Hans-Albert Limbrock berichtet über Familien-Weihnachten in der Pandemie

Corona tritt die Tür ein

Zum  Video  hatte sich die Familie an Heiligabend verabredet. Obwohl nur ein paar Zimmer entfernt, war der Sohn genauso so weit weg wie seine Schwestern in Köln und Dortmund.
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Zum Video hatte sich die Familie an Heiligabend verabredet. Obwohl nur ein paar Zimmer entfernt, war der Sohn genauso so weit weg wie seine Schwestern in Köln und Dortmund.

„Corona klopft nicht höflich an. Corona tritt die Tür ein. Zumindest bei uns. Von jetzt auf gleich war das Virus plötzlich mitten unter uns; mitten in unserer Familie.“ Das schreibt Hans-Albert Limbrock. Und er berichtet im Folgenden, was das für eine Familie bedeutet.

Lippetal – Natürlich hatten auch wir jeden Morgen in den Nachrichten die täglichen Horror-Meldungen über neue Höchststände bei den Infizierten und Toten gehört. Und trotzdem bestimmte Corona nicht permanent all unser Denken und Handeln. Maske tragen, Abstand halten, nur wenige Kontakte – daran hatten wir uns inzwischen schon gewöhnt. Und da war da ja auch die Vorfreude auf Weihnachten; ein bisschen Normalität wenigstens für ein paar Tage.

Doch dann war plötzlich alles anders. „Ich bin positiv“, nuschelte unser 22-jähriger Sohn Jari unter der Maske, als er gerade die Haustür aufgeschlossen hatte. Zwei Tage vor Heiligabend hatte er seine Großmutter im Seniorenheim St. Ida in Hovestadt besuchen wollen und vor Ort einen Test machen müssen.

Für einen kurzen Moment war es still in unserer Küche. Ungläubig, verwirrt und auch von Angst erfüllt schauten meine Frau Antje und ich uns an. Beide gehören wir zur Kategorie „Risiko“, meine Frau besonders. Sie hat gerade erst eine lange Krebstherapie abgeschlossen; ihr Immunsystem ist nicht gewappnet für einen Kampf gegen eine so heimtückische Krankheit wie Corona.

Die Stille hielt nur einen kurzen Moment, da hatte die „Drei-Sterne-Generälin“ in unserer Familie die Uniformjacke angezogen und die Kontrolle der Lage übernommen: „Du ziehst dich jetzt sofort in den Anbau zurück und verlässt ihn die nächsten vierzehn Tage nicht. Deine Schwester Linn wechselt in das Gästezimmer und benutzt nur noch unser Bad, so dass Ihr euch nicht mehr begegnet müsst. Wenn du etwas brauchst, schreib über Whatsapp oder ruf an.“ Da inzwischen zwei unserer vier Kinder ausgezogen sind, verfügen wir über genügend Platz, für solche spontanen Isolierungsmaßnahmen.

Unser Sohn war kaum in seinem Zimmer verschwunden, da lief die Organisation für die kommenden Feiertage bereits an: Die in Köln und Dortmund lebenden Schwestern wurden informiert, der 91-jährigen Großmutter schonend und tränenreich beigebracht, dass sie zu Weihnachten keinen Besuch bekommen kann: „Dein Enkel hat Corona. Wir sind bisher gesund, aber ab sofort in Quarantäne.“

„Und trotzdem“, beschied meine Frau, „wir lassen uns Weihnachten nicht vermiesen. Wir müssen jetzt zusammenhalten, gut auf einander aufpassen und zuversichtlich bleiben. Wir kommen da durch.“

Und dann kam Heiligabend. Es gibt feste Rituale bei uns. Normalerweise schmückt unsere älteste Tochter Kira mit Unterstützung ihrer Schwestern den Baum. Ein paar Freunde kommen noch auf ein „Weihnachtsbier“ vorbei. Nachmittags dann Kirche, danach Bescherung (mindestens drei Stunden), dann Raclette (mindestens drei Stunden). Viele Gespräche. Viele Gemeinsamkeiten. Ganz viel Familie.

Und dieses Jahr? Linn und ich mühen uns mit dem Schmücken des Baumes. Das Weihnachtsbier schmeckt alleine nicht. Kirche fällt aus. Raclette – eine halbe Stunde, Bescherung – eine halbe Stunde. Immerhin: Um 21 Uhr haben wir uns alle zu einer Videokonferenz verabredet. Skurril: Unser Sohn ist nur ein paar Zimmer entfernt und doch für uns genau so weit weg wie seine Schwestern in Köln und Dortmund.

Der nächste Morgen beginnt nicht gut: „Ich fühle mich irgendwie komisch“, eröffnet uns Linn (20 Jahre) beim Frühstück. Wir beginnen sofort zu telefonieren und stellen fest: Offenbar ist es nicht möglich, am 1. Weihnachtstag getestet zu werden. Unsere Tochter Andra in Dortmund weiß Rat. Sie kennt jemanden, der Schnelltests auf Corona hat. Zwei Stunden später fährt Schwiegersohn Christoph auf den Hof und legt die Tests in den Kofferraum unseres Autos. Wir winken ihm durchs Fenster zu.

Das Ergebnis überrascht uns nicht: Auch Linn ist positiv. Und wieder wird die familiäre Organisations-Maschinerie in Gang geworfen: Linn zieht zurück in den Anbau zu ihrem Bruder. Ab jetzt sind meine Frau und ich allein im großen Haus. Das einsamste Weihnachtsfest unseres Lebens.

Die nächsten Tage sind von einer grauen Eintönigkeit geprägt: Aufstehen, frühstücken, ein bisschen Hausarbeit (wir streiten uns darum, wer staubsagen darf), Mittagessen, Lesen, Fernsehen, Abendbrot, Lesen, Fernsehen (mit viel Rotwein), Licht aus. Einzige wirkliche Abwechslung sind die Spaziergänge mit den Hunden Anuk und Kaya durch die Wiesen hinter dem Haus. Das ist Luxus pur.

Die beiden Coronis werden liebevoll betreut. Die Mahlzeiten stellen wir ihnen auf die Treppe und wenn sie oder wir irgendwelche Wünsche haben, werden die von treuen Geistern aus dem Verwandten- und Freundeskreis erfüllt.

Beiden Patienten geht es erfreulich gut; nur geringe Symptome. Nach ein paar Tagen sind Geruchs- und Geschmackssinn weg; da muss ich mir wenigstens nicht so viel Mühe beim Kochen geben.

Bei all dem begleitet uns Eltern eine unterschwellige Angst: Haben wir uns bereits angesteckt? Können wir uns über das Geschirr der Kinder infizieren, wenn wir es in die Spülmaschine packen? Linn möchte mit Familienhund Kaya kuscheln. Geht das oder dürfen wir Kaya danach nicht mehr streicheln? Nachts hören wir mitunter Schritte auf der Treppe. Jari und Linn entfliehen für einen kurzen Moment ihrer Isolation, vermutlich lockt auch der Kühlschrank. Dürfen wir morgens das Treppengeländer anfassen? Wir sind vorsichtig, tragen Handschuhe und nutzen verschwenderisch Desinfektionsmittel.

Fragen, die zwischendurch auftauchen, beantwortet Dr. Heinz Ebbinghaus, der zum Team des Impfzentrums in Soest gehört, per Messenger. Wir kennen uns seit Jahren: „Wir Lippetaler müssen zusammenhalten“, sagt der Doc aus Soest.

Den Kindern geht es weiterhin vergleichsweise gut. Wir sind zum Glück medial recht gut ausgestattet. Sky, Netflix, Amazon, Playstation – damit kann man die Quarantäne irgendwie überbrücken. Lange schlafen hilft auch. Mir bleiben die neuen Bücher, die ich zu Weihnachten bekommen habe, meine Frau verschanzt sich rund um die Uhr hinter der Nähmaschine.

Zwischendurch schaut jemand von der Gemeinde vorbei, ob wir auch alle brav zuhause sind. Auch das Gesundheitsamt des Kreises meldet sich mehrfach telefonisch.

Zu Silvester können sich Eltern und Corona-kranke Kinder nur durchs Fenster zuprosten.

Die Tage kriechen dahin. Silvester reiht sich ein in diese Eintönigkeit. Um Mitternacht prosten wir einander zu: Die Kinder im ersten Stock aus den geöffneten Fenstern, und meine Frau und ich stehen auf der Terrasse. Gemeinsam wundern wir uns, dass das Feuerwerk im Dorf nur wenig intensiver als in normalen Zeiten ist und freuen uns über den funkensprühenden Farbenzauber am nächtlichen Himmel: „2021 wird unser Jahr“, versprechen wir uns.

Nach zehn Tage ist unser Sohn nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt wieder frei; er ist seit Tagen ohne Symptome: „Meine größte Angst und Sorge war, dass ich euch auch angesteckt habe“, sagt er, bevor er zu seiner Freundin fährt.

Das Spielen mit den Hunden Anuk und Kaya brachte für Hans-Albert Limbrock tägliche Abwechslung in die routinemäßige Quarantäne. Sonst die Tage oft von grauen Eintönigkeit geprägt.

Unsere Rückkehr in die „Freiheit“ endet nach vierzehn Tagen damit, womit alles begann – mit einem Corona-Test. „Sie sind beide negativ“, sagt die freundliche Dame mit Blick auf das Testergebnis. Das sind dann ja mal endlich wieder positive Nachrichten.

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