1. Soester Anzeiger
  2. Lokales
  3. Lippetal

Tierschutz im Morgengrauen: Herzfelder Gruppe verspürt „Glück pur“

Erstellt:

Von: Thomas Müller

Kommentare

Lebensretterin in Aktion: Wenn Marie Hoffmann ein kleines Leben in den Händen hält, dann ist sie einfach nur froh.
Lebensretterin in Aktion: Wenn Marie Hoffmann ein kleines Leben in den Händen hält, dann ist sie einfach nur froh. © Bröckelmann

„Wildtierrettung“ nennt sich eine WhatsApp-Gruppe im Kreis Soest, die seit mehr als sechs Wochen fast jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe auszieht, um insbesondere Rehkitze vor dem Tod durch das Mähwerk eines Landwirts zu bewahren.

Lippetal – Mehr als 70 Kitze, dazu auch Kleintiere wie Hasen haben die Retter vor allem in Waldrandlagen vor dem sicheren Tod bewahrt. Von einem „überaus erhebenden Gefühl“ spricht Alfons Bröckelmann als Koordinator der Gruppe. Das hänge mit der schönen Aufgabe der Lebensrettung ebenso zusammen wie mit dem Erleben des Sonnenaufgangs über den Feldern Lippetals.

Seit 50 Jahren habe er sich bereits dieser Aufgabe verschrieben, erzählt der 68-Jährige. Doch so intensiv wie in den letzten Jahren sei die Arbeit noch nie gewesen. Und auch nicht so erfolgreich. Während früher „schon mal ganze Schulklassen oder ein paar Helfer mit Stöcken“ vor dem Mähen über die Felder gegangen seien, habe heute die digitale Technik Einzug gehalten.

In aller Hergottsfrühe: Markus Grigowski, Delia Bröckelmann, Andreas Kuckuck, Marie Hoffmann, Alfons Bröckelmann und Alfons Westhues sind bereit, um Leben zu retten.
In aller Hergottsfrühe: Markus Grigowski, Delia Bröckelmann, Andreas Kuckuck, Marie Hoffmann, Alfons Bröckelmann und Alfons Westhues sind bereit, um Leben zu retten. © Bröckelmann

Die Folge: Alfons Bröckelmann dirigiert in Absprache mit Landwirten und Jägern ein 22-köpfiges Team, das sich aus einem Techniker, Piloten für Drohnen und den „Buschmännern“ zusammen setzt. In der Zeit von Anfang April bis Mitte oder Ende Juni sind die ehrenamtlichen Helfer nun unterwegs, um vor dem Abmähen von Flächen die Rehkitze vor einem grausamen Tod zu bewahren. „Wer so etwas einmal gesehen hat, dem geht das sehr nahe“, beschreibt Bröckelmann die Gefühlslage der Landwirte, denen Kitze ins Mähwerk geraten sind. Wohl auch deshalb klappt die Zusammenarbeit „zunehmend gut“.

Tierschutz im Morgengrauen: Um 4.30 Uhr geht es los

Ein Morgen im Juni, 4.30 Uhr: Alfons Bröckelmann hat am Vorabend in seine Wildtierretter-Gruppe geschrieben und um Freiwillige für den Einsatz an diesem Morgen geworben. „Wir brauchen immer zwei Piloten und in der Regel zwischen drei und sieben Buschmänner“, sagt er. Und immer seien auch er selbst und Alfons Westhues als Technik-Koordinator dabei.

Eigentlich stellten die Landwirte und Jäger die Buschmänner, die als Helfer das Gelände durchstreifen und per Funk von den Piloten dirigiert werden. „Doch immer wieder ist es auch so, dass die Helfer aus unserer Gruppe sind“, sagt Bröckelmann. Während noch Nebel über den Feldern liegt und am Horizont die ersten Sonnenstrahlen aufblitzen, startet die Drohne mit einem surrenden Geräusch. An den Schalthebeln steht heute Delia Bröckelmann, die als Tochter von Alfons längst vom Helfervirus angesteckt ist.

Ausstattung für 25 000 Euro

Im Jahr 2019 stellte der Hegering Herzfeld-Lippborg nach intensiver Vorarbeit von Alfons Bröckelmann einen Antrag für ein Leader-Projekt bei der Bezirksregierung. Zwei Drohnen, Wärmebildkameras und das weitere Equipment in Form von Akkus, Apps und weiteren technischen Gerätschaften schlugen mit 25 000 Euro zu Buche. Das Projekt wurde bewilligt, für den Eigenanteil machten sich die beiden Hegering-Leiter Stefan Schreiber und Alfons Bröckelmann „auf Hausbesuch bei den Jagdgenossenschaften“. Mit Erfolg. Am Ende kam so viel Geld zusammen, dass auch eine Pilotenausbildung finanziert werden konnte. Alle Helfer des Projekts arbeiten ehrenamtlich. Die Spenden der Landwirte werden für Pilotenausbildung und die (weitere) technische Ausstattung genutzt.

„Das ist eine hochkonzentrierte Arbeit, wenn wir zu zweit den normalen und den Bildschirm der Wärmebildkamera im Auge behalten“, sagt die junge Frau. Das lenken der Drohne geht automatisch, die Konzentration gilt den weißen Punkten auf dem Wärmebildschirm, die womöglich ein Rehkitz zeigen. Frühmorgens, das sei die beste Zeit, weil dann die Temperaturunterschiede zwischen den Gräsern und den Tieren am größten sei.

„Wenn wir etwas gefunden haben, dann bin ich immer ganz aufgeregt. Ist es tatsächlich ein Rehkitz? Oder war es ein Hase oder vielleicht nur ein Ameisenhügel?“, erzählt sie aus dem Alltag einer Pilotin.

Ein paar Meter weiter ist Marie Hoffmann unterwegs. Vor der Uni-Vorlesung arbeitet sie seit ein paar Wochen gerne als Buschfrau, geht unter der Drohne mit, um bei einem Treffer möglichst schnell vor Ort zu sein. „Das ist immer der spannendste Moment: wenn wir etwas finden“, sagt sie. Und wenn es tatsächlich ein Rehkitz sei, dann gelte es, möglichst schnell ganz fest zuzupacken. „Wir nehmen Handschuhe oder viel Gras, um nicht direkt mit dem Kitz in Kontakt zu kommen“ sagt sie. Anschließend werde es in einen Karton gelegt. „Das ist einfach ein tolles Gefühl, so in den Tag zu starten.“

Drohne im Einsatz: Die Piloten Christopher Brömse und Ute Stratbücker machen vor dem Start einen Technik-Check.
Drohne im Einsatz: Die Piloten Christopher Brömse und Ute Stratbücker machen vor dem Start einen Technik-Check. © Bröckelmann

Nachdem eine Fläche abgeflogen ist, wird sie freigegeben. Dann sind die Landwirte angehalten, möglichst kurzfristig die Gräser abzumähen. Denn je kürzer die Kitze im Karton sind, umso schneller finden die Mütter sie anschließend wieder.

Über die Jahre hat Alfons Bröckelmann viel über die Rehe gelernt: dass sie sich manchmal so gut verstecken, dass die Helfer sie übersehen, wenn sie schon über ihnen sind etwa; oder dass da, wo ein Kitz ist, einige Meter weiter oft noch ein zweites liegt; auch die Vorliebe für ungewöhnliche Standorte „fernab von jeder unserer Vermutung“ überrascht Bröckelmann nicht mehr.

Mehr als 650 Hektar haben die Wildtierretter in diesem Jahr abgeflogen. Damit sind sie in Lippetal neben dem Team von Stefan Schreiber aus Lippborg „nur“ der kleine Bruder. Trotzdem ist Alfons Bröckelmann jedes Mal froh, wenn die Kitze Ende Juni so groß sind, dass keine Gefahr mehr besteht. „Das sind schon anstrengende Wochen“, sagt er. Aber es sei auch ein schönes Gefühl, nach getaner Arbeit erstmal einen Kaffee zu trinken während die anderen zur Arbeit gehen.

Tierschutz im Morgengrauen: Rasanter technischer Fortschritt bei Hilfsmitteln

Dass die Entwicklungen mit den Wärmebildkameras und den Drohnen nicht zu Ende ist, überrascht kaum. Inzwischen experimentieren die Wildtierretter mit einer App, die das Signal der Wärmebildkamera auf eine Uhr am Handgelenk des Buschmanns überträgt.

Der kann dann ohne das störende Geräusch des Funkgeräts den Standort aufsuchen – und so in großer Stille seine Arbeit verrichten. So nehmen deutlich weniger Rehe Reißaus. „Ich gehe immer ganz vorsichtig. Wenn ich etwas gefunden habe, dann muss ich schnell zupacken. Und dann bin ich froh, so ein kleines Leben in der Hand halten zu dürfen; froh, ein Leben gerettet zu haben“, sagt Marie Hoffmann, die schon mit der App gearbeitet hat.

Apropos Reißaus: Inzwischen finden die Retter immer weniger Jungtiere, die sie fangen können. Die Kitze sind oft schon so groß, dass sie nur aus den Feldern vertrieben werden können.

Von „Glück pur“ sprechen am Ende des Einsatzes alle Beteiligten: Alfons Bröckelmann als Koordinator, Dalia Bröckelmann als Pilotin und Marie Hoffmann als Buschfrau. Und auf die Frage, ob sie auch im nächsten Jahr wieder bei der Wildtierrettung mitmachen wollen, kommen fast verständnislose Blicke – sowie ein dreifaches „Natürlich sind wir wieder dabei“.

Auch interessant

Kommentare