Gedankenzirkel der Ungewissheit

Lebensberaterin im Interview: Was sagen Sie Menschen, die mit Corona-Sorgen zu Ihnen kommen?

Silke Klute ist Leiterin bei der katholischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien-, und Lebensfragen in Soest.
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Silke Klute ist Leiterin bei der katholischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien-, und Lebensfragen in Soest.

Die zweite Corona-Welle schlägt auch den Menschen im Kreis Soest auf das Gemüt. Wir haben mit einer Lebensberaterin über die Sorgen der Menschen gesprochen.

Kreis Soest – Silke Klute ist Ehe-, Familien-, und Lebensberaterin. Eigentlich ist die Dortmunderin Diplom-Religions-Pädagogin, macht derzeit ihren „Master of Counseling“ an der katholischen Fachhochschule in Paderborn. Am 2. November trat sie ihre Stelle als Leiterin bei der katholischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien-, und Lebensfragen des Erzbistums Paderborn in Soest an und übernahm damit den Posten von Paul Piepenbreier, der im Sommer in den Ruhestand verabschiedet worden war. 

Zuvor war sie in einer Ehe-Beratungsstelle und als Gemeindereferentin in Dortmund tätig. Im Interview sprach sie mit Anzeiger-Redakteur Daniel Schröder darüber, welche Auswirkungen die zweite Corona-Welle auf den Gemütszustand der Menschen hat.

Frau Klute, sind mit dem erneuten Anstieg der Corona-Zahlen auch die Anfragen in Ihrer Beratungsstelle gestiegen?

Das kann ich – auch nach Rücksprache mit meinen Kollegen – mit einem deutlichen Ja beantworten. Die Anfragen sind tatsächlich noch einmal mehr geworden.

Was unterscheidet in Ihren Augen die zweite von der ersten Welle in der Wahrnehmung der Menschen?

Für viele Menschen ist es jetzt nicht mehr so ungewiss und unsicher, wie es noch zu Zeiten der ersten Welle war. Im März wussten wir viel zu wenig über das Virus. Bei aller Genervtheit ist jetzt zum Teil auch ein gelassenerer Umgang mit Corona möglich. Vielen ist mittlerweile einfach klar, dass wir uns mit den Einschränkungen arrangieren müssen, um die Zahlen in den Griff zu bekommen. 

Es gibt tatsächlich kein Beratungsgespräch, in dem Corona nicht auch Thema ist. Das Virus wirkt sich beispielsweise positiv und negativ auf Beziehungen und das familiäre Leben aus. Ich habe beide Wahrnehmungen in der Beratungsarbeit festgestellt.

Wie wirkt sich Corona denn positiv auf Beziehungen aus?

Es gab beispielsweise Rückmeldungen, dass Familien, die beispielsweise ewig nicht mehr gemeinsam am Mittagstisch gesessen haben, durch Home-Office und Home-Schooling viel mehr Zeit miteinander verbringen können. Gleichzeitig gibt es allerdings auch Fälle, in denen Corona zu einem Brennglas geworden ist und Beziehungen dadurch auseinander gegangen sind.

Im Alltag ist derzeit bei vielen Menschen eine grundsätzliche Negativität zu spüren – woran liegt das?

Viele Menschen sehen sich einer großen Anstrengung gegenüber, weil wir nicht wissen, wie lange diese Situation noch so bleibt und immer wieder mit Einschränkungen zu rechnen ist. Es herrscht einfach eine große Ungewissheit. Hinzu kommt jetzt, dass wir die neuen Einschränkungen jetzt auch über den Winter hinnehmen müssen. 

Ich glaube, dass gerade für den Soester Bereich die Absage der Allerheiligenkirmes auch ein großes Drama darstellt und etwas mit den Menschen macht. Außerdem rücken die persönlichen Einschläge immer näher: Das Coronavirus war eine ganze Weile für ganz viele ganz weit weg. Doch gibt es mittlerweile immer mehr Menschen im Bekannten- oder Freundeskreis, die sich selber infiziert haben oder zumindest jemanden kennen. Dadurch entsteht eine weitere Belastung – viele fragen sich: „Erwischt es mich?“, „Wann erwischt es mich?“, „Wie gehen wir mit unseren Großeltern um?“ – all diese Fragen werden für Familien zur Belastungsprobe.

Mit welchen konkreten Corona-Sorgen kommen die Menschen zu Ihnen?

Im Bereich der Familienberatung geht es oft darum, wie lange die Schulen und Kitas noch geöffnet sind, wann Kinder wieder zuhause betreut werden müssen. Andere Fragen sind, wie viel Nähe möglich und wie viel Distanz nötig ist, damit man seine Liebsten nicht gefährdet. 

Außerdem ist es für viele sehr belastend, wenn ältere Angehörige in Heimen oder Krankenhäusern sind und nur sehr eingeschränkt besucht werden können.

Was sagen Sie den Menschen, die mit derartigen Sorgen zu Ihnen kommen?

Viele schaffen es alleine aus diesem Gedankenzirkel der Ungewissheit nicht heraus, haben Probleme mit Schlaflosigkeit oder ähnlichen Dingen. Wir versuchen, mit den Menschen Ressourcen zu entdecken. Was sind Ankerpunkte, persönliche Tankstellen? Bei welchen Tätigkeiten geht es mir gut, wo sind Orte, an denen ich zur Ruhe kommen kann? Hilft ein Spaziergang durch die Natur? Wir entdecken gemeinsam, welche Ressourcen da sind, die jeder nutzen kann, um den Kopf ein bisschen zum Stillstand zu bringen. Zudem schauen wir gemeinsam, wie wir es schaffen, dass alte Familienangehörige mit Tablets oder Smartphones umgehen können, damit man sich wenigstens sehen kann. Unterm Strich ist es bei jedem Menschen anders. Das ist die große Herausforderung: Es gibt kein Grundrezept.

Gibt es etwas, was Sie den Menschen als Handlungsanweisung mit auf den Weg geben möchten?

Ich würde grundsätzlich dazu plädieren, bewusst Momente von Ruhe zum Wohlfühlen zu suchen. Sei es in der Wohnung mit einem heißen Tee oder gemütlicher Kerzenschein. Wichtig ist, dass soziale Kontakte gehalten werden – egal wie, ob per Telefon, Videoanruf oder ganz klassisch durch Briefe-Schreiben.

Wir müssen miteinander in Kontakt bleiben, auch wenn wir uns nicht sehen, uns nicht umarmen können. Das ist das A und O.

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