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Lippetaler Gastronomen zwischen Krise und Gelassenheit

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Von: Jürgen Vogt

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Viel Zeit fürs Kreative: Gabi Willenbrink will „Omas Küche“ wieder salonfähig machen, Josef Willenbrink bietet eine prachtvolle Gans als Auflauf mit Steckrüben und Wurzelgemüse zum Mitnehmen an.
Viel Zeit fürs Kreative: Gabi Willenbrink will „Omas Küche“ wieder salonfähig machen, Josef Willenbrink bietet eine prachtvolle Gans als Auflauf mit Steckrüben und Wurzelgemüse zum Mitnehmen an. © Dahm

Lippetal – Lockdown noch bis mindestens Mitte Februar, kein Gast im Haus und die laufenden Kosten bereiten schlaflose Nächte: Bei einigen Gastronomen in Lippetal schrillen die Alarmglocken. Aber nur bei einigen. Bei den anderen geht es nämlich trotz der Krise noch ziemlich entspannt zu.

„Unsere Festangestellten sind in Kurzarbeit, die beiden Auszubildenden machen die Dosen.“ Kurz und knapp fasst Andreas Stratbücker vom gleichnamigen Restaurant in Herzfeld seine Krisen-Strategie zusammen. „Nicht vor dem 1. April“ rechnet der Geschäftsführer mit einer Rückkehr zum Normalbetrieb. Bis dahin müsse man sich mit dem Verkauf der Dosen behelfen. Eben diese Dosen – gefüllt etwa mit Rindfleisch in Zwiebelsoße, Wildgoulasch oder Hühnersuppe – bilden das Kerngeschäft des Hauses in Corona-Zeiten. „Sehr, sehr gut“ sei das vor Weihnachten angenommen worden. Und nun im Januar gebe es eine „saisonal übliche Beruhigung“. Trotzdem: Das Haus an der Diestedder Straße kommt über die Runden. „Es ist nicht schön und Du wirst nicht reich dabei, aber es ist immer noch ein Geschäft“, so Stratbücker. Das eigentliche Geschäft, daran erinnert er sich gerne zurück. „Der letzte Sommer ist gigantisch gelaufen. Wir hatten auch in der Woche unseren Garten mit den 85 Plätzen dauernd voll“, so der Gastronom. Und auf ähnliche Zeiten freut er sich. Bis dahin gibt es weiter Dosen. Täglich von 9 bis 12 Uhr. Und vielleicht demnächst einen Online-Shop.

Es ist nicht schön und Du wirst nicht reich dabei, aber es ist immer noch ein Geschäft.

Andreas Stratbücker, Geschäftsführer

Ein paar Meter weiter liegt auf der anderen Straßenseite die Pizzeria „Bella Italia“. Die Plätze drinnen sind ebenso unbenutzt wie der Garten. „Viel Verlust“ gebe es trotz der Möglichkeit des Außer-Haus-Verkaufs, heißt es. Und: „Wir haben zwar viele treue Stammkunden, aber insgesamt sind es deutlich weniger geworden.“ Besonders am Abend nach 20 Uhr komme niemand mehr. „Dann stehst Du hier und wartest.“ Ein Gefühl des Eingesperrt-Seins mache sich ebenso breit wie einen „langsame Depression“. Der Wunsch des Gastronomen: Die Rückkehr zu den Abstands-Regelungen und Hygienekonzepten vom Sommer. Damit sei man schließlich gut gefahren.

Feinstes aus der Dose: Susanne und Andreas Stratbücker bieten ihre Fleischspezialitäten gut verpackt zum Mitnehmen an.
Feinstes aus der Dose: Susanne und Andreas Stratbücker bieten ihre Fleischspezialitäten gut verpackt zum Mitnehmen an. © Dahm

Petra Rubart ist Chefin im „Dorfkrug“ in Schoneberg. „Das Leben ist manchmal hart, aber das jetzt schaffen wir nur gemeinsam“, sagt sie. Jetzt im Januar widme sie sich dem liegen gebliebenen Schriftkram. „Aber es ist schöner mit Gästen zu arbeiten als mit Büchern.“ Die Zahlen in eben diesen Büchern geben zum Glück keinen Grund zur Besorgnis. „Im Großen und Ganzen bin ich den Umständen entsprechend zufrieden“, sagt Rubart. Das liege an den „vielen, vielen treuen Gästen, die am Wochenende den Außer-Haus-Service nutzten. In der Regel einen Tag vorher, mitunter aber auch ganz spontan nimmt das Dorfkrug-Team die Bestellungen entgegen. „Das geht gut, weil die Leute am Wochenende gerne etwas Gutes haben wollen.“

Das Leben ist manchmal hart, aber das jetzt schaffen wir nur gemeinsam.

Petra Rubart, Chefin im Dorfkrug

Im Gasthof Willenbrink in Lippborg hat Gabi Willenbrink schon bessere Tage gesehen. Gemeinsam mit ihrem Mann stemmt sie den Außer-Haus-Verkauf an den Wochenenden. Sämtliche Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, „weil sich das sonst überhaupt nicht mehr rechnet“. Eigentlich sehr gut werde das Angebot angenommen, zuletzt aber habe es auch Schwankungen gegeben. So sei der vergangene Samstag sehr gut, der Freitag und Sonntag dagegen ziemlich mäßig gewesen. „Man hält Kontakt zu den Gästen und hat das Gefühl noch etwa zu tun“, beschreibt Willenbrink die wenig befriedigende Situation. Noch schlimmer sei es derzeit für die Mitarbeiter, die zu Hause auf bessere Zeiten warteten. „Das ist eine Tortour für jemanden, der für den Job brennt und einfach nichts tun kann.“ Und wie geht es dem Gasthaus finanziell? Von „schleppend eintreffenden staatlichen Zuschüssen“ spricht Gabi Wilenbrink. Und davon, „bei vielen Kosten in Vorleistung“ gehen zu müssen. Die Folge: „Inzwischen gehen wir auf unsere Altersvorsorge zurück. Und das war so eigentlich nicht gedacht.“

Vielleicht schon Mitte Februar hofft die Lippborger Gastronomin nun auf einen Neustart. „Ich hoffe, dass dann vielleicht lokaler geguckt wird, wo man öffnen kann.“ Aber am Ende hänge das natürlich auch ab von dem neuen Virus, der als Mutation sämtliche Hoffnungen begraben könnte.

Mutation hin, Mutation her: Für Digkae Thoma als Inhaber des Akropolis-Grill in Lippborg hat sich am Geschäftsmodell nicht viel geändert. Weil nämlich ohnehin 80 bis 90 Prozent des Umsatzes über den Außer-Haus-Verkauf läuft, blieben die Einbußen im Rahmen. „In diesen schwierigen Zeiten geht es uns ganz gut“, so Thoma. Zwar blieben Kunden etwa aus Beckum oder Hamm vermehrt aus, doch die heimischen Stammkunden seien nach wie vor sehr treu. „Wir hatten auch im Sommer drinnen nicht auf“, erläutert er die Strategie seines Imbisses. Zu klein sei es drinnen, als dass er ein gutes Gefühl hätte haben können in Sachen Ansteckung. Deshalb gebe es inzwischen seit fast einem Jahr nur noch den Außer-Haus-Verkauf.

Sieht zum Anbeißen gut aus: Das Carpaccio vom Reh mit Rotkohlsalat und Quittenchutney macht auch im Außer-Haus-Verkauf einen perfekten Eindruck.
Sieht zum Anbeißen gut aus: Das Carpaccio vom Reh mit Rotkohlsalat und Quittenchutney macht auch im Außer-Haus-Verkauf einen perfekten Eindruck. © Willenbrink

Omas Küche soll Außer-Haus-Konzept ablösen

Was machen findige Gastronomen, wenn sie plötzlich viel Zeit haben? Ganz genau: Sie werden kreativ. Deshalb hat das Ehepaar Willenbrink vom gleichnamigen Haus in Lippborg nun Konzepte für den Lockdown, aber auch für die Zeit danach entwickelt. Gabi Willenbrink will „Omas Küche“ zum Leben erwecken, sobald wieder Gäste ins Haus dürfen. Dafür hat Ehemann Josef die alten Kochbücher seiner beiden Großmütter herausgesucht. Inzwischen ist eine Collage entstanden und viele Ideen, wie die „alte Küche“ wieder ganz modern auf den Teller kommen kann. Apropos Teller: Weil das dazu passende Geschirr nur zwölf Sets beinhaltet, wird bei Willenbrink mit eben dieser Maximalzahl an Gästen gearbeitet. Gespeist werden soll bei „Omas Küche“ stilecht unter den Bildern der Willenbrink‘schen Vorfahren.

Und bis es so weit ist, macht Josef Willenbrink einfach weiter mit seinen Außer-Haus-Konzepten: Wöchentlich thematisch wechselnd gibt es Erlesenes auf die To-go-Teller. „Der Pilz- und Kräutersammler des Hauses ist demnächst wieder unterwegs, so dass wir dann auch wieder einen Wildkräutersalat auf der Karte haben werden“, so Josef Willenbrink. Und weil eine prächtige Gans vor Weihnachten gekauft worden sei, werde die nun zu einem köstlichen Auflauf mit Steckrüben und Wurzelgemüse verarbeitet. Überhaupt lässt Josef Willenbrink das Vorurteil nicht gelten, nach dem Außer-Haus-Speisen beim Transport viel an Qualität verlieren. „Es kommt natürlich auf die Auswahl an. Aber was Sie bei uns bestellen, das schmeckt garantiert auch noch zu Hause.“ Auch deshalb wird in der Küche weiter geklotzt anstatt gekleckert. Auf der Karte stehen Vorspeisen wie ein „ Carpaccio vom Reh mit Rotkohlsalat und Quittenchutney“, die wöchentlich wechselnden Hauptgerichte – und dazu passende Weine.

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