Hirschjagd im Arnsberger Wald: Hohe Bestände fordern die Jäger

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Bei diesem Anblick dürfte manch’ ambitioniertem Jäger der Finger am Abzug zucken, dieser Sikahirsch steht im Wildpark Völlinghausen.

Möhnesee – Die frischen Triebe junger Bäume schmecken Wildarten wie Sika und Reh besonders gut, doch wenn die Knospen immer wieder abgeknabbert werden, verkümmert der Baumnachwuchs oder er geht ein. Das macht Wiederaufforstung und Naturverjüngung nach dem Totalausfall der Fichtenbestände schwierig oder zumindest sehr teuer, weil die Flächen mit den zarten Jungpflanzen gegattert, also eingezäunt, werden müssen. Den Forstexperten und Waldeigentümern ist der starke Besatz an Sikahirschen in der Gemeinde Möhnesee und dem Arnsberger Wald daher ein Dorn im Auge, sie fordern eine stärkere Bejagung des Sikawildes.

Für Jäger wiederum sind die Hirsche eine begehrte Jagd- und Trophäenbeute. Wald oder Wild, das ist zugespitzt die Frage zwischen beiden Positionen. Wie das mit der Jagd aussieht, zeigt ein Blick auf die Internetseite über die Sikahirschjagd in den Revieren des Barons zu Fürstenberg-Herdringen: Die mehr als 3 000 Hektar großen Privatwälder des Barons zu Fürstenberg-Herdringen seien geprägt von alten Eichen- und Buchenbeständen, dort zu jagen sei ein Genuss. In den vergangenen Jahren seien alle Gäste zum Schuss gekommen und manch kapitaler Hirsch sei am Schloss Herdringen zur Strecke gelegt worden. 

Grundlage für dieses „Geschäftsmodell“ ist ein ausreichender Bestand an Wild, dass dies zu einem zu hohen Sikawildbestand führe, lässt Kai-Uwe Kühle aber nicht gelten. Der Geschäftsführer der „K&K Premium-Jagd GmbH“ vermarktet unter anderem die Jagd auf Sikawild in den Fürstenberg’schen Wäldern. 

„Wir vermitteln keine Garantie auf einen Jagderfolg oder Wild im Anblick“, so Kühle. Das Konzept bestehe vor allem darin, eine Jagd bestmöglich zu organisieren. Es müssten auch keine Wildbestände vorgehalten werden, es gebe genug Wild. 

Die hohen Bestände an Sikahirschen, Rotwild und Rehwild sind der Wiederaufforstung abträglich, eine schärfere Bejagung wird daher gefordert.

Wichtig sei angesichts der Verbiss-Schäden vielmehr eine intelligente Bejagung. Flächen für den Waldaufwuchs müssten stärker, alte Waldbestände weniger bejagt werden, um das Sikawild von den empfindlichen Flächen fernzuhalten. 

Eine „intelligente Bejagung“ könne man sicher versuchen, sagt Edgar Rüther, der Leiter des Regionalforstamts Rüthen. So lange die Bestände viel zu hoch sind, sei dies aber keine Lösung. Rüther zufolge gibt es im Verbreitungsgebiet Arnsberger Wald Hochrechnungen zufolge etwa 3 000 Stück Sikawild, verträglich seien aber etwa 500 Tiere. 

Hinzu kämen 700 Stück Rotwild und ein wachsender Bestand an Rehwild, das wegen seiner Vorliebe für bestimmte Baumtriebe für den Aufwuchs der angestrebten Mischwälder ebenfalls Spuren hinterlasse. Rüther: „Von einer Wildbewirtschaftung sind wir weit entfernt, die Trophäenjagd ist nach wie vor in den Köpfen der Jäger weit verbreitet, das ist nicht zielführend.“ 

Wie im Staatswald vorgegangen wird, um den Bestand abzuschätzen, schildert Lorenz Lüke-Sellhorst vom Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberger Wald. Bei der Scheinwerfer-Taxation werden bestimmte vorgebene Strecken ausgeleuchtet und die dann sichtbaren Sikahirsche gezählt. Für das Gebiet des Staatswaldes ergab sich dabei für die Jahre 2017, 2018 und 2019 im Durchschnitt ein Bestand von gut 1 000 Sikahirschen. 

Umgerechnet auf 100 Hektar sind dies im Staatswald 13 bis 14 Stück, gemäß der einschlägigen Verordnung von 1995 gelten jedoch 500 Stück im Verbreitungsgebiet Arnsberger Wald als Ziel, das wären wiederum bezogen auf den Staatswald zwei bis drei Sikahirsche pro 100 Hektar. Lüke-Sellhorst: „Wir liegen weit über diesem Ziel, der Bestand ist nach wie vor viel zu hoch – eindeutig.“ 

Dabei sind die Abschusszahlen bezogen auf den Staatswald durchaus kräftig gestiegen. 2010 wurden 219 Stück Sikawild erlegt, 2017 waren es 716 Stück. 2018 ging die Abschusszahl wegen schwierigerer Jagdbedingungen jedoch zurück. 

Lüke-Sellhorst, selbst als Jäger zudem im Vorstand der Hegegemeinschaft, setzt deshalb auf ein Umdenken bei den Jägern – wenngleich er mit seinen Mahnungen im Vorstand bisweilen noch allein da stehe. 

Oft in der Kritik, weil es dort einen zu hohen Sikawildbestand geben soll, ist die Privatjagd Veltins, die bis nach Völlinghausen heran reicht. Doch auch hier wird laut einer Stellungnahme für den Anzeiger der historisch dramatische Einbruch der Fichtenbestände als ungeheuer schmerzhaft wahrgenommen. 

Eine großflächige Jungaufzucht des Waldes müsse nun im Mittelpunkt der forstwirtschaftlichen Maßnahmen stehen, um den Wald auf Dauer wiederherzustellen. Weiter heißt es: „Dabei ist es unerlässlich, den Wildbestand drastisch zu reduzieren. Bereits mit Beginn der diesjährigen Jagd findet eine starke Bejagung und Reduzierung des Wildbestandes statt, damit die Baumbestände und die anstehende Jungaufzucht einen stärkeren Schutz vor Verbiss erfahren. Dazu hat es an der Möhne bereits eine revierübergreifende Jagd von Staatsforst und benachbarten Jagden gegeben, um bei der Reduktion einen weiteren Schritt nach vorn zu kommen. Die Maßnahmen werden 2020 intensiv fortgesetzt, um das absolut übergeordnete Ziel eines gesunden Wiederaufbaus und eines generationenübergreifenden Erhalts des Waldes voranzubringen.“ 

Lohnend ist die schärfere Bejagung vielleicht auch aus einem anderen Grund, nämlich wegen des Wildbrets vom Sika. Lüke-Sellhorst: „Ich kenne nichts besseres.“

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