Die gute alte Zeit

Erinnerungen an die Hofstelle der Familie Kleine aus Günne

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Einige Erinnerungsstücke vom Hof Kleine und dem Geschäft haben Ortsvorsteher Egbert Nölle (links) und Hubertus Münstermann aus Theiningsen für ein Gespräch mit dem Anzeiger zusammengetragen. Wie diese Dinge verwendet werden können, ist noch nicht geklärt.

Günne - In Kürze stehen die Abbrucharbeiten an, um die Hofstelle Kleine an der Straße Im Grund in Günne dem Erdboden gleich zu machen. Das längere Zeit leer stehende Anwesen soll weichen, damit an dieser Stelle ein attraktiver Dorfplatz entstehen kann.

Mit dem Gebäude verschwindet ein Zeugnis einer inzwischen an vielen Orten untergegangenen Welt. Die Familie Kleine betrieb auf der Hofstelle zum einen eine kleine Landwirtschaft, sechs Milchkühe gehörten dazu, ein paar Rinder und Schweine, und außerhalb Günnes Wiesen und Felder, so etwa dort, wo derzeit das neue Wohngebiet oberhalb des Friedhofs entsteht.

Weil die Landwirtschaft nicht ausreichte, gab es ergänzend bereits seit dem 19. Jahrhundert ein kleines Geschäft, in dem die Günner ihren Bedarf an täglichen Gütern decken konnten – und den Bedarf an Neuigkeiten aus dem Dorf, denn für ein Schwätzchen waren Martha Kleine und ihre Schwägerin Hedwig Hoffmann, die den Laden in den letzten Jahrzehnten seines Bestehens betreuten, selbstverständlich gerne bereit.

Um 1876 wurde das Kolonialwarengeschäft Kleine bereits gegründet, berichtete Hedwig Hoffmann in ihrem Beitrag zu dem Buch „Günne 1190 bis 1990“: Einige Jahrzehnte nach der Gründung wurde das Geschäft durch einen Anbau erweitert, auch in schwierigen Zeiten wie Inflation, Zweitem Weltkrieg oder Nachkriegszeit war der Laden für die Familie Kleine eine wichtige wirtschaftliche Grundlage. Doch auch für Günne besaß das Geschäft große Bedeutung. Wie schrieb Hedwig Hoffmann in ihrem Beitrag: „Es war kein großer Laden, aber was im Dorf gebraucht wurde, war vorhanden.“

Ab 1961 übernahmen Wilhelm Kleine und seine Frau Martha das Geschäft, das seit 1947 Mitglied des Edeka-Verbundes war. Die beiden Eheleute konnten den Laden über weitere drei Jahrzehnte betreiben, doch geänderte Einkaufsgewohnheiten und die zunehmende Mobilität ließen die Zahl der Kunden zurück gehen.

Tief im Dorf verwurzelt

Im Februar 1991 mussten die beiden das Geschäft aufgeben, sehr zum Bedauern der Kinder. „Tante Kleine, das darfst Du nicht“, sagten damals die jungen Kunden. Martha Kleine starb 2007, ihr Mann Wilhelm 2011. Aber noch gibt es mit dem Günner Ortsvorsteher Egbert Nölle oder dem ehemaligen Theiningser Ortsvorsteher Hubertus Münstermann viele, die sich an die beiden erinnern, die über die dörflichen Vereine und den Laden tief in der Dorfgemeinschaft verwurzelt waren.

Was Nölle erzählt, sind Geschichten aus einer anderen Zeit: Wie Wilhelm Kleine mit seinem Trecker die Kinder zum Wettlauf herausforderte, wenn sie nach der Schule die Soester Straße hinunter liefen. Hatten die Kinder den Trecker eingeholt, gab Onkel Willi, wie ihn die Kinder nannten, einfach ein bisschen mehr Gas, schon hatte der Deutz wieder einen kleinen Vorsprung und Onkel Willi feuerte die Kinder an erneut aufzuschließen.

Oder wie Wilhelm und Martha Kleine morgens und abends ihre Kühe durchs Dorf trieben, mit einigen Dorfkindern als Helfer. „Das war das tägliche Bild“, sagt Ortsvorsteher Nölle, „inklusive der Kuhfladen.“

Oder wenn Wilhelm Kleine in der guten Stube saß und ab und an mal die Gardine an der Zwischentür zum Laden zur Seite schob, um nach dem Rechten zu sehen. Aber der Laden, das war das Reich seiner Frau und seiner Schwester.

Weil mit der Hofstelle und dem Laden viele Erinnerungen und Dorfgeschichten verbunden sind, nutzten Nölle und seine Helfer die Gelegenheit, um vor dem geplanten Abriss einige Erinnerungsgegenstände zu sichern. Eine Auswahl stellte er jetzt im Gespräch mit dem Anzeiger vor.

Eine Runddeckeltruhe von 1829 steht für das bäuerliche Leben, ebenso das alte Pökelfass aus Eichenholz oder die Nähmaschine mit Fußantrieb.

Typisch für die Volksfrömmigkeit sind Heiligenbilder und Muttergottesstatuen oder die Fahnen für die Fronleichnamsprozession. Das Leben in dem Laden spiegeln alte Waschmittel-Kartons – „Persil, nichts wäscht weisser“ – oder das Paket mit 50 Wäscheklammern. In Einzelteilen wohlgemerkt, wer sie verwenden wollte, musste die Holzhälften und die Spiralfeder erst zusammenstecken.

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