Erinnerungen an die Möhne-Katastrophe: "Das Leid bleibt unvergessen"

+
Nur ein paar Grundmauern blieben vom Hof Nölle übrig, nachdem die Flutwelle aus dem Möhnesee darüber hinweggefegt war.

Günne - Das Rauschen der katapultartig aus dem See ausbrechenden Wasserflut hört er immer noch, wenn er an die Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 denkt.

Karl-Heinz Wilmes befand sich um Mitternacht in Günne in seinem Elternhaus, als neun Lancaster-Bomber der britischen Luftwaffe die Möhne-Staumauer angriffen und mit einer Fassbombe ein 60 Meter breites und 20 Meter tiefes Loch in das Stauwehr rissen. Ein in Brand geschossener englischer Bomber drehte über dem Haus am Westricher Weg nach Norden ab ehe er bei Ostönnen abstürzte.

Der 78-jährige Günner kann die Nacht vom 17. Mai 1943 natürlich niemals vergessen und sein Anliegen ist es auch, dass die Attacke und die Folgen des Bombenangriffs an der Möhnetalsperre in aller Gedenken bleiben. Seine Erinnerung beginnt mit Sonntag, dem 16. Mai, damals der Muttertag, ein schöner Tag, an dem viele Spaziergänger unterhalb der Sperrmauer am Kraftwerk flanierten. Ahnungslos wie die deutsche Spionage, die keinen Wind bekommen hatte von der geplanten Attacke.

1294 Opfer haben die Archive des RP-Arnsberg nach der Möhne-Flut registriert. 25 von ihnen stammten aus Günne. Zu den Toten des Angriffs zählen auch die 52 Mann Bomberbesatzung, die niemals nach England zurückkehrten.

Karl-Heinz Wilmes hat beim Ruhrverband und in anderen Archiven gestöbert und weitere Fakten und Fotos gesammelt. Auch über Familie Johannes Köhler, deren Haus etwa dort stand, wo heute der Sportplatz liegt oder den Bauernhof der Familie Nölle, der sich dort befand, wo heute der Ausgleichsweiher an seiner Westseite endet. Beide Familien wurden von der Flutwelle in der Nacht in den Häusern überrascht. Die Familie Nölle überlebte, konnte sich in das Mühlengebäude retten.

Die sechs Mitglieder der Familie Köhler kamen um. Das Kleinkind Johann Köhler (fünf Monate) wurde niemals gefunden. Karoline Köhler wurde von der Möhnewelle bis nach Fröndenberg gespült und tot aufgefunden. Die Schwiegertochter Berta Köhler und alle weiteren Personen der Familie wurden in Menden begraben. Im Juli 1943 fand man zwischen Günne und Niederense eine weitere Tote, die man anhand ihres Eheringes als Berta Köhler identifizierte. So stellte es sich heraus, dass man eine falsche Berta Köhler in Menden begraben hatte. Die falsche Frau wurde dann exhumiert und die richtige an ihrer Stelle beigesetzt.

Die Flutwelle riss alles mit sich, in Günne blieb lediglich das massive Mühlengebäude des heutigen LIZ stehen. Hinweggerafft von den Wassermassen wurden hingegen das Kloster Himmelpforten und mehrere Fabriken in Neheim, die teilweise Munition herstellten. Unter den zahlreichen Opfern in Neheim waren viele Zwangsarbeiterinnen und Arbeiter. Junge Männer und vor allem viele Frauen, die in den Fabriken schuften mussten. Sie waren in der Nacht in ihrem Lager eingeschlossen gewesen.

Die Nazis organisierten am Freitag, 21. Mai, vormittags die Beerdigung der 25 Opfer aus Günne. Nachmittags wurde die Trauer in Wickede zelebriert. Natürlich wurde die Trauerfeier mit großem Aufmarsch mit Flaggen und Hakenkreuz für Kriegspropaganda inszeniert.

Beispielhaft zeigt Karl Heinz Wilmes mit seinem Wissensschatz auf, wie sich Kriegshandlungen im Großen und im Kleinen auswirken. Die Särge in Günne, die abgeschossenen Bomber, die toten Piloten, die Ertrunkenen im Möhne- und Ruhrtal. Die Schäden an der Sperrmauer, die noch in Kriegszeiten unter erheblichem Blutzoll von Mai bis Oktober 1943 schnell wieder errichtet wurde. Die zerstörten Häuser im Möhnetal hingegen wurden in Günne nicht wieder aufgebaut. All das soll, sagt Wilmes, auch heute wieder Mahnung sein für „nie wieder Krieg“ in Europa. Gerade heute, da einige schon die EU in Frage stellen, möge sich jeder erinnern, dass das vereinte Europa seit über 70 Jahren den Frieden sichert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare