Herzfelder auf Sinnsuche

Mann schiebt Waschmaschine durchs ganze Land - aus gutem Grund

So ein Luderleben: „Lude“ Bücker kehrte jetzt nach mehr als 800 Kilometern auf Deutschlands Straßen gemeinsam mit seiner Waschmaschine Mikaela zurück nach Herzfeld.
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So ein Luderleben: „Lude“ Bücker kehrte jetzt nach mehr als 800 Kilometern auf Deutschlands Straßen gemeinsam mit seiner Waschmaschine Mikaela zurück nach Herzfeld.

Ein Mann schiebt eine Waschmaschine, die „Mikaela“ heißt. Durchs ganze Land. Von Garmisch über hunderte Kilometer bis in den Kreis Soest. Und seine Begründung klingt auch noch plausibel.

Lippetal-Herzfeld – Wer stundenlang zu Fuß auf Deutschlands Straßen unterwegs ist, der kommt ganz schön ins Philosophieren. Über Sinn und Unsinn zum Beispiel. Oder darüber, warum ein Mensch ausgerechnet mit einer Waschmaschine unterwegs sein muss. Ein Treffen mit Ludger „Lude“ Bücker.

Fünfeinhalb Wochen unterwegs von Garmisch bis Herzfeld, untrennbar verbunden mit seiner Waschmaschine „Mikaela“ und am Ende doch irgendwie erleichtert, wieder im Café Twin in Herzfeld sitzen zu dürfen: Wer auf Lude trifft, zieht zuerst einmal die Augenbrauen hoch. „Genau das ist es, was mir an meiner Aktion so gefällt“, sagt der 55-Jährige. „Total sinnfrei“ sei es doch, hunderte Kilometer mit Mikaela auf einer Sackkarre zurückzulegen. Doch je mehr er lacht und von den Erlebnissen auf Deutschlands Straßen erzählt, umso mehr Sinn lädt er auf sich und seiner Mikaela ab. „Die ist ganz oft der Eisbrecher, um in ein Gespräch zu kommen“, sagt Lude. Denn viele Menschen fragten ganz einfach, was Mikaela und Lude denn auf die Straße treibe.

Mann schiebt Waschmaschine durchs ganze Land: Viele tolle Erlebnisse

„Danach erzählen dann ganz viele von sich selbst“, weiß der Herzfelder. So habe er einen Holländer getroffen, der zu Fuß unterwegs gewesen sei und jeden Tag eine neue gute Tat vollbracht habe. „Als ich ihn traf, da hat er den ganzen Tag auf dem Weg die Zigarettenkippen aufgehoben.“

Oder die Begegnung mit dem IT-Experten. „Der hatte einfach keine Lust mehr auf das ganze Materialistische. Also ist er jetzt mit dem E-Bike unterwegs und arbeitet manchmal am Computer, um seine weitere Reise zu finanzieren.“ Überhaupt das Materialistische: Wenn er in Frankfurt im Café gesessen und die Menschen beim Shoppen beobachtet habe, dann reiche ein Blick auf die eigenen Bedürfnisse. „Ich habe in Frankfurt einem Obdachlosen meine Hose geschenkt – und erst danach daran gedacht, dass ich nur noch eine weitere dabei habe.“

Ich muss das einfach alle zwei Jahre mal machen, um meine Akkus wieder aufzuladen.

Ludger „Lude“ Bücker

Es sind Szenen wie diese, die Lude ins Philosophieren bringen. Dann erzählt er, wie er vor Jahren seine Stelle reduziert hat um mehr Zeit für sich und seine Abenteuer zu haben. Oder von der Überwindung der ersten Woche, als er in Bayern von Krämpfen geschüttelt und als Vegetarier im Wesentlichen von Plunderteilchen gelebt habe. Auch davon, dass die Menschen zwischen Frankfurt und Wiesbaden ganze 36 Mal seinen Gruß nicht erwidert haben – und er im Rheinland umso herzlicher empfangen worden sei.

Zurück zur Sinnfrage. „Ich muss das einfach alle zwei Jahre mal machen, um meine Akkus wieder aufzuladen“, versucht Lude eine Erklärung. Zum fünften mal sind sie nun wieder voll, diese Akkus.

Mann schiebt Waschmaschine durchs ganze Land: Begegnungen, Kulturen, Luft

Das liegt nach Angaben des passionierten Mikaela-Fans an den Begegnungen auf den Straßen, an den Kulturen, der frischen Luft, den vielen kleinen Begegnungen – und daran, dass man unterwegs so schön philosophieren kann. Über das Verhältnis eines Mannes zu seiner Waschmaschine zum Beispiel. Die sei „sehr innig“, verrät Lude Bücker. Ob das daran liegt, dass ein Mann endlich einmal Monologe führen kann mit Mikaela – ganz ohne unterbrochen zu werden? Oder daran, dass sie mit ganz wenig zufrieden ist, notfalls auch mit einem Schlafplatz an einer Straßenlaterne? Es sind Fragen wie diese, die die Grenze zwischen Sinn und Unsinn ganz wunderbar erwischen. „Das Wandern mit Waschmaschine, das wäre doch auch eine Disziplin für Olympia“, sagt Lude in solchen Augenblicken voller Leichtigkeit.

Apropos Leichtigkeit: So ganz leicht ist die Ausrüstung mit insgesamt 110 Kilogramm nicht. Dazu kommen eine Arthrose im Knie und die enormen Schwierigkeiten zu Beginn jeder Tour. „Ich wollte nach einer Woche schon aufhören“, gibt der Deutschland-Wanderer zu. Vielleicht auch deshalb, weil er ab und an mit Kommentaren wie „Geh arbeiten“ abgekanzelt wird. Doch all das hat Lude Bücker abgeschüttelt. Zum Glück. „98 Prozent aller Begegnungen waren sehr positiv“, sagt er. Oft werde gelacht und gewunken, das baue auf.

Info

Mehr Infos zur jüngsten Tour gibt es auf facebook unter dem Titel „Luderleben“.

Jetzt hat Lude sich sein erstes Weizenbier bestellt. Es ist ja auch schon nach zwei inzwischen. Bevor er mit Mikaela nach Hause rollt, holt er noch einmal aus. Philosophisch.

„Also für mich ist das mit der Waschmaschine immer noch so richtig schön sinnfrei“, sagt er. „Aber wenn ich Menchen begegne, die durch mich dann endlich auch ihren Furz aus dem Hirn lassen und tun, was sie schon immer mal tun wollten, dann ist das doch ganz schön sinnvoll.“

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