Arbeit in Akkordzeit

Expertin klärt auf: Wie der Herold in seine Kluft kommt

Körbecke – Wie kommt das eigentlich, dass der dünnste Spargel und der dickste Hintern immer passend ins Elferratskostüm kommen?

Schnippelt da jemand über Nacht was weg oder näht flugs einen Quadratmeter dran, ist da gar ein Gummizug in den Buchsen? Und überhaupt: Wie kriegen die die Hüte passend, das Prinzenwams und das schicke Kleid der Prinzessin? Fragen über Fragen. 

Und die Antwort darauf hat eine Dame, bei der die Prinzen im Dutzend ein und aus gehen übers Jahr: Ingrid Schwienhorst-Meier näht und verleiht Kostüme – nicht nur für den Karneval. Opa Carl gründete das unscheinbar wirkende Geschäft 1913, ihr Vater machte weiter, und sie übernahm 1984. Längst ist Tochter Judith Siwon mit in der Geschäftsführung. Gelebtes Motto: „Geht nicht gibt’s nicht, und was nicht passt, wird passend gemacht.“ 

Hochsaison ist das ganze Jahr

Hochsaison ist das ganze Jahr hindurch, und auch die Körbecker Karnevalisten fahren seit Jahren gerne nach Ahlen: „Still und heimlich weit vor der Session, das ist immer eine ganz verzwickte Angelegenheit, weil ja niemand was mitbekommen soll, wer Prinz und Prinzessin werden wird – deshalb konnten wir den Anzeiger da auch noch nie mitnehmen, denn jeder Mitwisser ist einer zu viel“, erzählt „Ditze“ Stratenschulte, Zeugwart der Körbecker Karnevalsgesellschaft: „Vor allem heute: Ruckzuck ist das im Netz!“

In dieser Geschichte ist er Berater für den womöglich nächsten „Klingelmann“: Hendrik Bömer aus Berlingsen will Herold werden. „41 n.K.“ – das ist der 41. Herold nach Ernst Klingelmann, dem legendären Urvater der Körbecker Traditionsfigur. Klingelmann ritt früher jahrelang dem Karnevalszug voran, begleitete das Dreigestirn mit Tröte, Hellebarde, stierem Blick, falschem Bart und einem Federhut mit breiter Krempe. Seit seinem tragischen Tod wird das Amt jedes Jahr neu besetzt. 

Zwei Etagen voll Kostüme

Mit jemandem, der ebenso schräg drauf ist wie einst Klingelmann. Vorstellung war jetzt bei der Prinzessinproklamation, und dafür musste der Herolds-Anwärter erst einmal ins Wams: Das hing in Ahlen, und Ingrid Schwienhorst-Meier war in der Woche zuvor heilfroh, dass sie es nur mit Herren zu tun hatte: „Wissen Sie: Es geht einfach schneller, wenn keine Frauen dabei sind – die sind immer so, naja, ich sag‘ da jetzt nichts zu…“ 

Schwuppdiwupps hat sie das Maßband parat und schon das erste Wams herbeigeholt: Auf zwei Etagen und an etlichen Garderobenstangen hängen Uniformen und Kostüme zu Hunderten. Ein Wams mit viel Rot? „Och nö“, sagt der Fast-n.K. Das nächste ist schick in Schwarz, mit Goldverzierung und Schleifen an den Ärmeln. „Hmm – hat das nicht der Essi angehabt im letzten Jahr?“ 

Gut, dass es Handys gibt: Jetzt geht der Rundruf raus, aber irgendwie hat niemand ein Foto vom letzten Jahr parat. Und jetzt? In der Zwischenzeit ein neues Wams – ein anderer Schnitt vielleicht? Ein wenig altkatholisch-lila mit Anthrazit. „Och nö!“ Eine Entscheidung ist fällig. Hilft der Blick in den Spiegel? Bedingt. Schwienhorst-Meier schaut in die Runde, zupft hier, zupft da: „Sieht doch schick aus, oder?“

Strümpfe weiß oder schwarz? Die Expertin weiß es

Drei Damen einer anderen Gesellschaft schweben herein, wuseln rastlos durch die Galerien: „Hammwer nix richtig schickes Buntes?“ Stimmt: Männer sind fixer. Hendrik Bömer hat sich fürs Schwarze Wams entschieden, das mit den Schleifen. Flugs gibt es die passende Kniebundhose dazu. Strümpfe weiß oder schwarz? Gut, klären wir später – aber schwarz passt wohl am besten. Stiefel, Stulpen, Gamaschen – was trägt ein Herold? Schwienhorst-Meier rät zu Stiefeln. 

Jetzt noch ein passender Hut mit breiter Krempe, und fertig ist der Kandidat. Der steht vor dem Spiegel und mustert den, den er da sieht: „Ist komisch, wenn man drinsteckt in diesen Sachen und überlegt, was jetzt so alles auf einen zukommt…“ Ob das eigentlich stimmt, dass er ungeprüft noch gar nicht in die Tröte blasen darf, hat er schon vorher gefragt. Ditze, der Zeugwart, er hat belustigt dreingeschaut. Ingrid Schwienhorst-Meier und Tochter Judith sind zufrieden. Wie lange das noch geht, ist eine Frage: „Ist ja alles Handarbeit, und die Näherinnen verlangen immer noch mehr Geld. Will ja kaum noch einer machen, diese Arbeit…“, erzählt die Chefin. 

Für "Bumsköppe" muss auch mal die Kappe geändert werden

Wie auch immer: Jetzt ist geklärt, wie Dreigestirn und Elferrat und Herold passend in die Kostüme kommen. Na gut, nicht immer „passend“: Für die „Bumsköppe“, den Elferrat im letzten Jahr, da mussten sie die Kappen ändern. 

War ein schönes Stück Arbeit. Und Prinzessinnen kaufen oder leihen gelegentlich auch anderswo – oder nähen gleich selber. Schick sind sie alle – und das nächste Mal quietschvergnügt zu sehen am Sonntag bei Böhmers, dann ist ab 11 Uhr 11 die offizielle Heroldsprüfung, und Zuschauer sind willkommen.

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