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Griechische Familie hat Isolation satt

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Von: Jürgen Vogt

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Die Familie rückt zusammen: Georgios, Eftychia, Thomas, Dimitria und Georgios (von links) haben große Lust auf die Rückkehr zur Geselligkeit.
Die Familie rückt zusammen: Georgios, Eftychia, Thomas, Dimitria und Georgios (von links) haben große Lust auf die Rückkehr zur Geselligkeit. © Peter Dahm

Herzfeld – Kaum Umsatz. Kaum Kontakte. Kaum Hoffnung. Für die griechische Familie Tassis ist die Corona-Krise eine echte Herausforderung. Auch deshalb, weil die Geselligkeit irgendwie in den Genen der Familie verankert ist. Ein Besuch unter Hygienebedingungen.

Einen Georgios Tassis gibt es zweimal in der Herzfeder Familie: Der Opa ist 73, sein Enkel 3. Beim Fototermin am Montagvormittag legt Opa Georgios gleich los, erzählt von alten Zeiten. „Als wir herkamen, gab es am Ortseingang von Lippborg kommend einen großen Misthaufen – und am Ortsausgang Richtung Diestedde noch einen. Das stank. Da hat meine Frau gefragt: Wohin hast Du mich nur gebracht?“ Er berichtet von den vielen Freundschaften im Ort („Wir sind hier damals vor 40 Jahren von den Nachbarn mit Sekt und Blumen begrüßt worden“), vom Geschäft im Familienrestaurant an der Diestedder Straße („Als ich das damals kaufen konnte, habe ich sofort zugeschlagen“). Der kleine Georgios dagegen ist still. Er hantiert mit Spielzeugautos. Erst als Oma Dimitria kommt, spricht er leise. Auf griechisch erzählt er von Problemen mit dem Corona-Virus, von Masken – und davon, dass er nicht raus darf. Während der Opa weiter über die alten Zeiten spricht, lenkt Oma den jungen Georgios ab, zurück in die heile Welt der Modellautos. Die schönen Erinnerungen des Opas treffen auf die Realität des Enkels.

Im ersten Lockdown im Frühjahr, da bin ich fast verrückt geworden.

Thomas Tassis, Chef von Tassis Restaurant

„Es ist sehr einsam. Wir zwei sind immer allein“, sagt Mama Eftychia Kermou später. Die 40-Jährige verbringt die Tage mit ihrem Sohn in der Wohnung. Manchmal geht es raus auf den Spielplatz („Aber da ist nie jemand“), manchmal ins Restaurant („Da gibt es dann Pommes oder einen Burger für Georgios“). Die Tage sind lang. „Georgios hat keinen Kontakt zu anderen Kindern“, bringt Eftychia die aktuelle Lage auf den Punkt. „Das ist kein schönes Gefühl für mich.“

Dreijähriger bleibt zu Hause

Im August sollte sie eigentlich losgehen, die Kindergartenzeit für den Dreijährigen. Doch weil er am Anfang dauernd krank war, später Corona-Fälle um und in der Einrichtung für Ausfälle sorgten, zog Papa Thomas die Reißleine. „Wir haben dann entschieden, dass er zu Hause bleibt. Denn einen Corona-Fall in der Familie und dann die Schließung des Restaurants, das könnten wir uns nicht leisten.“ Die Entscheidung steht seither. Dass der kleine Georgios gerade die Weihnachtszeit zu Hause verbringen musste, schmerzt Mama Eftychia. „Das wäre mir sehr wichtig gewesen.“

Und auch wenn Papa Thomas zu Hause ist, gibt es kaum Austausch. „Wir sind eben sehr vorsichtig“, sagt er. Was das bedeutet? Keine Besuche, keinen Besuch empfangen, keine Ausflüge.

Ich möchte gerne etwas ändern, die Situation ist nicht gut für die Psyche.

Eftychia Kermou, Mutter von Georgios

Zum Kummer zu Hause kommt für Thomas die Sorge ums Geschäft. „Im ersten Lockdown im Frühjahr, da bin ich fast verrückt geworden“, sagt der Mann, der das Geschäft vor fünf Jahren von Papa Georgios übernommen hat. Drei Mantaplatten am Tag, ständig kreisende Gedanken ums wirtschaftliche Überleben und die ungewissen Aussichten – das zerrte an den Nerven. „Ich habe mir irgendwann ein Kinderspiel aufs Handy geladen und mich damit beschäftigt, damit ich nicht dauernd nachdenken musste“, so der 46-Jährige.

Und dann kam auch noch das 40-jährige Jubiläum des Restaurants. Das sollte am 26. November 2020 gefeiert werden – mit 40 Prozent Rabatt für alle Gäste. Aus der Vorfreude wurde angesichts der Schließung ein trister Tag. Und aus einem rauschenden Fest ein paar Außer-Haus-Verkäufe an einem „ganz gewöhnlichen Donnerstag“.

Es fehlt das Leben im Lokal

Heute stecken Thomas Tassis und „Tassis Restaurant“ mitten im zweiten Lockdown. Was dem Gastronomen am meisten fehlt? „Das Leben hier im Lokal“, sagt er. „Meine Leute vor der Theke am Freitagabend, die viel Unsinn reden und mich die halbe Nacht wach halten“, fügt er schmunzelnd hinzu. Und dann weist er auf den Tisch, der den Eingang versperrt. Nichts als Außer-Haus-Verkauf gebe es in dieser Zeit. Der läuft in der Woche schlecht, donnerstags und am Wochenende gut. „Das reicht, um Kosten zu decken und Miete zu bezahlen“, sagt Thomas Tassis. Für die festangestellten beiden Mitarbeiter bedeutet es Kurzarbeit. Und für Familie Tassis, „dass wir für unser privates Leben vom Ersparten leben.“

„Manchmal ist das ganz schön deprimierend“, sagt Thomas. Wenn nichts los ist im Geschäft und er an die Situation zu Hause denke. Oder wenn er an die ungewissen Aussichten denke. „Ich möchte gerne etwas ändern, die Situation ist nicht gut für die Psyche“, sagt auch Eftychia. Die Pandemie lasse aber nichts zu in diesen Tagen.

Unterstützung der Stammkunden tut gut

Dann – irgendwie von einem Moment auf den anderen – ändert sich die Stimmung. Thomas Tassis schwärmt von den Stammkunden, „die uns unglaublich gut die Treue halten“. Dann erzählt er von einer Familie, die dauernd bestellt, sich ständig nach dem Befinden erkundigt. „Wir kennen die ja alle persönlich. Und viele sagen, dass sie nicht wollen, dass hier in Herzfeld die Läden schließen.“

So eine Unterstützung tut gut. Genauso wie der Blick in die Zukunft. „Wenn das alles vorbei ist, dann fahren wir alle zusammen nach Griechenland in den Urlaub“, meint Thomas Tassis. „Ich wünsche mir Freiheit. Für mich und für mein Kind“, sehnt Eftychia Kermou ein Ende der Isolation herbei.

Jetzt ist auch der kleine Georgios aufgetaut. Opa hat ihm ein Eis spendiert. Und als der Besuch endet, zählt Papa Thomas mit geschlossenen Augen bis zehn. Georgios hat sich längst unter einem Tisch versteckt. Papa und Sohn haben viel Zeit zum Verstecken-Spielen heute. In der Woche nämlich läuft das Geschäft schlecht. Mittags sowieso.

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