Spontane Idee umgesetzt

Hilfe aus Möhnesee für Flutopfer in Altena

Eine Dame hat gerade Babywindeln abgegeben, die von einer Helferin mit verpackt werden.
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Eine Dame hat gerade Babywindeln abgegeben, die von einer Helferin mit verpackt werden.

Spontane Aktion am Möhnesee: Christian Moers setzt Idee um und sammelt für Menschen in Altena.

Körbecke/Altena – Die Helfer erinnern sich: „Ja, wo kommen die denn her, und was haben die da alles mitgebracht?“ Tränen der Rührung habe es gegeben, als Christian Moers aus Völlinghausen und sein privat organisierter Hilfskonvoi am Samstagnachmittag ankamen in der vom Wasser hart getroffenen Stadt Altena im Märkischen Kreis: Im Fernsehen hatte er am Freitagabend die Bilder gesehen, wie die Wassermassen die Häuser geflutet und teils weggerissen hatten. Wie sie den Menschen innerhalb von Minuten ihr Hab und Gut davongeschwemmt hatten, wie Feuerwehr und Rettungsdienste im Dauereinsatz waren – zwei Feuerwehrleute kamen dabei in der Nette um, die zu einem reißenden Fluss gekommen war.

Hilfe aus Möhnesee: „Abgeschnitten von der Außenwelt“

„Abgeschnitten von der Außenwelt, kein Strom, alles futsch: Das war alles so dramatisch, da hat es mich nicht mehr auf dem Sofa gehalten – ich musste einfach was tun“, erzählte Christian Moers am Samstag, „ich bitte hier die Menschen um schnelle Hilfe, sammle alles ein, was helfen kann – Essen, Klamotten, Geld, einfach alles, und dann besorge ich Autos und Fahrer und mache mich auf den Weg da runter – das war die spontane Idee.“ „Mach‘ mal langsam, alleine schaffst Du das nicht, so habe ich ihm das ausreden wollen“, gab die Ehefrauen im Gespräch mit unserer Zeitung zu: „Aber man sieht ja selber, was hier los ist….“

Hier, das war am Samstag in Körbecke auf dem Aldi-Parkplatz: Im Minutentakt packten Wildfremde Sachen in Christian Moers Auto und den Anhänger, oder sie fragten, was gebraucht werde, gingen bei Aldi oder Rossmann einkaufen und lieferten alles bei Christian Moers ab. „Lebensmittel, Klopapier, Windeln, alle möglichen Hygieneartikel für sie und ihn, Getränke, Konserven, Lebensmittel, eben alles, was man so an Grundausrüstung für den Tag braucht, sowas habe ich angefragt bei den Leuten“, schilderte Moers, „und natürlich Decken, Schuhe, Anziehsachen, Bettwäsche, Spielzeug auch – eben alles, was die Leute hier entbehren konnten, damit es den Menschen in Altena erst einmal irgendwie über die Runden hilft.“

Sein Hilferuf ging schon am Freitagabend raus über die Kanäle der sozialen Netzwerke an alle Bekannten, auch an Bürgermeisterin Maria Moritz. Am Samstagmorgen sendete der Lokalfunk frühmorgens den Aufruf von Christian Moers, und das trat eine Welle der Hilfsbereitschaft los: Volksbank-Chef Bernd Wesselbaum stellte spontan 1000 Euro zum Einkaufen zur Verfügung, in Körbecke gaben Yvonne und Meinolf Griese sofort 100 Euro, Möhnesees Kämmerer Günter Wagner gab 250 Euro.

Christian Moers (links) sagt Danke: Er hat sein Auto und seinen Anhänger schon einmal vollgepackt mit allem, was Leute bei ihm abgegeben haben. Rechts im Bild steht Edgar Ramsel aus Kallenhardt: Er hörte den Hilferuf im Radio, brachte Auto und Anhänger mit, fuhr mit nach Altena.

„Was sollen wir lange überlegen, wie wir mit der Kollekte aus dem Trauergottesdienst für Günther Beerwerth Gutes tun?“, fragten Pastor Ludger Eilebrecht und Birgit Sommer von der katholischen Pfarrei vor Ort. Sie schnappten sich Einkaufswagen und schoben los für Altena. „Da wird uns sicher niemand böse sein…“ Dass der Propst in Soest ihm schon gesagt habe, alle Kollekten von den Messen an diesem Sonntag sollten überhaupt in die Fluthilfe gehen, das fügt Eilebrecht hinzu: „Schnelle Hilfe ist wichtig!“

In Rüthen-Kallenhardt hörte Edgar Ramsel den Aufruf im Radio: „Die Familie hat mir frei gegeben, ich habe mir den Anhänger ans Auto gehängt und bin ab nach Körbecke“, erzählt er, „ich fahre mit nach Altena, die können da jede Hilfe gebrauchen, und spontan ist immer am besten, also nichts wie los!“

Genau so reagierten auch Rudi und Marlies Minter: Sie hörten in Erwitte Radio, packten ein, was sie auf die Schnelle finden konnten: Seife, haltbare Lebensmittel, Putzschwämme, Handtücher – und machten sich auf den Weg nach Möhnesee. „In Lippstadt läuft auch eine Aktion, aber die haben andere Sachen gesammelt“, erzählten beide.

Gisela Rosenthal aus Günne schickte die Tochter auf den Weg: „Handtücher und Decken haben wir eingepackt und geben sie mit nach Altena“, erzählte die Tochter, „hoffentlich kommt viel zusammen!“ Eine Dame aus Soest hält mit ihrem Wagen an: „Ich habe Kleidung zusammengesucht, wo soll ich hin?“

Hilfe aus Möhnesee: „Wirklich ganz genial, diese Hilfsbereitschaft“

Ilona Bräutigam aus Sichtigvor und ihre Mutter Brigitte Schmidt stehen auch schon Schlange: „Wir haben das im Internet mitbekommen, auf Instagram. Das war eine Aktion vom Unverpackt-Laden in Soest, aber die waren voll und konnten nichts mehr annehmen, haben uns aber auf die Aktion hier aufmerksam gemacht. Wir haben vier Kartons zusammengepackt – Latzhosen, Arbeitshosen, Kinderkleidung…“ Robin und Denise aus Soest fragen sich durch: „Wir haben Decken, Bettwäsche, Katzenfutter, Pflegeprodukte, Reis… – wir haben im Radio davon gehört. Wo sollen wir hin?“

Viele, die bei Aldi und Rossmann einkaufen und noch nichts von der Aktion wissen, fragen nach, was da verpackt wird in den Autos und Anhängern, marschieren spontan los und kaufen auch erst einmal für Altena ein, liefern das ab und gehen für ihre eigenen Einkäufe los. „Wirklich ganz genial, diese Hilfsbereitschaft“, so freuen sich Moers und seine Helfer, die sich bis dato so noch gar nicht kannten. „Nicht lange fragen – hingehen und machen“, sagt jemand: „Wer viel fragt, kriegt viele Antworten.“

Stefan Lipinski und Reinhard Erdmann aus Soest, Michael Flüthe aus Delecke, Cornelia Langhans und Klaus-Dieter Büchner und noch viel, viel mehr Hilfsbereite geben ihre kleinen und großen Spenden ab und loben die Aktion von Christian Moers: „Coole Sache, genau richtig, wir helfen gerne! Gar nicht auszudenken, wenn einen selber so ein Unglück träfe…“

Christian Moers ist inzwischen viel zuversichtlicher als noch vor einer Stunde: Er hat weitere Anhänger, Autos und Mitfahrer – und Bürgermeisterin Maria Moritz ist inzwischen auch auf dem Aldi-Parkplatz, hat einen Wagen vom Bauhof angefordert und zwei Fleißige gefunden, die freiwillig Überstunden machen und mit nach Altena fahren. „Kein Ding“, sagen Daniel Gerenkamp und Sven Thams: „Eineinhalb Stunden Fahrt bei Tempo 80 – wir schaffen das…“ Bürgermeisterin und Christian Moers telefonieren jetzt mit Altena: Mit der Leitstelle der Feuerwehr im Märkischen Kreis und dann mit der Stadtverwaltung in Altena, wissen so, wen sie ansprechen können, wo genau sie hinfahren können.

Um drei, halb vier am Nachmittag soll die Fahrt losgehen, wird beschlossen: Drei Privat-Pkw mit Anhänger, ein Wagen vom Bauhof mit Anhänger, alles pickepackevoll mit Sachen, Lebensmittel und den besten Wünschen aus Möhnesee und dem Umland.

Private Aufnahme als Erinnerungsfoto: Christian Moers (Dritter von rechts) zusammen mit seinem kleinen Helfer-Team und Betroffenen aus Altena.

Anette Wesemann ist dort für das bürgerschaftliche Engagement verantwortlich: „Ich bin total überwältigt von dieser Aktion – und dann ist das auch noch richtig gut vorbereitet so mit Nachfragen, wer wo hin muss, an wen man sich wenden soll und so. Das ist kein blinder Aktionismus, da haben alle gut mitgedacht, was uns hier helfen kann. Richten Sie bitte allen unseren ganz, ganz herzlichen Dank aus! Dass sich Leute von weit weg so spontan auf den Weg machen, das habe ich so noch nicht erlebt – ich bin überwältigt!“

Schlimm sehe es aus in der Stadt, die ungefähr so ländlich sei wie Möhnesee: Kleine Straßen, viele schmucke Häuschen, echte Schätzchen. „Da ist das Wasser vorne rein, hinten wieder raus und wenn das Haus stehen geblieben ist, dann hat es alles an Hab und Gut mit sich gerissen – die Leute stehen von einem Moment auf den anderen vor dem Nichts: Alles weg! Drei Märkte hatten wir im Ort: Aldi, Edeka, Lidl – alles überflutet, alle Regale leer. Da ist nichts mehr. Straßen sind abgeschnitten, und die Autos, die sind auch im Wasser. Hier kommt niemand mehr hin und her – es ist ein riesengroßes Unglück. Da kommt Hilfe wie jetzt aus Körbecke genau richtig, denn sind wir mal ehrlich: Die ersten paar Tage, da helfen vielleicht Suppenküchen oder Aktionen von Restaurants oder Unternehmen aus der Nachbarschaft. Aber wissen wir, wie lange die Hilfsbereitschaft anhält? Es ist wirklich so, dass wir hier alles dringend brauchen, was Grundausstattung ist, und Essen und Getränke… Also vielen, vielen Dank!“

Abends um neun sind die Helfer um Christian Moers am Südufer eingeladen: Maria Moritz hat daheim den Grill angeworfen. „Man muss ja mal Dankeschön sagen für so eine Aktion“, findet sie. Und dass sie es gut finde, dass da jemand unbeirrt seinen Weg gegangen sei, um zu helfen. Wie es weitergehen werde? „Das war jetzt erst einmal eine einmalige Sache, um ein Zeichen zu setzen“, sagte Moritz dem Anzeiger. „Als Gemeinde bleiben wir natürlich dran am Thema und schauen, ob, wie und wo wir weiter helfen können.“

Hilfe aus Möhnesee: „Vielleicht sind heute neue Freundschaften entstanden“

Dass mehr als zwei Dutzend Feuerwehrleute aus Möhnesee noch außerhalb im Einsatz seien, dass man auch ihnen deutlich dankbar sein müsse, dass sie letztlich ihr Leben riskierten im Kampf gegen reißendes Wasser, auch das unterstreicht sie.

„Vielleicht sind heute neue Freundschaften entstanden“, schreibt Christian Moers in einer E-Mail. „Aber, so fügt er hinzu, „wir haben in erster Linie geholfen, um zu helfen – die Bilder waren einfach so schlimm, da konnte ich nicht ruhig auf dem Sofa sitzen bleiben.“

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