Auch Jäger wollen den Wald retten

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Die Perspektive der Jäger soll möglichst bald um die Sichtweise der Waldbesitzer und des Forstamts erweitert werden. Angesichts der dramatischen Ereignisse im heimischen Wald sollen nun alle an einem Strang ziehen.

Gerhard Vorwerk ist Jäger, Waldbesitzer und Naturliebhaber. Deshalb bereitet ihm der Zustand des heimischen Waldes gleich dreifach Sorgen. Am meisten als Jäger.

Möhnesee – Wenn Gerhard Vorwerk durch den 40 Hektar großen Wald seiner Familie geht, dann sieht er nichts als Herausforderungen. Denn der Besitz südlich von Günne gleicht dem Anblick in der ganzen Region: An den Wegen türmen sich geschlagene Fichtenstämme, beim Blick in den Wald dominieren braune Nadeln das Bild: die Fichten sind bereits abgestorben oder haben das Ende vor sich. „Ein Teil des abgestorbenen Waldes wird wohl erstmal stehen bleiben“, sagt Vorwerk. 

Denn verkaufen könne er das Holz wegen des Überangebots auf dem Markt derzeit sowieso nicht. Und es an den Wegen aufzuschichten und dann verrotten zu lassen – das sei auch keine Alternative. „Im Augenblick sterben hier 10 000 Meter Fichtenholz“, fasst Vorwerk zusammen. Nicht zuletzt ist das auch ein enormer wirtschaftlicher Schaden. Beim Gespräch mit dem 62-Jährigen wird schnell klar: Der Mann kennt die Sorgen der Waldbesitzer. Doch eine andere Perspektive ist Gerhard Vorwerk als „Hegeringsleiter Möhnesee“ mindestens genauso wichtig: die der Jäger. 

Denn angesichts einer übergroßen Population von Sikawild und dem immer wieder geäußerten Vorwurf, die Jägerschaft sei an einer Dezimierung des Wildbestandes gar nicht interessiert, fürchtet er um das Image der Jäger. „Ich habe den Eindruck, dass wir den ,Schwarzen Peter’ bald nicht mehr loswerden“, so Vorwerk. Deshalb will er jetzt aktiv werden. Ein Treffen mit Waldbesitzern, Forstamt und Jägern soll den Weg ebnen für eine „noch nie dagewesene Zusammenarbeit auf allen Ebenen“.

 Die neue Diskussion soll über mehr Verständnis des Gegenüber zu einem gemeinsamen Vorgehen führen. Konkret wünscht sich Gerhard Vorwerk Schneisen in sämtlichen neu gestalteten Waldgebieten, um eine Bejagung möglich zu machen. „Ansonsten haben wir in drei Jahren Flächen, in die sich das Wild zurückziehen kann, ohne von uns aufgespürt werden zu können.“ Zudem sei es sinnvoll, „Wildäsungsverbesserungsflächen“ anzulegen – also Flächen, an denen das Wild Schäden verursachen dürfe, um andere Gebiete zu schonen.

Aber auch die Jäger selbst sieht er in der Pflicht. „Die Abschüsse seitens der Hegegemeinschaft sind bereits deutlich erhöht worden“, sagt er. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, als man sich etwa gegen hohe Abschussquoten beim Sikawild gewandt hatte, seien heute definitiv vorbei. Das Problem dabei: Weil im letzten Jahr wegen der vielen Eicheln und Bucheckern reichlich Futter fürs Wild vorhanden war, fällt eine Schätzung des Bestandes schwer. Zudem sei das Vorkommen des Sikawildes sehr unterschiedlich. In Völlinghausen etwa gebe es große Bestände, andernorts sei kaum einmal ein Tier gesichtet worden.

Weitere Probleme: Weil das Wild sich gerne weiche Hölzer zum Nagen aussuche, sei das Anlegen neuer Mischkulturen schwierig; weil viele Waldbesitzer wegen des Fichtensterbens keinen Ertrag mehr zu erwarten hätten, falle das Investieren schwer; weil das Forstamt kein Personal stellen könne, seien die wichtigen Treibjagden für dieses Jahr abgesagt worden; weil nicht alle Jäger den Ernst der Lage erkannt hätten, müsse man nun auch in den eigenen Reihen für das Thema sensibilisieren. 

Nicht zuletzt ist Gerhard Vorwerk einer, der seine Heimat liebt. Und deshalb bricht es ihm fast das Herz, wenn er die Touristen beobachtet, die „schockiert und nur mit einem Thema“ von einer Waldwanderung zurückkommen. Welches Thema: Was ist nur mit dem Wald los?

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