Zahl der Nichtschwimmer wächst

Paradox: Schwimmschule darf wieder loslegen - aber keiner lässt sie

Einfach abtauchen: Wer schwimmen kann, hat die Angst vorm Wasser abgelegt.
+
Einfach abtauchen: Wer schwimmen kann, hat die Angst vorm Wasser abgelegt.

Eigentlich dürfte „Unsere kleine Schwimmschulen“ den kleinen Wasserratten wieder die ersten Schwimmzüge beibringen - das Land erlaubt das trotz Corona. Das Problem: Kein lässt sie.

Lippetal – Der Schwimmunterricht in kleinen Gruppen von bis zu fünf Kindern ist in Nordrhein-Westfalen wieder erlaubt. Ins Wasser können die Schwimmschüler vielerorts aber trotzdem nicht. Denn die eigentlich gute Idee scheitert an den aktuellen Bedingungen. Das Beispiel der Lippetaler Einrichtung „Unsere kleine Schwimmschule“ zeigt, wieso es auch in den nächsten Wochen nur Trockenübungen geben wird.

„Das mag ja grundsätzlich erlaubt sein, aber bei uns wird das auch in nächster Zeit ganz sicher nicht angeboten werden“, sagt Monika Hansbuer als Verwaltungsleiterin der Klinik Quellenhof in Bad Sassendorf, wo „Unsere kleine Schwimmschule“ in Vor-Corona-Zeiten zu Gast war. Schließlich sei es den Patienten schon schwer vermittelbar, dass derzeit nicht einmal Angehörige in die Klinik dürften. „Wenn wir dann Schwimmschüler von außerhalb reinlassen, haben wir ein Erklärungsproblem“, so Hansbuer.

Coronavirus im Kreis Soest: Schwimmschule will loslegen, aber keiner lässt sie

Kopfschütteln auch bei Michael Kemper: Der Geschäftsführer von „Medi Vital“ in Bad Westernkotten müsste einer Anfrage der Schwimmschule derzeit ebenfalls eine Absage erteilen. „Die ansteigenden Corona-Zahlen machen das unmöglich“, so das klare Statement Kempers.

Und auch bei Nadine Gardulski im Hotel Schnitterhof in Bad Sassendorf ist die Einschätzung eindeutig: Selbst wenn das Bad, das gerade renoviert wird, zur Verfügung stünde, gäbe es keine Chance auf externen Unterricht, so die Verkaufsleiterin. Unterm Strich ist für „Unsere kleine Schwimmschule“ damit zwar theoretisch der Unterricht in den früher genutzten Bädern der Region möglich, praktisch aber nicht.

Hygienisch einwandfrei: Elke Gasse verweist auf ein Konzept, das Corona fernhält.

Das macht Oliver Gasse als Inhaber sowie Ehefrau Elke und das gesamte Team inzwischen ziemlich unruhig. Schon vor der NRW-Neuregelung sind sie aktiv geworden und haben die Städte und Gemeinden im Kreis Soest und der angrenzenden Regionen sowie Politiker, Schulen und Kindergärten angeschrieben, um auf das Problem der zunehmenden Zahl der Nichtschwimmer aufmerksam zu machen.

Das Ziel: gemeinsam Lösungen finden, um Vorschul- und Schulkindern im Schwimmen unterrichten zu können. „Die Schwimmfähigkeit rettet Leben! Es ist schlicht und einfach zu befürchten, dass die Zahl der Badeunfälle spätestens im Sommer stark ansteigen wird! Das Ertrinken ist die zweithäufigste Todesursache bei den Unfällen. Wir wollen den Familien ein schnelles und sicheres Angebot ohne eine Wartezeit von ein bis zwei Jahren unterbreiten“, heißt es unter anderem in dem Schreiben. Das Ergebnis der Anfragen beschreibt Elke Gasse als „ziemlich ernüchternd“. Denn die Idee, mit den Schülern in die kommunalen Bäder auszuweichen stieß auf keine Gegenliebe. Keine Zeiten, weiterhin geschlossene Bäder, Corona-bedingte Verbote: Die Liste der Gründe ist ebenso lang wie ernüchternd. „Unterm Strich haben wir jetzt seit einem Jahr so etwas wie ein Berufsverbot“, fasst Elke Gasse die aktuelle Lage zusammen. Und das, wo sich die Anfragen potenzieller Schwimmschüler häufen.

„Unsere kleine Schwimmschule“ ist eine seit über 16 Jahren bestehende private Schwimmschule. Bis zum ersten Lockdown im März des vergangenen Jahres hat die Schule in acht verschiedenen Bädern im Kreis Soest Schwimmunterricht für Kinder und Wassergewöhnung für Babys und Kleinkinder angeboten. Bis vor einem Jahr wurden jede Woche mehr als 600 Kinder und Familien betreut.

Schwimmschule will wieder ins Wasser: Fünf Termine gab es im Herbst

An gerade einmal fünf Terminen konnte in drei Bädern im September und Oktober 2020 ein klein wenig Unterricht stattfinden, ansonsten bleiben seit einem Jahr alle auf dem Trockenen. Auf den Kurslisten stehen aber nach wie vor hunderte von Kindern, die auf ihren Unterricht warten – und täglich kommen neue Anfragen von Familien hinzu. Planungssicherheit für die Familien und auch für die Schwimmschule als Arbeitgeber mit zehn Mitarbeitern ist nicht vorhanden.

Elke und Oliver Gasse hoffen deshalb weiter, gemeinsam mit den Kommunen, Schulen und Kindergärten das Problem angehen zu können. Da der Unterricht immer nur in festen Kleingruppen stattfinden würde, sei das mit dem Kreis Soest abgestimmte Hygienekonzept problemlos umsetzbar.

„Deutschlandweit machen immer mehr Schwimmschulen und Vereine auf das Problem aufmerksam und zum Teil auch schon mit ersten Erfolgen“, sagt Elke Gasse. So wurden zum Beispiel in Berlin in den Osterferien kostenlose Schwimm-Intensivkurse angeboten (gefördert von den Senatsverwaltungen für Inneres und Sport und für Bildung, Jugend und Familie). Für die Familien ein sehr hilfreiches Angebot, das die kleine Schwimmschule – so oder in anderer Form – nun auch im Kreis Soest und Umgebung umsetzen möchte. Wichtig ist ihnen, dass die Zahl der Nichtschwimmer reduziert wird. Freizeitbeschäftigungen wie Musikunterricht seien sicherlich wichtig, aber die Fähigkeit zu schwimmen, sei nun einmal „überlebenswichtig“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare