Landwirtschaft in Lippetal

Bauer sucht Zukunft

Klein, aber mit viel Potenzial nach oben: Dennis Gockel und Klaus Albersmeier präsentieren die chinesischen Blauglockenbäue als Teil des Agroforst-Projektes auf dem Hof in Hüttinghausen.
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Klein, aber mit viel Potenzial nach oben: Dennis Gockel und Klaus Albersmeier präsentieren die chinesischen Blauglockenbäue als Teil des Agroforst-Projektes auf dem Hof in Hüttinghausen.

Ein Spagat zwischen Umwelt- und Klimaschutz einerseits und einer ertragsreichen Landwirtschaft auf der anderen Seite. Den probiert Klaus Albersmeier in Hüttinghausen. Jetzt hat er chinesische Blauglockenbäume aufs Feld gepflanzt. Das ist nicht unumstritten.

Hüttinghausen – „Ich sehe mich nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung“, sagt Klaus Albersmeier. Probleme, die gebe es zwar reichlich in der konventionellen Landwirtschaft. Und seinen Betrieb mit Schweinen und Ackerbau bewirtschaftet der Mann konventionell. Nicht nur mit den Problemen, sondern auch mit den üblichen Vorwürfen sieht er sich konfrontiert: Er lauge den Boden aus, betreibe Massentierhaltung, schade Natur und Umwelt. „Und das, wo alle Welt erwartet, dass wir aber auch hochwertige Produkte zu niedrigsten Preisen erzeugen“, so der Landwirt.

Ist Albersmeier also Teil des Problems? „Nein“, sagt er. Denn Klaus Albersmeier hat sich inzwischen ganz individuell auf den Weg gemacht: Zunächst stieg er um auf offene Schweineställe mit Stroh („Auch wenn das für die CO2 -Bilanz und die Geruchsentwicklung schlecht ist“).

Nun setzt er neue Akzente in der Landwirtschaft. „Agroforst“ heiß der Fachausdruck für ein Experiment, das gleich vor den Hoftoren in Hüttinghausen beginnt. Da sprießen neben dem Klee auf zweieinhalb Hektar 30 bis 50 Zentimeter große Baumsetzlinge aus dem Boden. „Wir haben uns für chinesische Blauglockenbäume entschieden“, sagt Dennis Gockel. Der Mann ist eigentlich Künstler, hat sich aber längst auch in Sachen Bäume eine Expertenschaft errungen. Sieben Reihen Bäume, dazwischen befinden sich jeweils 14 Meter Ackerfläche.

„Wir haben uns intensiv ausgetauscht über den Klimawandel“, sagt Gockel. Und dann habe man sich die Frage gestellt: Was funktioniert noch? Was kann man noch pflanzen? Dass die Wahl auf dem Versuchsfeld auf die Paulownia – so heißt der Blauglockenbaum offiziell – fiel, das hat gute Gründe. Die Bäume wurzeln tief, wachsen sehr schnell und haben eine nicht allzu große Krone. „Die Bäume sind in einer wichtigen Zwischenzeit des Jahres eine gute Bienenweide“, meint Dennis Gockel. „Und der Baum wird als Wertholz gehandelt“, fügt Klaus Albersmeier hinzu. So könne er den Umwelt- mit dem Ertragsgedanken verbinden.

Dass die Blauglockenbäume gut sind für dieses Experiment, ist zunächst einmal eine Hoffnung. Weil sich das leichte Holz gut vermarkten lässt, weil der Baum deutlich mehr CO2 bindet als europäische Artgenossen – und weil er mit Hitze genauso gut zurecht kommt wie mit Frost.

„Am Anfang ist der Baum allerdings eher eine Mimose“, weist Albersmeier auf die ersten Erfahrungen hin. „Er braucht viel Fürsorge und Wasser, auch Dünger mag er gerne.“

Schießt der Baum dann in die Höhe – in den ersten Jahren sind vier Meter pro Jahr möglich – dann wird er schnell zum Schattenspender und auch zu einem Gewächs, das Nährstoffe und Feuchtigkeit in den tieferen Bodenschichten bindet.

Dass Agrofrost-Experimente notwendig werden, davon sind Albersmeier und Gockel überzeugt. „Hitze und Trockenheit setzen Zeichen auch auf Hochertragsstandorten wie bei uns“, sagt Klaus Albersmeier. Und: „Selbst hier im gelobten Land merken wir, wie uns der Klimawandel zu schaffen macht.“ Dennis Gockel meint: „Wir nutzen Bäume, von denen wir glauben, dass sie mit dem kommenden Klima gut zurecht kommen.“

Von „einem gewissen Problem“ spricht Ralf Jost von der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU) in Lohne, wenn es um den Blauglockenbaum geht. Nicht so günstig für die heimischen Insekten sei er; zudem gebe es das Risiko einer unkontrollierten Vermehrung. „Es gibt ja auch heimische Arten, die wir über Selektion so anpassen können, dass sie dem Klima gewachsen sind“, meint der ABU-Biologe. Gleichwohl spricht Jost von einem „sinnvollen Experimentierfeld“, wenn es um das Thema Agrofrost geht. „Das ist überlegenswert. Wir haben da nur wenig Erfahrungen.“

Letzteres können Klaus Albersmeier und Dennis Gockel nur bestätigen. Zwar gebe es in Ostdeutschland und Südfrankreich Experimente. Doch welche Baumarten in der Soester Börde für den Agroforst sinnvoll seien, das müsse man wohl schlicht und einfach ausprobieren und beobachten.

Von „nicht allzu großer Resonanz“ bei möglichen Projekt-Partnern wie der Fachhochschule oder der Landwirtschaftskammer spricht Klaus Albersmeier noch. Seine Einladung zum gemeinsamen Begutachten und Voranbringen seines Agroforstes aber steht. „Angesichts der Klimakrise ist es wichtig, jetzt initiativ zu werden. Aber der Beweis, dass dieser Baum auf dem Acker gut wächst, bleibt anzutreten.“

Wie war das noch? Der Landwirt sieht sich nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung.

Biodiversität

Neben dem Agroforst-Projekt haben Klaus Albersmeier und Dennis Gockel 30 Baumarten – insgesamt 200 Exemplare – entlang der Hofgrenze gepflanzt. Auch das ein Experiment. Im Frühjahr soll es Schilder geben, auf denen die einzelnen Sorten wie die Elsbeere oder der Bienenbaum erläutert werden. Auch dieser neue Baumlehrpfad soll klären helfen, welche Arten in der Soester Börde heimisch sein oder bleiben könnten. „Und außerdem wird das im Frühjahr richtig schön aussehen“, freut sich der Landwirt auf die nächste Blühzeit.

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