Entwicklung der Ahsewiesen: "Jeden Tag etwas Neues"

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Birgit Beckers beobachtet aufmerksam die Situation in den heimischen Feuchtwiesengebieten.

Lippetal - Seit rund 30 Jahren wird das circa 370 Hektar große Feuchtwiesengebiet Ahsewiesen von der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU) betreut. Der Start fiel in eine Zeit, in der Umweltschutz noch ein Nischenthema war. Aus einem ehemaligen trocken gelegten und intensiv bewirtschafteten Gebiet ist inzwischen wieder ein weitgehend intaktes Feuchtwiesengebiet mit artenreichen Wiesen, Röhrichten, Hecken und zahlreichen Kleingewässern geworden. Zeit, einmal bei der Ahsewiesen-Expertin der ABU, Birgit Beckers, nachzufragen.

Wie fällt Ihre Bilanz für das Gebiet nach 30 Jahren Betreuung durch die ABU aus?

Birgit Beckers: Durchweg positiv. Die Ahsewiesen waren bis in die 1960er Jahre eine sehr feuchte Aue, in der Tiere und Pflanzen der Feuchtwiesen vorkamen. 1969 bis 1970 wurden dann umfangreiche Entwässerungsmaßnahmen durchgeführt, die zu einer intensiveren landwirtschaftlichen Nutzung bis hin zum Ackerbau führte. Ziel in den Ahsewiesen ist zumindest auf Teilflächen die Entwicklung eines naturnahen Wasserhaushaltes mit den entsprechenden Feuchtwiesen und den Arten der Feuchtgebiete. Mit Unterstützung der Behörden konnten in den fast 30 Jahren rund 160 Hektar des 370 ha großen Naturschutzgebietes erworben und der überwiegende Teil wiedervernässt werden. Es wurden die Dränagen verschlossen und die Entwässerungsgräben angestaut, soweit von den Maßnahmen nur öffentliche Flächen betroffen sind. Die Ahseverwallung konnte geöffnet werden. 28 Kleingewässer wurden angelegt. Die Grünlandflächen sind an örtliche Landwirte verpachtet; sie bewirtschaften sie wiesenvogelgerecht. Allerdings zeigen die trockenen Frühjahre der vergangenen Jahre, dass die Entwicklung des Gebietes noch nicht abgeschlossen ist. Fallen im Frühjahr wenige Niederschläge, wirkt sich dies gleich negativ auf die Tier- und Pflanzenwelt aus.

Was sind die bemerkenswertesten Veränderungen? 

Beckers: Die Charakterart der Ahsewiesen ist der Große Brachvogel. Sein Brutbestand ist seit Beginn der Naturschutzmaßnahmen von damals vier Paaren auf durchschnittlich zehn Paare gestiegen. Die Verbesserung des Wasserhaushaltes sowie die wiesenvogelgerechte Bewirtschaftung durch die Landwirte bieten weiteren Arten neuen Lebensraum. Über 300 Pflanzenarten konnten wir feststellen. Jedes Jahr halten sich rund 160 Vogelarten in den Ahsewiesen auf, von denen rund 80 Arten zur Brut schreiten. Ende der 1980er Jahre waren es nur 110 Arten, von denen 60 zur Brut schritten. 26 Libellenarten und sieben Amphibienarten gibt es in den Ahsewiesen. Die bunten Wiesen zeigen, dass sich aus den zu Beginn artenarmen Grünländern krautreiche Wiesen und Weiden entwickelt haben. Einige besonders seltene Vegetationsgesellschaften der feuchten Wiesen haben sich mittlerweile wieder entwickelt. Rund 20 Kiebitzpaare brüten jedes Jahr in den nassen Wiesen. Das ist schon etwas Besonderes, da großflächig die Bestände ansonsten zurückgehen. Aber auch seltene Entenarten wie Löffelente und Knäkente schreiten mittlerweile zu Brut. Im zeitigen Frühjahr ziehen die flach überschwemmten Wiesen mehrere Hundert Kraniche zum Übernachten an, ein Schauspiel, das viele Besucher begeistert. Vor ein paar Jahren hat sich auch der Weißstorch in den Ahsewiesen nieder gelassen und brütet mittlerweile jedes Jahr erfolgreich. Die Ansiedlung des Weißstorches zeigt, dass sich das gesamte Gefüge des Feuchtgebietes wieder erholt hat, die Nahrungssituation günstig ist. Das merkt man auch an windstillen Maiabenden: Dann rufen aus den Wasserflächen zahlreiche Laub- und Grünfrösche. Eine weitere neue Entwicklung ist, dass nordische Blässgänse seit einigen Jahren den Winter in den Ahsewiesen verbringen. Und wenn die Wasserverhältnisse günstig sind, halten sich im Winter Pfeifenten und Krickenten in großen Zahlen auf den überschwemmten Wiesen auf.

Wie lässt sich der Naturschutz mit der Präsenz des Menschen vereinbaren? 

Beckers: Grundsätzlich gut, allerdings ist es wichtig, dass die Menschen auf den befestigten Wegen bleiben und den Hund anleinen. Daran sind die Vögel gewohnt, sobald ein Mensch den Weg verlässt, werden die Vögel gestört. Das kann so weit gehen, dass besonders empfindliche Vogelarten die Brut aufgeben oder das Gebiet verlassen. Unangeleinte Hunde werden von den Vögeln als Gefahr wahrgenommen, auch wenn sie auf dem Weg bleiben. Deshalb ist es besonders wichtig, die Hunde anzuleinen.

Wo und wann lohnt sich ein Besuch besonders? 

Beckers: In den Ahsewiesen gibt es zwei Einrichtungen für die Besucher. Im Osten ein neun Meter hoher Turm, von dem man einen guten Blick über den Kernbereich des Gebietes hat. Im Westen befindet sich eine Beobachtungshütte. Von beiden Stellen aus lassen sich die Vögel gut beobachten, ohne sie zu stören. Das Frühjahr ist die schönste Zeit im Jahr. Die Großen Brachvögel kommen Ende Februar aus ihrem Winterquartier zurück und beginnen bald, mit ihren imposanten Flügen die Reviere abzugrenzen. Auch die Kiebitze zeigen im März und April ihre Balzflüge. Viele seltene Vögel legen im April und Mai eine kurze Rast auf ihrem Flug aus dem Winterquartier in ihr Brutgebiet ein, in dieser Zeit gibt es jeden Tag etwas neues zu sehen. Dann wechseln auch die Wiesen ihre Farbe, zuerst blüht das weiße Wiesenschaumkraut, dann die violette Kuckuckslichtnelke und die gelben „Butterblumen“.


Das Thema Umwelt ist in den letzten Jahren immer weiter in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Inwiefern profitiert die ABU bei ihrer Arbeit davon? 

Beckers: Das Interesse der Bevölkerung an der Natur ist groß. Immer wieder erhalten wir Meldungen schöner Beobachtungen von Besuchern. Und unsere Exkursionen, die wir anbieten, werden gerne angenommen. Wir merken, dass sich viele Menschen mit der Natur und Umwelt beschäftigen. Regelmäßig erhalten wir Anfragen zu verschiedensten Fragen


Wie sollen die Ahsewiesen in 30 Jahren aussehen? 

Beckers: Mein größter Wunsch: Die Hochspannungsleitung, die durch die Ahsewiesen verläuft, wird unterirdisch verlegt. An ihr verenden jedes Jahr etliche Vögel; regelmäßig sind auch flugunfähige Vögel zu beobachten, die sich an der Leitung verletzt haben. Da wir die Leitung nicht systematisch kontrollieren, stellen wir nur die Opfer unter den Großvögeln fest, was bei den Kleinvögeln passiert, wissen wir nicht. Die Liste der verunglückten Vögel ist lang, auch Kraniche und ein Weißstorch stehen leider darauf. Wasser ist der ausschlaggebende Faktor für gute Feuchtgebiete. Deshalb sollte der Wasserhaushalt der Ahsewiesen noch besser werden. Es gibt noch gute Potentiale, die vernässten Bereich auszudehnen. Die möchten wir nutzen. Schön wäre, wenn sich die Uferschnepfe wieder in den Ahsewiesen ansiedeln würde. Sie kam hier bis in die 1980er Jahre als Brutvogel vor. Aus den 1960er Jahren gibt es ein Foto aus den Ahsewiesen, das eine Uferschnepfe mit einem Küken zeigt. Mit diesem Foto beende ich oft meine Vorträge als Vision, wo wir wieder hin müssen.




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