Eine Kultur des Vertrauens macht sich breit

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Die Aktion "Suspended Coffee" ist auch in der Eismanufaktur von Torsten Ritzki nur kalter Kaffee.

Soest - Vertrauen ist gut, Kontrolle war gestern. Dieses vom Original leicht abgewandelte Zitat kehrt um, was dessen Schöpfer Lenin meinte: Anstatt alles kontrollieren zu müssen, gilt ein Vertrauens-Vorschuss. Auch in und um Soest gibt es zahlreiche Angebote und Initiativen, die sich dem Loslassen verschrieben haben.

Da werden Blumen gepflanzt, und die pflückenden Menschen sollen freiwillig den fälligen Betrag in eine Kasse werfen. Da werden Konzerte veranstaltet, und die Besucher dürfen bei freiem Eintritt am Ende etwas spenden. Da werden Aufführungen mit großem Aufwand gewag, und die Besucher sind eingeladen dabei zu sein, ohne etwas bezahlen zu müssen. Und da gibt es die Initiative, in Cafés etwas für jemanden zu spendieren, der es sich nicht leisten kann. 

Funktioniert die Sache mit dem Vertrauens-Vorschuss? Wieso gibt es Umsonst-Angebote überhaupt? Das Ergebnis ist durchwachsen. „Suspended Coffee“ nennt sich ein Projekt, das vor gut drei Jahren in Soest mit viel Elan an den Start ging.

Die Idee: Wer in einem Café einen Kaffee trinkt, darf zwei bezahlen und damit einen für jemanden spendieren, der es sich nicht leisten kann. Das Ganze geht auch mit anderen Getränken, Speisen oder Angeboten. Es gilt: Spendiert wird, was zuvor jemand bezahlt hat. Karina Schöpe-Schroer erinnert sich an die Anfänge. 

Die Soester Initiatorin der Spendier-Idee sagt: „Ich habe damals viele Flyer machen lassen und wir haben die überall verteilt“. Das Ergebnis: Mit dem Kulturhaus „Alter Schlachthof“, dem „Café zum kleinen Häuschen“ am Vreithhof und der Eismanufaktur am Bahnhof fanden sich gerade einmal drei Gastronomen, die sich auf die Idee einließen. Karina Schöpe-Schroer sagt: „Bei manchen Restaurants habe ich nachher weinend vor der Tür gestanden, weil ich da furchtbare Sprüche bekommen habe.“ 

Konkret hätten die Gastronomen Sorgen geäußert, dass das Angebot ausgenutzt werden könnte und man sich zudem mit einem „schwierigen Publikum“ beschäftigen müsste. Tatsächlich ist das nicht passiert. „Anfangs sehr gut“ lief die Sache mit dem Fremd-Spendieren im „Kleinen Häuschen“. Inhaberin Natalie Peters mag die Idee. „Sehr initiativ“ sei sie anfangs gewesen, habe immer wieder Gäste animiert, etwas zu spendieren; oder auch, sich etwas ausgeben zu lassen. „Bei einigen älteren Stammgästen hatte ich den Eindruck, dass sie sich schämen, so etwas anzunehmen. Eine Seniorin, die nur eine ganz kleine Rente hat, kommt inzwischen gar nicht mehr.“ 

Inzwischen sind Peters Lust und Elan ausgegangen – und die Flyer. Die Glasbox, in der sonst die Belege fürs Spendieren lagen, ist leer. Einen einzigen Fall eines ausgegebenen Kaffees für einen Fremden hat es im Kulturhaus „Alter Schlachthof“ gegeben. Geschäftsführer Thomas Wachtendorf sieht für das Projekt auch künftig schwarz: „Das funktioniert hier nicht. Die Menschen wissen nicht, was das ist und es wird auch nicht danach gefragt. Ich selbst habe das Gefühl, dass Helfen eine persönliche Geschichte sein sollte.“ 

Er selbst, so Wachtendorf, würde das Angebot auch nicht nutzen. Weder so noch so. Für eine tolle Idee hält dagegen Torsten Ritzki von der Soester Eismanufaktur die Initiative. Eigentlich. Bei ihm allerdings hat es bisher noch niemanden gegeben, der etwas spendieren oder haben wollte. Und weil einzig ein kleiner, runder Aufkleber an der Eingangstür auf „Suspended Coffee“ hinweist, wisse auch niemand, was es damit auf sich hat. „Allerdings sehe ich auch die Gefahr, dass Leute so etwas ausnutzen und immer wieder umsonst etwas haben wollen. 

Das würde ich als Gastronom nicht mitmachen.“ Karina Schöpe-Schroer will trotz der mageren Resonanz nicht aufgeben. „Nächste Woche gehe ich wieder mit Flyern los und gucke, ob ich da nicht mal wieder etwas Leben reinbringen kann“, sagt sie. Und: „Wer bei so etwas mitmacht, der macht das mit viel Vertrauen. Da geht es um eine Herzenssache.“ 

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