leider nicht.

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