Spargelhof Dieckmann-Großhundorf

Ein Tag als Erntehelfer: Kniend auf der Suche nach dem grünen Gold

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Friedrich Dieckmann-Großhundorf mit dem Lohn aller Mühen

Lippetal-Niederbauer – Nur unter strengen Auflagen dürfen Erntehelfer während der Coronakrise nach Deutschland einreisen. Manch ein Spargelbauer setzt daher auf einheimische Kräfte: Schüler, Studenten, Kurzarbeiter – sie alle haben aktuell mehr Zeit, als ihnen lieb ist. Freilich alles Menschen, die auf den Feldern Neuland betreten.

Ist jeder gleichermaßen geeignet? Klaus Bunte hat den Selbsttest gemacht und einen Tag lang auf dem Spargelhof der Familie Dieckmann-Großhundorf in Lippetal mitgearbeitet. Und er kommt zu dem Schluss: Alle, die hier anpacken, sind vorzüglich dafür geeignet – nur er selber nicht. Oder zumindest Teile von ihm nicht.

Um 6.45 Uhr soll ich bei ihm auf der Matte stehen, hat mir Friedrich Dieckmann-Großhundorf tags zuvor mitgeteilt. 6.45 Uhr morgens. Das ist für mich noch nachtschlafende Zeit, gegen meine Biouhr und meinen normalen Rhythmus. Früh zu Bett gehen bringt nichts, da schlafe ich eh nicht ein. Auf Dauer könnte man sich darauf einstellen, klar. Aber es ist ja nur dieser eine Tag. Mit viereinhalb Stunden Schlaf in der Nacht zuvor. 

Klaus Bunte geht vor dem Spargel auf die Knie.

Und der Tag wird nicht leicht werden, das weiß ich auch so. Als reiner Schreibtischtäter, für den Sport immer nur ein notwendiges Übel darstellte, und seit der Jugend mit diversen Rückenproblemen gestraft, kommt hier eine ganz neue körperliche Belastung auf mich zu. 

Bis 7 Uhr ist die ganze Mannschaft eingetrudelt, und Friedrich Dieckmann-Großhundorf begrüßt mich. Der 24-jährige Junior ist ebenso wie seine zwei Jahre jüngere Schwester Clara das exakte Gegenteil dessen, was man sich zugegebenermaßen etwas klischeehaft vielleicht unter der Dorfjugend vorstellen mag. Die attraktiven und sportlichen jungen Leute würde man rein vom optischen Eindruck her eher auf der Düsseldorfer Kö oder in einem Berliner Club erwarten anzutreffen. 

Und in der Tat, Berlin, das ist der Ort, an dem Friedrich jetzt eigentlich wäre, im Hörsaal sitzend oder die Nase in ein BWL-Lehrbuch vertieft. Doch anstatt sich in der beengten Großstadt in seinem Studentenzimmer von der Außenwelt abschotten zu müssen, ist er nun lieber daheim auf dem Land und übernimmt von Vater Wilhelm erstmals den kompletten Bereich der Spargelernte, erzählt er auf dem Weg zum Feld: „Online kann ich mich aufs Studium nicht konzentrieren, dazu muss ich erst wieder zurück nach Berlin“, räumt er ein. „Ich habe hier ja eh meinen 14-Stunden-Tag.“ 

Harte Arbeit auf dem Feld

Ich bin nicht der erste „Frischling“. Mit mir ihren ersten Tag hat Ilona Pöpsel. Als Konditorin und Fitnesstrainerin hat sie zurzeit nicht viel zu tun und will die frei gewordene Zeit sinnvoll hier nutzen. Während alle anderen deutlich jünger sind als ich, dürfte sie dagegen ungefähr mein Jahrgang sein, schätze ich, wirkt aber wesentlich sportlicher und fitter. Wäre dies hier ein Wettbewerb, ich wüsste schon jetzt, wer von uns beiden als Erster durchs Ziel ginge. 

Fast alle anderen sind auch erst seit zwei Wochen dabei, durch die Bank Deutsche aus der Region. Die einzigen drei Polen, die derzeit hier aktiv sind, ernten gerade auf einem anderen Feld. Insgesamt hat Friedrich einen Stab von 25 Helfern, die aber abwechselnd und nicht täglich kommen, manchmal auch wegen eines Online-Tutoriums früher gehen müssen. 

Unser zehnköpfiger „Stoßtrupp Spargel“ nähert sich dem Zielobjekt. Das Gemüse sprießt in säuberlich angelegten Reihen, aber innerhalb dieser in unterschiedlichen Wachstumsstufen. 26 Zentimeter sei die ideale Höhe, um sie zu ernten. Dann passen sie in die Schneide- und Sortiermaschine. Erfahrenere Ernter sehen ohne Lineal, welche Stangen schon erntereif sind und welche noch stehen bleiben sollten, damit sie doch noch erste Wahl werden. Außerdem müssen die Köpfe geschlossen sein. So etwas erkennt einfach keine Erntemaschine. Oder, wie es Friedrich formuliert: „Spargel ist jeden Tag eine neue Herausforderung. Man weiß nie, welche Mengen auf einen zukommen, denn es kann auch passieren, dass man ganz viel wegschmeißen muss. Insofern finde ich, dass der Preis, den man für Spargel bezahlt, gerechtfertigt ist.“ 

Maskenpflicht beim Sortieren und Packen

Wir gehen die ersten Reihen an. Mit dem kleinen Messer werden die grünen Stangen noch unter dem Boden abgeschnitten, dort, wo sie noch weiß sind. Sonst kommt der nachfolgende Spargel nicht gut durch die Erdoberfläche, lerne ich. Anfangs gehe ich jedes Mal extra noch in die Knie, um den Rücken zu schonen. Bald merke ich jedoch, dass dies zum einen in einen Kniebeugen-Marathon ausartet, ich zum anderen dadurch wertvolle Zeit verliere und den anderen hinterher hinke. Und ich hoffe, dass ich nicht zu viele Stangen kappe, die noch einen Tag länger gebraucht hätten. 

Nach zwei Stunden sind wir fertig – zumindest auf dem Feld. Ich stelle fest, Friedrich hat mich stärker geschont als gedacht. Ich hatte mir nur erbeten, dass es ein trockener Tag sein möge. Doch hätte er mich bereits für die Vorwoche bestellt, da hätte es doppelt so lange gedauert, so viel wurde da geerntet. „Wenn du dann abends um 18 Uhr nach Hause kommst, dann isst du noch was, dann ist der Tag aber auch gelaufen“, sagt Muriel Ayari. Die 25-Jährige aus Weslarn stieg in der Vorwoche direkt mit diesem Pensum ein, entsprechend stark sei danach anfangs der Muskelkater ausgefallen. Ohne Corona wäre die Studentin der Kommunikationswissenschaften jetzt in Münster an der Uni, oder sie würde sich als Servicekraft in einem Bad Sassendorfer Café etwas dazu verdienen. Beides ist ihr zur Zeit verwehrt. 

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Nach einer Pause geht es auf dem Hof weiter. Nun kommt der Teil, von dem ich gar nicht wusste, dass auch der in unseren Aufgabenbereich fallen würde: waschen, sortieren und bündeln der Ernte. Standen wir draußen auf dem Feld alle automatisch weit genug voneinander entfernt, sind jetzt Einweghandschuhe und Gesichtsmasken angesagt. Eine Bekannte der Familie hat sie für die Dieckmanns genäht, jeden Abend werden sie gewaschen. Als Brillenträger verfluche ich sie schon nach wenigen Minuten, weil meine Brille dauernd beschlägt. 

Ich werde eingesetzt beim Bündeln der Stangen, erhalten dazu immer Päckchen, die Clara zu gut 500 Gramm abgewogen hat. Gummiband drum und fertig? Mitnichten. Zum einen müssen die meist etwas gebogenen Köpfe nach innen weisen, damit sie im Transport nicht beschädigt werden. Außerdem müssen sie in etwa gleich lang sein – was oben herausragt, muss unten abgeschnitten werden. „Fuckelarbeit“, wie man das hier auf dem Land nennt. Friedrich schaut sich jedes einzelne Bündel noch einmal genau an: „Entschuldige, dass ich so pingelig bin“, meint er. Aber man will den Kunden, weder denen im eigenen Hofladen noch den Großabnehmern, auch nur den geringsten Anlass zur Kritik bieten. 

In drei Schüben à zwei Stunden inklusive entsprechender Pausen geht es hoch konzentriert an die Arbeit. Hier erst wird mir mein Kreuz zur Krux. Lange stehen konnte ich nie, schon mit 20 kam ich nach sechs Stunden Stehen in Folge eines Bruce-Springsteen-Konzerts samt vorherigem Warten und Pause zwischendurch mit einer Körperhaltung wie Methusalix, dem Greis aus Asterix‘ gallischem Dorf, aus der Westfalenhalle. Zwei Stunden Bewegung auf dem Feld, kein Problem. Aber fünf bis sechs Stunden Stehen? Schon gegen Ende der ersten Schicht bietet man mir einen Stuhl an. Ich fühle mich auf einmal, sehr alt. 

Rücken streikt nach zweiter Schicht

Nach der zweiten Schicht macht mein Rücken endgültig nicht mehr mit, der Schmerz zieht in die Beine. Friedrich schickt mich heim. Alle anderen dagegen sind noch fit. Ilona zum Beispiel: „Das war heute in etwa das, was ich erwartet habe.“ 

Friedrich ist begeistert von seiner Truppe: „Ich hätte vorher im Leben nicht erwartet, dass das so gut laufen würde. Die hatten doch alle vorher keine Ahnung. Die ersten Tage musste ich viel verbessern, aber jetzt läuft es wie eine Eins und ich bin richtig stolz.“ Wie viel sie verdienen, dass will er nicht verraten, aber die Lohnkosten fielen in diesem Jahr exorbitant aus höher als gewohnt: „Es soll ja auch einen Anreiz bieten. Und wenn man sieht, wie die mitziehen, dann macht man sich darüber auch keine großen Gedanken mehr.“ 

Daheim schlafe ich gegen 17 Uhr auf der Couch über einem Buch ein. Der Muskelkater am folgenden Morgen ist zu meiner Überraschung minimal, nur im Rücken zieht es noch ein wenig. Doch klar ist: Mit Spargel komme ich künftig besser nur noch bei der Zubereitung und beim Verzehr in Kontakt. Nicht mehr bei der Ernte.

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