Der Wald stirbt! Nicht weit weg, sondern vor der Haustür

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Der Überblick vom Aussichtsturm zeigt nicht nur Försterin Anna-Maria Hille das ganze Ausmaß des Fichtensterbens am Möhnesee.

Möhnesee – Vom Parkplatz am Südufer, wo Spaziergänger auf ihrem Weg zum Aussichtsturm ihre Fahrzeuge zurücklassen können, sind es nur wenige Schritte bis zu den ersten Zeugnissen dafür, dass der Fichtenwald hier ein großes Problem hat – sehr milde ausgedrückt. 

In Sichtweite der Autos sind frisch geschlagene Stämme aufgeschichtet, Stämme, die zuvor annähernd ein Jahrhundert lang gewachsen waren und dabei allen Widrigkeiten der Natur getrotzt hatten. Bis der kleine Borkenkäfer kam und ihnen innerhalb kurzer Zeit das Leben nahm. 

Anna-Maria Hille ist erst seit wenigen Wochen Försterin, zuständig für rund 1 000 Hektar Wald am Möhnesee. Sie kann praktisch dabei zusehen, wie der Fichtenwald den Kampf gegen den Borkenkäfer jeden Tag mehr verliert. „Es gibt hier keinen Bestand mehr, der nicht betroffen ist“, muss sie einräumen. Das ganze Ausmaß des Dramas, das neben allen ökologischen Folgen natürlich auch verheerende Auswirkungen auf die Forstwirtschaft hat, entfaltet sich bereits auf der wenige Hundert Meter langen Strecke bis zum markanten Aussichtsturm. 

Noch bevor der Blick in die Kronen der Bäume wandert, richtet die Försterin das Auge des Laien auf den Waldboden: Er ist tatsächlich staubtrocken und bedeckt mit Fichtennadeln – ein sicheres Zeichen dafür, was sich über den Köpfen der Waldbesucher schon seit einer ganzen Weile abspielt. 

Der Waldboden ist staubtrocken und mit Nadeln bedeckt.

Genauer seit dem 18. Januar vergangenen Jahres. Da brach Orkan Friederike los und riss, wie in vielen anderen Regionen Mitteleuropas auch, viele Bäume in den Wäldern rings um den Möhnesee um. So weit, so natürlich – mit der zerstörerischen Kraft von Stürmen, gedacht sei nur an Kyrill, müssen und können Wälder im wahrsten Sinne des Wortes leben. Försterinnen auch. 

„Die Erfahrungen aus Kyrill hatten gezeigt, dass die umgestürzten Bäume noch relativ lange widerstandsfähig genug waren, um Schädlingen wie dem Borkenkäfer standzuhalten“, erklärt Hille. Das lag vor allem an dem regenreichen Frühjahr und Sommer nach Kyrill. Die Forstwirtschaft gewann dadurch Zeit, das Holz aus den Wäldern zu schaffen. 

Die hatte sie nach Friederike nicht. Der folgende Extremsommer mit großer Hitze und wenig Niederschlägen bescherte dem Borkenkäfer ideale Bedingungen und schwächte die Bäume. Seitdem breitet sich der Käfer explosionsartig aus und lässt den angeschlagenen Fichten keine Chance. 

Wie schlimm es tatsächlich um die Bestände am See steht, wird buchstäblich auf einen Blick klar – wenn er denn hoch oben vom Aussichtsturm auf die Umgebung geworfen wird: Wo das Blätterdach zu dieser Jahreszeit durchgehend ein sattes Grün sein sollte, überwiegen bereits jetzt die Brauntöne. Und der Sommer ist noch lange nicht vorbei. 

„Dort ist der Borkenkäfer bereits aktiv“, macht sich Hille keine Illusionen, dass der Schädling im Wettrennen um den Erhalt des Fichtenwaldes längst mehr als einen Schritt voraus ist. Dem Bestand gibt sie nur noch wenige Jahre – von nachhaltiger Bewirtschaftung kann also keine Rede mehr sein. 

Die große Herausforderung wird es sein, den Wald der Zukunft besser an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Wie das gehen könnte, zeigen die nach Kyrill angelegten Schonungen: Mischwälder aus Fichten und Lärchen sowie Buchenkulturen erstrecken sich neben den Fichten in genau dem Grün, das der sterbende Rest des Forstes leise auf dem Boden abgelegt hat.

So setzt der Borkenkäfer dem Wald zu

Kleiner Käfer, große Wirkung: Der Borkenkäfer ist alles andere als ein Neuling in den heimischen Wäldern. Die Folgen klimatischer Veränderungen, die einige Baumarten mehr schwächen als andere, haben aber seine explosionsartige Vermehrung begünstigt. Die Käfer bohren sich einen Weg durch die Rinde der Fichten, nisten sich dort ein und vermehren sich. Dabei dringen sie zwar nicht weiter in das Holz der Stämme vor, zerstören aber die für den Nährstofftransport wichtigen Schichten des Baumes. In der Folge werden zunächst die Wurzeln geschädigt, schließlich auch der gesamte Baum: Er stirbt ab.

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