Momente des Glücks für Menschen mit Handicap:

Verein macht tierische Begegnung möglich

Ein Herz und eine Seele: Wenn Henry in der Nähe ist, brechen für Emily glückliche Stunden an.
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Ein Herz und eine Seele: Wenn Henry in der Nähe ist, brechen für Emily glückliche Stunden an.

Herzfeld – Können Tiere Brücken bauen? Diese Frage würde Emily sofort mit einem „Ja“ beantworten. Die zehnjährige Soesterin ist nach jeder Begegnung mit dem Labrador Henry nämlich einfach nur glücklich. Jetzt hat sie sich auch noch in die Stute Bella verliebt. Und für das Mädchen mit einer geistigen Entwicklungsstörung zeigt sich eine neue Möglichkeit, durch die sie ihre Emotionen leben kann – und zeigen.

Durch den Herzfelder Verein „Tiere bauen Brücken“ macht Emily regelmäßig tierische Erfahrungen. Dass die für die junge Soesterin tatsächlich eine Brücke bauen aus ihrer kindlichen Isolation heraus und hin zu einem warmen, liebevollen Kontakt in die Außenwelt, davon ist Pflegemama Béatrice Schilling überzeugt. „Emily hat viel Freude an der Begegnung mit Henry. Wenn sich die beiden sehen, dann kann Emily einfach sein wie sie ist.“ Weil sich ihre Pflegetochter wegen ihrer Behinderung selber nicht so sehr reflektiere, mache die besondere Atmosphäre in der Begegnung mit einem Tier wie Henry sie einfach frei und glücklich, so Béatrice Schilling. Gut zwei Stunden dauert eine Begegnung mit dem Golden Retriever in der Regel, manchmal auch länger. Ein Spaziergang gehört ebenso zum Ritual wie das gemeinsame Spiel - und immer auch das Kuscheln.

Die Begegnungen sind kostenlos

Was die Begegnung mit Henry kostet? Nichts. Denn „Tiere bauen Brücken“ bietet den Kontakt zu den so genannten Besuchshunden kostenlos an. Und die Vereinsvorsitzende Nicole Warnke freut sich über die „wunderbaren Momente, in denen wir lachen können oder eine schöne Begegnung stattfindet“. Man habe es sich im Verein zur Aufgabe gemacht, vor allem Kindern und Jugendlichen eine tiergestützte Begleitung zu ermöglichen, so Warnke. Erste Mensch-Hunde-Teams sind inzwischen im Einsatz, ermöglichen Besuche wie die von Emily bei Henry oder Kontakte zwischen Bewohnern der Soester Thomä-Residenz und anderen Besuchshunde-Teams.

Gesucht und gefunden: Mit Bella könnte Emily ohne Ende Zeit verbringen.

„Natürlich müssen die Hunde fachgerecht ausgebildet werden“, sagt die Vereinsvorsitzende – und spricht damit einen Punkt an, der sie ziemlich beschäftigt. Denn der Spagat, einerseits kostenlose Kontakte ermöglichen und andererseits Teams ausbilden zu wollen, führt zu einem bleibenden finanziellen Aufwand. „Wir bekommen immer wieder Hilfe von irgendwo“, sagt Nicole Warnke. Dann erzählt sie von Leader-Förderungen aus Arnsberg oder von Spenden der Aktion „Lichtblicke“. Damit kann der Verein die Kosten decken. Bisher. Die aber laufen weiter. „Jetzt bezuschussen wir gerade die Ausbildung von zwei Assistenzhunden“, weist Nicole Warnke auf eine weitere Sparte der Vereinsarbeit hin. Um einem Jungen mit Autismus den Alltag zu erleichtern, werde ein Hund zunächst ausgebildet und parallel an die Familie herangeführt, ehe er ganz in das Familienleben aufgenommen wird.

Ausbildung zum Besuchshund frühestens 2022

Der Aufruf von „Tiere bauen Brücken“, den eigenen Hund kostenlos zum Besuchshund ausbilden zu lassen, stieß auf ein breites Echo. Deshalb ist der erste Lehrgang mit zwölf Gespannen ebenso ausgebucht wie der voraussichtlich im Sommer diesen Jahres beginnende zweite. Erst im Jahr 2022 können wieder Teams berücksichtigt werden, die anschließend im Namen des Vereins ehrenamtlich bei Kindern mit verkürzter Lebenserwartung, in Heimen oder an anderen Orten, wo eine Mensch-Hund-Beziehung zur Wohltat wird, eingesetzt werden.

Weil die Prüfung von zwölf Besuchshund-Gespannen voraussichtlich im April abgeschlossen werden kann, dürfen sich Einrichtungen und Privatpersonen ab sofort bei „Tiere bauen Brücken“ melden, um ein Kennenlernen und mögliche Besuchstermine zu vereinbaren.

Kontakt: www.tiere-bauen-bruecken.de, info@tiere-bauen-bruecken.de oder Tel. 0176 50901397.

In einem anderen Fall soll ein Epilepsie-Warnhund in eine Familie integriert werden, in der alle auf dem Zahnfleisch gehen. Denn wegen der wiederkehrenden Anfälle muss stets jemand in der Nähe der jungen Frau sein, die unter der Krankheit leidet. Das könnte in Zukunft der Hund übernehmen, weil der in der Regel schon 30 Minuten vor einem Anfall Alarm schlagen kann. Doch dafür muss er ausgebildet werden. Das dauert. Und kostet. „Wir wollen die Ausbildung aber trotzdem mindestens mitfinanzieren, weil es so wichtig ist“, stellt die engagierte Vorsitzende von „Tiere bauen Brücken“ das Ziel über die Finanzierung.

Verein übernimmt Kosten für Stall und Futter

Ähnliches trug sich zu, als es um Bella ging. Als die Besitzerin der 22-jährigen Stute wegen der Corona-Lage in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war, wusste sie keinen Ausweg mehr. Die Lösung: „Tiere bauen Brücken“ übernimmt nun vorläufig die Kosten für den Stall und fürs Futter, dafür steht das ausgebildete Therapiepferd für Begegnungen zur Verfügung. Die ersten Kontakte – unter anderen mit Emily – lassen Nicole Warnke strahlen: „Das waren berührende Momente.“

Nicole Warnke setzt sich als Vorsitzende mit voller Kraft ehrenamtlich ein für „Tiere bauen Brücken“.

Sind es beglückende Augenblicke wie diese, die dem Verein den nötigen Schwung geben, um auch in Zeiten der Pandemie weiter zu machen? Zeiten, in denen es eigentlich unumgänglich wäre, ein Vereinsfahrzeug anzuschaffen, weil der Verein auch zwei Rollstuhlkinder betreut? Zeiten, in denen zwölf Mensch-Hunde-Teams seit dem Herbst immer wieder vertröstet werden, weil die abschließende Prüfung zum Begleithund einfach nicht stattfinden kann? Zeiten, in denen andernorts über Vereinsauflösungen nachgedacht wird?

Patenschaft für Bella

Der Verein sucht aktuell Paten, die sich bei der Stute Bella an den laufenden Kosten beteiligen. Futter und Unterkunft kosten pro Monat 350 Euro. Wer einen festen monatlichen Beitrag von mindestens 10 Euro leisten will, hilft Bella und dem Verein – und bekommt die Gelegenheit, Bella bei einem Besuch kennen zu lernen. Zudem ist „Tiere bauen Brücken“ auf weitere Spenden angewiesen, um die bisherige Arbeit erfolgreich weiterführen zu können. Infos dazu gibt es unter www.tiere-bauen-bruecken.de

Ja. Denn trotz aller Sorgen gibt es keinen Stillstand bei „Tiere bauen Brücken“. Im Gegenteil. Nicole Warnke hat gerade ihre Ausbildung zur „Fachkraft für tiergestützte Intervention“ abgeschlossen. Diese zertifizierte Ausbildung ermöglichst es ihr, auch mit anderen Tieren wie etwa Meerschweinchen und Hühner oder Eseln und Schweinen zu arbeiten. „Wir hatten zum Beispiel einen achtjährigen Jungen, der im letzte Jahr an Krebs gestorben ist. Für ihn wäre in der letzten Phase der Kontakt zu einem Kaninchen geeigneter gewesen als zu den stets freundlich mit dem Schwanz wedelnden Labradoren.“ Warum? Weil das auch fordernde Wesen der Hunde durch einen Kontakt mit einem still liegenden und weichen Kaninchen hätte ersetzt werden können.

Der Lebenshof ist ein Ort, an dem es eine Kurzzeitpflege gibt, viele Tiere wie Hunde, Hühner oder Schafe; und ein Ort, an dem viele Begegnungen zwischen Menschen und Tieren stattfinden können.

Nicole Warnke, Vorsitzende „Tiere bauen Brücken“

Von Stillstand also keine Spur. Das gilt auch für die Vision eines „Lebenshofs“. Mit dem Abschluss meiner Ausbildung habe ich auch dafür die Grundlage gelegt“, sagt Nicole Warnke. Stiftungen wie „Ein Herz für Kinder“ hätten längst ihre Bereitschaft zur finanziellen Unterstützung signalisiert, nun fehle es noch an einem konkreten Konzept und an einem Ort. Was der Lebenshof sein soll? „Der Lebenshof ist ein Ort, an dem es eine Kurzzeitpflege gibt, viele Tiere wie Hunde, Hühner oder Schafe; und ein Ort, an dem viele Begegnungen zwischen Menschen und Tieren stattfinden können.“ Ein Ort eben, an dem Tiere Brücken bauen.

An der Grenze der Belastbarkeit

Nichts als Fortschritt und Erfolg also bei „Tiere bauen Brücken“? Nein. Denn es gibt auch die Augenblicke, in denen Nicole Warnke nachdenklich wird. Ihr persönlicher Einsatz hat in den letzten Monaten nämlich Dimensionen erreicht, die für ein Ehrenamt mehr als grenzwertig sind: Vorstands- und Öffentlichkeitsarbeit, Ausbildung der Besuchshunde, Finanzen und Korrespondenz, Schaltstelle zwischen Einrichtungen und Besuchshunde-Teams, Springerin bei kurzfristigen Absagen und nicht zuletzt die Idee, den Lebenshof zu gründen – das kann Nicole Warnke auf Dauer nicht in diesem Umfang stemmen. Und so dürfte es sich in den nächsten Monaten entscheiden, ob Spenden und Helfer in ausreichender Größe dazu beitragen, die Idee von „Tiere bauen Brücken“ in die Zukunft zu tragen.

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