"Käferholz" geht aus dem Wald in großen Mengen direkt nach China

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Mit großem Geschick werden die Fichtenstämme von Bernd Gödde per Ladekran vom Langholzwagen in die Frachtcontainer verladen.

Möhnesee – Weil wegen der Borkenkäferplage befallene Fichten kontinuierlich in großen Mengen aus dem Wald geholt werden müssen, kommt den Waldbauern entgegen, dass China derzeit verstärkt Holz importiert. Das Fichtenstammholz wird direkt im Wald in die Frachtcontainer verladen und geht dann zur Verschiffung nach Hamburg.

Mit festem Griff packt der Greifer drei, vier Stämme, der Ausleger fährt hoch und dreht sich zugleich, ein bisschen nachjustiert, schon verschwinden die Stämme in dem Seecontainer. Ein Kunststück, das Bernd Gödde quasi im Minutentakt vollführt, binnen zehn Minuten hat er die Fichtenstämme vom Langholzwagen in die Transportbox verladen. Die Nummern der Stämme müssen noch für die Frachtpapiere registriert werden, dann ab nach Hamburg. Dort werden die Container wegen möglicher Schädlinge wie eben dem Borkenkäfer begast, danach geht es per Schiff nach China. 

Wegen der grassierenden Borkenkäferplage müssen riesige Mengen Holz aus dem Wald geholt werden, bevor die befallenen Bäume nicht mehr vermarktet werden können. Normalerweise importiert China per Container eher Edelhölzer wie Buche, angesichts der aktuellen Preise lohnt sich aber sogar der Export von Fichtenstammholz nach Fernost. Begünstigt wohl auch durch den Handelskonflikt zwischen China und den USA, berichtet Michael Wiggeshoff vom Holzkontor Sauerland. Die Firma ist für Waldbesitzer und Forstunternehmer als Holzvermarkter tätig, und da gibt es derzeit eine Menge zu tun. 

Rund 30 Festmeter passen in eine Box, das Gewicht wird beim Verladen per Waage kontrolliert.

Zehn Hochseecontainer wurden am Freitag an der Rissmecke in Völlinghausen verladen, weitere zehn waren es am Donnerstag im Wald bei Günne. Monatlich gehen allein NRW-weit etwa 100 Container auf die Reise nach China, so HKS-Geschäftsführer Wiggeshoff. Etwa 30 Festmeter passen in einen Behälter, Gödde kann das Gewicht während des Umladens per Waage kontrollieren, denn je nachdem, wie trocken das Holz ist, kann das Gewicht pro Festmeter variieren, erklärt Försterin Anna-Maria Hille, die seit März für den Forstbetriebsbezirk Möhnesee mit seinen rund 130 Waldbauern zuständig ist. 

Das Fichtenstammholz, das per Container nach China geht, bringt aktuell etwa 45 bis 50 Euro je Festmeter. Angesichts der Tatsache, dass die Fichten 60, 70 Jahre gehegt wurden und angesichts der Kosten für Einschlag, Rücken und Vermarkten kommen viele Waldbauern mit diesen Erlösen gerade mal auf ihre Kosten. „Aber wir sind froh, dass diese Holzmengen nach China abfließen können“, so Wiggeshoff. 

Das Hauptproblem: Viel Sturmholz, das trockene Jahr 2018 und ein milder Winter haben bewirkt, dass die Borkenkäfer selbst in unterschiedlichen Larvenstadien unter der Baumrinde überwintern konnten, berichtet Anna-Maria Hille. Statt der üblichen zwei oder drei Vermehrungszyklen pro Jahr schwärmen die Käfer, begierig auf Vermehrung, derzeit permanent: „Der normale Zyklus ist total gesprengt.“ 

Für die Forstleute gibt es daher keine Atempause. Kaum sind aus einem Waldabschnitt die befallenen Fichten raus, sind kurze Zeit später auch zuvor gesunde Bäume befallen. Das Bohrmehl am Stammfuß verrät es, und das Durchforsten geht noch einmal von vorne los, schildert Hille. Wie ein geschädigter Bestand aussieht, zeigt sich derzeit auf dem Hang östlich der Rissmecke Richtung Niederbergheim. Hier ist ein Fichtenwald von 30 Hektar befallen, das macht nach Hilles Schätzung rund 7 000 Festmeter aus. 

Hinzu kommen die vielen Einzellagen, wo der Käferbefall immer wieder aufflackert. Die Försterin: „Das Ganze gleicht dem Versuch, einen Flächenbrand mit viel zu kleinen Füßen auszutreten.“ Wie lange es dauert, bis die akute Notlage ausgestanden ist? Prognosen gingen zunächst von fünf, sechs Jahren aus, so Hille. Aber bis dahin werde es im heimischen Wald womöglich keine Fichten mehr geben

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