Möhneseerin besucht Heimatland Kamerun

Reise in eine andere Welt: Von Büecke in den Bürgerkrieg

In der Provinzhauptstadt Kumba traf die Besucherin aus Möhnesee Überlebende des Angriffes auf eine Schule im Oktober.
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In der Provinzhauptstadt Kumba traf die Besucherin aus Möhnesee Überlebende des Angriffes auf eine Schule im Oktober.

Seit Christelle Wandji vor einigen Jahren als Studentin von Kamerun nach Soest kam, hat sie in der Börde eine neue Heimat gefunden. Inzwischen hat sie selber mit ihrem Mann eine Familie gegründet und lebt in Büecke. Aber natürlich liegen ihr die Menschen in dem westafrikanischen Land, in dem sie aufwuchs, immer noch am Herzen. Wie schwer es für viele ist, dort einfach nur zu überleben, erfuhr die junge Frau jetzt einmal mehr bei einem Besuch.

Möhnesee – Die Zeit war knapp, der Flug von Frankfurt nach Douala, einer Hafenstadt ganz im Westen des Landes am Atlantik, in Zeit von Corona nur mit einem Umweg über Istanbul möglich. Aber für die 27-Jährige war die Reise gleich aus mehreren Gründen wichtig. „Natürlich wollte ich auch meine Familie und Freunde besuchen“, erzählt sie nach ihrer Rückkehr, „vor allem wollte ich aber die Projekte voranbringen, die ich mit Joyce´s Action unterstütze“. Diese Hilfsorganisation hat sie selber gegründet, um besonders Kindern ein Perspektive auf ein besseres Leben zu eröffnen, die in bitterster Armut aufwachsen – viele von ihnen Waisen.

Zu den Projekten, mit denen „Joyce´s Action“ dort helfen will, gehört der Aufbau eines Waisenhauses, in dem Kinder nicht nur ein sicheres Dach und eine Betreuung haben, sondern auch dringend benötigten Zugang zu einer Schule. „Ich habe mir in der Stadt einige geeignete Grundstücke angesehen, auf denen mit Hilfe von Spenden so ein Komplex gebaut werden könnte“, berichtet Wandji. Die ersten Gespräche mit Eigentümern werden bereits geführt, Vertrauensleute vor Ort führen die Verhandlungen.

Im Gegensatz zu der ruhigen Lage in der Hafenstadt tobt in anderen Teilen des Landes ein Bürgerkrieg – mit allen schrecklichen Folgen für die zivilen Opfer dieser mit großer Brutalität geführten Auseinandersetzungen. So wurden Ende Oktober in der Bezirkshauptstadt Kumba bei einem Angriff von Unbekannten auf eine Schule insgesamt 13 Schüler ermordet. Mit Unterstützung der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ war es für Wandji möglich, in die umkämpfte Region zu reisen und dort mit einigen Menschen zu sprechen - für die Besucherin aus dem fernen Möhnesee im wahrsten Sinne des Wortes erschütternde Gespräche.

Aber sie brachte auch ganz praktische Hilfe: Mit Unterstützung von Freunden und Nachbarn in Büecke und der Wiese-Kirchengemeinde in Soest konnte sie unter anderem einigen der Kinder, die bei dem Angriff in Kumba verletzt worden waren, dringend nötige Medikamente besorgen.

Auch eine 56-jährige Frau, der Christelle Wandji in ihrem Heimatdorf Bangoulap eine Zuflucht verschaffte, floh vor den Schrecken des Krieges mit wenig mehr als ihrem Leben - und insgesamt 15 „Kindern“ im Alter von 2 bis 30 Jahren. Viele von ihnen sind Kriegswaisen, entwurzelt, schutzlos und ohne jede Familie außerhalb der Flüchtlingsgruppe, die in Bagoulap zwar sicher ist, aber auch ohne jede Perspektive.„Ich hoffe, dass ich über Joyce´s Action eine Art Patenschaft für diese Kinder vermitteln kann, um ihnen vor allem einen Schulbesuch zu ermöglichen“, erklärt Christelle Wandji.

Einen etwas anderen Weg schlägt sie mit einem weiteren geplanten Projekt ein, für das sie bereits die Unterstützung des kamerunischen Wirtschaftsministers hat: Die gewann sie bei einer Existenzgründermesse für ihr Konzept, das den Aufbau eines kleinen Unternehmens vorsieht, in dem Stoffe produziert werden, aus denen Textilien für den internationalen Markt hergestellt werden sollen. „Wenn das läuft“, so ihre Hoffnung, „dann werden die Menschen Arbeit und damit in Einkommen haben, das es ihnen ermöglicht, auf eigenen Füßen stehen zu können“.

Zurück in Büecke, kalt und grau, aber fernab von Angst vor Bomben und Hunger, wirken diese Nöte manchmal auch für sie wie aus einer anderen Welt. Sind sie aber nicht. Und daher lehnt sich Christelle Wandji am Esstisch in der Küche ihres Hauses in Büecke nur ganz kurz zurück – dann geht es gleich weiter, um neue Unterstützer für ihre Projekte zu finden, die die Welt sicher nicht grundlegend verändern, aber vielleicht ja ein Stück besser machen können.

Das ist der Verein

Der eingetragene gemeinnützige Verein „Joyce´s Action“ wurde 2018 von Christelle Wandji gegründet und unterstützt seitdem Hilfsprojekte in Kamerun. Sein Sitz ist in Büecke. Mehr über die Aktivitäten des Vereins und Möglichkeiten, seine Arbeit mit Spenden oder anderen Formen des Engagements zu fördern, gibt es online unter www.joycesaction.com.

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