Baureste taugen nicht zum Denkmal

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Anfang 2017 waren die Brückenköpfe bei Heintrop zerbröselt. Weitere Standorte liegen bei Schmehausen auf Hammer Gebiet und in Lippetal bei Hultrop an der Lippe, bei Oesterheide am Sandweg und in Niederbauer neben dem Garten Rockmann.

Lippetal – „Zweifellos kommt den Brückenwiderlagern in Lippetal ein gewisser Dokumentationswert als Zeugnis der technischen und industriellen Entwicklung von Verkehrswegen und Kanalbau im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu.

Allerdings reichen die überlieferten Baureste nach unserer Meinung nicht aus, um einen Denkmalwert zu begründen.“

So heißt es in der Stellungnahme des Landesdenkmalamtes zu der Frage, ob die Klötze in Lippetal, Welver-Vellinghausen und Hamm Schmehausen unter Denkmalschutz gestellt werden sollten. 

Unvollständige Substanz

Und weiter: Eine wissenschaftliche Bedeutung für die Entwicklungsgeschichte des Brückenbau halten wir für die Widerlager aufgrund der unvollständig überlieferten Substanz ebenfalls nicht für begründbar. Zur Geschichte: Der Ausbau der Lippe in Verbindung mit der Schaffung eines Lippe-Seitenkanals wurde 1870 beschlossen. Der geplante Verlauf sollte von Wesel nach Datteln in den Dortmund-Ems-Kanal führen und weiter von Datteln über Hamm nach Lippstadt.

Kanal bis Schmehausen gebaut

Mit Unterbrechungen, auch durch den Ersten Weltkrieg, ist das Projekt bis Hamm-Schmehausen realisiert worden, bevor es 1926 zum Erliegen kam. 1933 sollte der Kanalausbau als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Rahmen der nationalsozialistischen Vierjahrespläne wiederaufgenommen werden. Bereits fertiggestellte Brücken entsprachen nun aber nicht mehr dem Ausbaukonzept der neuen Planungen sowie den neuen Industrienormen hinsichtlich der Abmessungen. Daher wurden die Stahlkonstruktionen auf den Brückenlagern abgebaut, und die Sprengung der mit Grünsandstein verblendeten Brückenlager aus Beton war vorgesehen. Diese Vorhaben wie auch die Fortführung der Baumaßnahmen wurden mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges eingestellt.

Kanalbau nach dem II. Weltkrieg aufgegeben

Nach 1945 gab es keine weiteren Bestrebungen, den Kanalausbau fortzuführen. Der Kanalabschnitt Datteln-Hamm mit den Brücken zeugt von der technischen und industriellen Entwicklung des Kanalbaus als Verkehrsweg im späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts und besitzt in seiner Vollständigkeit sicherlich Dokumentationswert. Ein Denkmalwert im Sinne des Denkmalschutzgesetzes konnte aber auch hier nicht ermittelt werden. 

Strecke 77 völlig anders gelagert

Völlig anders gelagert ist der Sachverhalt laut Denkmalamt bei den 1939 in der Gemeinde Welver errichteten Brückenelementen der geplanten Reichsautobahn „Strecke 77“ im Streckenabschnitt Hamm-Soest. Diese dokumentieren eine damals neue Bauaufgabe, hier die Entwicklung von Autostraßen. Mit neuen Anforderungsprofilen wie kreuzungsfreier Gradientenführung, getrennten Richtungsfahrbahnen und Linienführung ohne Rücksichtnahme auf historische Vorgaben, konnte der Zunahme und Entwicklung des Motorverkehrs seit Anfang der 1920er-Jahre Rechnung getragen werden. Neben dem in den 1930er-Jahren durchgeführten Ausbau der heutigen A 2 ist der Teilbereich der Autobahn Hamm-Rhynern-Fulda der einzige weitere, vor 1950 begonnene Ausbau der Autobahn in Westfalen. Die Teilstrecke der Autobahn von Hamm-Rhynern bis Welver ist mit den Bauteilen als geplanter Bestandteil eines großräumigen Straßennetzes ein wichtiges, verkehrsgeschichtliches Denkmal für Westfalen-Lippe. 

Brückenelemente der Autobahn dokumentieren Standard

Die erhaltenen Brückenelemente dokumentieren laut Denkmalamt den technischen Standard der 30er-Jahre und den damaligen Gestaltungsanspruch an derartige Bauwerke. Der Rat der Gemeinde Lippetal hat inzwischen beschlossen, die beiden Kanal-Brückenköpfe am Sandweg bei Oesterheide als erhaltenswerte Bausubstanz einzustufen, zu erhalten und zu pflegen. Einer davon steht direkt am Sandweg und somit auf dem Grund und Boden der Gemeinde. Bauamts-Leiterin Elisabeth Goldstein erklärte überdies, dass keiner der Grundbesitzer, auf deren Grundstücken Kanal-Brückenköpfe stehen, in absehbarer Zeit beabsichtigt, die Klötze zu entfernen.

„Erhaltenswerte Bausubstanz"

Die Widerlager können nach Ansicht der Denkmalbehörde beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe als erhaltenswerte Bausubstanz eingestuft werden. Die Expertin des Landesdenkmalamtes, Judith-Elisa Nahlen: „Wir empfehlen daher, ein gut erhaltenes Brückenwiderlager-Paar zum Beispiel das am Sandweg in Oesterheide exemplarisch zu erhalten und möglichst in einen Denkmalpflegeplan mit aufzunehmen.“ Zitat aus der Stellungnahme der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen.

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