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Badegäste stören Brutvögel empfindlich

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Von: Jürgen Vogt

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Betreten verboten: Landwirt Markus Stauvermann (v. l.), Thorsten Lichte vom Ordnungsamt der Gemeinde Lippetal, Jutta Münstermann von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Soest sowie Birgit Beckers von der Biostation Soest machen auf die Vorschriften im Naturschutzgebietes Anepoth an der Lippe bei Lippborg aufmerksam.
Betreten verboten: Landwirt Markus Stauvermann (v. l.), Thorsten Lichte vom Ordnungsamt der Gemeinde Lippetal, Jutta Münstermann von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Soest sowie Birgit Beckers von der Biostation Soest machen auf die Vorschriften im Naturschutzgebietes Anepoth an der Lippe bei Lippborg aufmerksam. © Weinstock

Sommer, Sonne, Badewetter: Immer wieder zieht es die Menschen in diesen Tagen an die Lippe. Dort wird gespielt, getobt, geschwommen. Doch obwohl die Wasserqualität gut ist, rät Dr. Margret Bunzel-Drüke dringend ab von einem Bad im kühlen Fluss. Denn sie macht sich Sorgen um die Sicherheit der Schwimmer – und noch mehr um das Überleben der brütenden Vögel.

Lippetal – „Die Lippe ist in großen Teilen Naturschutzgebiet. Deshalb ist sie nicht bewacht und wer ein Bad nimmt, muss sich der Gefahr bewusst sein, die von Wasserpflanzen, Holz und der Strömung ausgeht“, so die Expertin der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU) in Lohne.

Weniger gefährlich und gut erreichbar seien die Baggerseen und auch der Möhnesee, wo ein Bad ganz ohne schlechtes Gewissen möglich sei. „Zudem ist die Temperatur in der Lippe im Gegensatz zum Möhnesee deutlich geringer.“ Die Wasserqualität der Lippe sei aber gut - abgesehen von Mikroschadstoffen in geringer Menge.

„Wer hier badet, schadet den brütenden Vögeln“

Die Botschaft von Bunzel-Drüke ist eindeutig: „Die Lippe ist ein Naturschutzgebiet und kein Badestrand. Wer hier badet, schadet den brütenden Vögeln.“ Trotz des Appells zeigt sich an warmen Sommertagen ein anderes Bild: Neben „Stand-Up-Paddling“ in einem östlich gelegenen Teilbereich der Lippe etabliert sich im Bereich „Goldsteins Mersch und Anepoth“ ein regelrechter Badebetrieb mit Spielfläche und Grillplatz. Auf den offenen Sandbereichen wird gelagert, Hunde werden ausgeführt oder laufen frei im Gelände, dies trotz Naturschutzbeschilderung, Einzäunung und Beweidung der Flächen mit Rindern.

Die Folge: Die Uferschwalben verlassen ihre Nester, weil sie durch die Menschen gestört werden. „Dann trauen sich die Uferschwalben nicht, ihre Nester anzufliegen. Das hat zur Folge, dass es kein Futter und keine Wärme für den Nachwuchs gibt“, sagt Margret Bunzel-Drüke. Das Ergebnis sei schließlich der Tod der kleinen Vögel.

Kreis schlägt Alarm: Renaturierung ist gefährdet

Auch der Kreis Soest schlägt Alarm. „Der Renaturierungserfolg an der Lippe bei Lippborg ist akut gefährdet. Uferschwalben brüten in diesem Jahr nicht mehr am Ufersteilhang im Kernbereich Goldsteins Mersch/Anepoth“, heißt es in einer Erklärung. Den sehr sensiblen Bereich der Uferschwalbenbrutkolonie hätten Jugendliche sogar zu einer Kletterwand umgebaut. Die Bruthöhlen seien zudem im Vorjahr mit Stöcken und Flaschen verstopft worden.

Das Ordnungsamt der Gemeinde Lippetal, die Biostation Kreis Soest, die Untere Naturschutzbehörde des Kreises und die örtlichen Landwirte appellieren daher an die jungen Menschen und alle Freizeitaktivisten die geschützten Bereiche zu achten und zu meiden, damit viele Menschen diese naturnahen Entwicklungen mit Abstand genießen können, ohne sie zu zerstören.

„Für die Naturschutzgebiete gibt es bestimmte Verhaltensregeln, unter anderem keine Störung der wild lebenden Tiere, Betretungsverbot für Flächen außerhalb der befestigten Wege, keine freilaufenden Hunde im Gebiet, die es einzuhalten gilt“, sagt Jutta Münstermann von der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises. „Die Zusammenarbeit mit der örtlichen Landwirtschaft, die die Flächen in vielen Teilen extensiv bewirtschaftet, trägt zur naturschutzgerechten Entwicklung und durch die Weidewirtschaft bislang auch zur Beruhigung des Gebietes bei.“

Ordnungsamt kündigt Kontrollen an

Landwirt Markus Stauvermann, dessen Angus-Rinder im Naturschutzgebiet weiden, weist auf einen weiteren Aspekt hin. Wer das Gebiet verbotenerweise betritt, hat keinen Versicherungsschutz. Seine Tierhalterhaftpflicht kommt für Schäden an Personen durch gereizte Bullen oder Muttertiere nicht auf. Auch die vielen hinterlassenen Abfälle, insbesondere Glasscherben und Plastikteile sind dem Landwirt ein Dorn im Auge, könnten sie doch zu erheblichen Verletzungen seiner Tiere führen. Das Ordnungsamt der Gemeinde Lippetal wird in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder spontan vor Ort Kontrollen durchführen.

Auch um andere Bereiche der Lippe macht sich Margret Bunzel-Drüke sorgen. Weil es schwimmende Nester ebenso gebe wie Brutstätten auf trocken gefallenen Sandbänken, sei der Bruterfolg praktisch überall in Gefahr. So habe es beispielsweise der seltenen Flußregenpfeifer schwer, wenn Schwimmer oder Bootfahrer störten. „Die Vögel sind ein bisschen scheu und gehen aus dem Nest, wenn Menschen in der Nähe sind. Und irgendwann verkraftet das Nest das dann nicht mehr.“

„Lasst der Natur bitte ihren Raum“, bittet Margret Bunzel-Drüke. „Nur so können Arten erhalten werden, die es ansonsten womöglich bald hier nicht mehr gibt.“

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