Nicht jeder mag die Stolpersteine

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Stolpersteine in der Brüderstraße in Soest: Zwei solche Kunstobjekte soll es laut Ratsbeschluss demnächst auch in Lippetal geben. In Hovestadt an der Kreuzung vor der Pfarrkirche und in Oestinghausen an der Hovestädter Straße.

Lippetal – Zukünftig sollen auch in Lippetal „Stolpersteine“ auf den Fußwegen das Gedenken an die Verfolgten des Nationalsozialismus im tagtäglichen Vorbeigehen erneuern.

Dem stimmten jetzt die Ratsmitglieder im Bürgersaal Haus Biele einstimmig zu. Die Anregung dafür war vom Verein zur Förderung der Heimat- und des Brauchtums Oestinghausen ausgegangen. Dessen Vorsitzender, Herbert Schenk begründete den Antrag damit, dass es auch in Lippetal Opfer des Nazi-Regimes gab. Zusätzlich informierte er darüber, dass das Projekt durch den Heimatverein „Brücke“ und die Lippetalschule begleitet wird, die in diesem Zusammenhang einen Geschichtskurs durchführt. 

Vier jüdische Friedhöfe in Lippetal

Vier bekannte alte jüdische Friedhöfe an der Poststraße bei Schoneberg, im Althoff bei Hovestadt, in Herzfeld nahe der Lippstädter Straße und in Oestinghausen am Weimeskamp zeugen vom ehemaligen jüdischen Leben in Lippetal. Es gab in der Schreckenszeit der Nazis auch hier auch Opfer: Im Antrag des Heimatvereins wird mit dem Stoperstein Nummer 1 die Geschichte der Familien Cohn/Sommer aus Hovestadt in den Blick genommen. 

Haus in Hovestadt niedergemacht

Das Haus wurde laut der Schilderung in der Nacht zum 11. November 1938 unbewohnbar gemacht. Es wurde abgerissen und die Kreuzung Brückenstraße/Schlossstraße/Nordwalder Straße (vor der St.-Albertus-Magnus-Kirche) an dieser Stelle ausgebaut. Julius Sommer kam später im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Über seine Nichte Paula Cohn gibt es keine Informationen. Sie gilt als verschollen. In Oestinghausen soll ein zweiter Stolperstein an Julius Neukircher und seine Frau Adele erinnern. An der Hovestädter Straße hatten sie ihren letzten Wohnort, bevor sie von den Nazis zunächst ins Ghetto Theresienstadt und später in das Vernichtungslager Treblinka abtransportiert wurden – dort sind beide umgekommen. 

Nicht jeder stimmt den Steinen zu

Dass nicht unbedingt jeder Hausbesitzer begeistert sein muss, wenn vor seinem Haus ein Stolperstein aufgestellt wird, das verdeutlichte Bürgermeister Matthias Lürbke in der Aussprache. Einer der Betroffenen habe sich negativ zu dem Vorhaben „Stolperstein“ geäußert. Das kann allerdings nicht verhindern, dass die vom Rat am Ende einstimmig befürwortete Aktion durchgeführt wird, denn laut Lürbke ist eine Zustimmung des Anliegers für die Nutzung öffentlicher Flächen nicht notwendig. Bei der Platzierung der Stolpersteine dürfte die Gemeinde oder der Heimatverein jedoch etwas Spielraum haben, wo genau der entsprechende Stolperstein aufgebracht wird. 

220 000 Euro-Plus in 2018

Im Verlauf der Sitzung nahm der Rat das Ergebnis der Jahresrechnung 2018 zur Kenntnis. Kämmerer Jürgen Sickau berichtete, dass er einen Überschuss von 220 000 Euro verbuchen konnte. Einstimmig befürwortete der Rat die Bauprojekte Mehrfamilienhäuser an der Diestedder Straße in Herzfeld und am Ilmerweg in Lippborg (wir berichteten). Abgelehnt wurde der Antrag des Vereins „Pfotenhilfe“, der eine Befreiung von der Hundesteuer im Sinn hatte.

Größtes dezentrales Mahnmal der Welt

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus (NS-Zeit) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die quadratischen Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten sind mit von Hand eingeschlagenen Lettern beschriftet und werden von einem angegossenen Betonwürfel getragen. Sie werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen. Im Oktober 2018 verlegte Gunter Demnig in Frankfurt am Main den 70 000. Stein. Stolpersteine wurden nicht nur in Deutschland, sondern auch in 23 weiteren europäischen Ländern verlegt. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

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