Schlaganfall: „Zeit ist Hirn“

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Bei einem Schlaganfall ist schnelles Handeln erforderlich: Die beiden Soester Krankenhäuser bieten eine medizinische Versorgung, die der in einer „Stroke Unit“ in fast nichts nachsteht.

Kreis Soest - Optimale medizinische Versorgung in einer zertifizierten „Stroke Unit“ oder möglichst schnell in die nächstgelegene Klinik? Beim Thema „Schlaganfall“ gibt es gute Gründe für beide Möglichkeiten: In der einzigen zertifizierten Einrichtung für Schlaganfall-Patienten kreisweit im Evangelischen Krankenhaus in Lippstadt stehen die Experten für eine optimale Versorgung mit sämtlichen medizinischen Möglichkeiten; die beiden Soester Kliniken bieten beinahe die gleiche Versorgung, punkten zusätzlich mit kürzeren Wegen.

„Zeit ist Hirn“, macht Chefarzt Markus Flesch vom Soester Marienkrankenhaus auf die möglichst kurze Zeitspanne aufmerksam, die es vom auftretenden Schlaganfall bis zur Erstbehandlung bedürfe. „Die Menschen sollten bei den kleinsten Anzeichen wie Taubheit am Mund, Doppelblick, Sprachstörungen oder einem plötzlich auftretenden Hinken sofort den Rettungswagen rufen. Die oftmals im Marienkrankenhaus genutzte „Lyse-Therapie“ zur schnellen Auflösung eines Blutgerinsels könne in der Regel nur während der ersten vier Stunden angewendet werden. Markus Flesch: „Danach geht das nicht mehr“. 

Und weil vor dem Eingriff der Transport ins Krankenhaus und die Untersuchungen etwa mit einer Computer-Tomographie oder einem MRT stehen, sei das Zeitfenster knapp, „weil wir mit jeder Minute Hirnmasse unwiederbringlich verlieren“. Dass sich unter diesen Umständen im akuten Fall so etwas wie Panik bei Schlaganfall-Patienten breit macht, ist verständlich. Insbesondere dann, wenn der herbeigerufene Rettungswagen nicht gleich startet, sondern erst umständlich Informationen abrufen muss, welche Klinik überhaupt Bereitschaft signalisiert, den Patienten aufzunehmen. 

„Das war eine ganz schlimme Situation“

So wie bei Herbert Müller (Name geändert). „Das war eine ganz schlimme Situation“, sagt Ehefrau Helga Müller (Name geändert). „Als wir am Krankenwagen standen und es keinen Platz für meinen Mann gab, da wäre ich fast durchgedreht.“ Ihr Mann Herbert hatte kurz zuvor das Gleichgewicht verloren, war gestürzt, konnte sich kaum noch artikulieren. „Ich habe sofort den Krankenwagen gerufen“, erinnert sich Helga Müller, „weil alles nach einem Schlaganfall aussah und es dann ja um möglichst schnelles Handeln und gute Versorgung geht.“ 

Herbert Müller wohnt in einem Soester Ortsteil, wollte sofort in die „Stroke Unit“ nach Lippstadt. Doch er hatte Pech: Der Krankenwagen durfte nicht in die kreisweit einzige speziell ausgerichtete Schlaganfall-Station ins Evangelische Krankenhaus nach Lippstadt fahren. Der Grund: Alle Betten waren belegt, das Haus hatte sich beim Rettungsdienst abgemeldet. „So etwas kommt immer wieder vor“, sagt Hans-Peter Trilling. Der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes beim Kreis Soest macht aber sofort darauf aufmerksam, „dass es gerade beim Schlaganfall nicht Schwarz und Weiß, sondern ganz viele Grautöne gibt“. Deshalb seien die Patienten in den meisten Fällen in den beiden Soester Krankenhäusern ebenso gut aufgehoben. Und falls es sich doch um einen besonders schweren Fall handelt, könne man zudem auf die „Stroke Units“ etwa in Paderborn oder Arnsberg ausweichen. 

Auch die Sache mit dem „möglichst schnellen Handeln“ relativiert Hans-Peter Trilling: „Beim Schlaganfall haben wir mit drei Stunden etwa im Vergleich zum Herzinfarkt einen relativ langen Zeitraum zum Eingreifen. Weil wir es in der Regel schaffen, im Kreisgebiet in 20 Minuten ein geeignetes Krankenhaus anzufahren, liegen wir auch bei weiteren Fahrten noch gut im Zeitplan.“ Problematischer sei da oftmals die Zeit, die ein Mensch zu Hause verbringe, ehe der Rettungsdienst gerufen werde. Entscheidend sei, so Trilling weiter, dass der Rettungsdienst vor Ort eine sichere Einschätzung geben könne. So könnten die Patienten schnell in ein geeignetes Krankenhaus gebracht werden. 

Herbert Müller wurde ins Marienkrankenhaus nach Soest gebracht. Was dort mit ihm geschah, schildert seine Frau Helga rückblickend so: „Mein Mann kam sofort auf die Intensivstation und ganz schnell wurden auch die wichtigen Untersuchungen gemacht.“ Helga Müller zeigt sich rückblickend sehr zufrieden mit der Versorgung ihres Mannes. Auch, weil nach dem ersten Schreck schon am folgenden Tag die Sprache ihres Mannes teilweise zurückkehrte. „Und weil die in Soest bei einer späteren Untersuchung eine mögliche Ursache für den Schlaganfall gefunden haben“, so Helga Müller.

 Sämtliche Patienten müssen versorgt werden

Dürfen sich Kliniken einfach beim Rettungsdienst abmelden, wenn sie gerade keine Betten haben? „Das dürfen wir nicht“, sagt Ingo Fölsing. Der Kaufmännische Direktor im Marienkrankenhaus betont, dass sämtliche Patienten versorgt würden, „selbst wenn wir sie nur stabilisieren und dann weiter verlegen“. Hinweise an die Leiststelle seien aber gleichwohl üblich, wenn etwa die Intensivstation komplett belegt sei. „Das kommt bei uns regelmäßig vor“, so Völsing. Worin unterscheidet sich die medizinische Versorgung in Soest von einer „Stroke Unit“? 

„Im Grunde bieten wir die gleiche Versorgung wie die Stroke Units“, sagt Frank Beilenhoff. Der Pressesprecher des Klinikums Stadt Soest weist auf die umfassenden Leistungen des Hauses mit 24-Stunden-Bereitschaft, Hintergrunddienst und Intensivstation hin. „Nur bei ganz speziellen Verfahren wie etwa der ,mechanischen Thrombektonie‘, bei der Gerinsel aus der Arterie entfernt werden, arbeiten wir mit festen Kooperationspartnern zusammen.“ Dass es im Klinikum keine zertifizierte „Stroke Unit“ gibt, hat noch einen weiteren Grund: Ein Hauptmerkmal für die Namens-Vergabe ist eine „Hauptabteilung Neurologie“. Die gibt es noch nicht, derzeit ist Neurologisches im Bereich der „Inneren Medizin“ angesiedelt. „Diese Hauptabteilung streben wir aber gerade an“, so Beilenhoff. Die vorgeschriebenen Abläufe, die bei der Zertifizierung relevant seien, würden schon jetzt angewendet. So lange jedenfalls, wie es ausreichend Platz auf der Intensivstation gibt. Frank Beilenhoff: „Unsere Kapazitätsgrenze für Schlaganfall-Patienten ist die Größe der Intensivstation. Ist die voll, dann melden wir uns beim Rettungsdienst ab.“ 

Auch im Marienkrankenhaus gibt es fast identische Abläufe und Einrichtungen. Der Unterschied zu Lippstadt liegt in speziellen Angeboten wie etwa einer „interventionellen Neuroradiologie“, bei der ein Katheder durch die Blutbahn zum Gerinsel geführt wird. „Wir haben für solche Fälle eine Kooperation mit Lippstadt“, so Markus Flesch. In der Praxis kämen solche Fälle allerdings sehr selten vor. Ein Unterschied zum Klinikum liegt darin, dass das katholische Haus keine Zertifizierung anstrebt, weil man sich auch ohne Zertifikat gut aufgestellt fühlt. Herbert Müller befindet sich derzeit in der Reha – und auf dem Wege der Besserung. „Eigentlich hatten wir doch kein Pech, als wir damals nicht nach Lippstadt konnten“, sagt Helga Müller. „Aber hinterher weiß man das immer besser.“


Schlaganfall

In dieser Woche fand wie in jedem Jahr der Weltschlaganfalltag statt. Für die jährlich rund 270 000 betroffenen Patienten in Deutschland ist schnelles Handelns (über-)lebenswichtig: Die Regeneration hängt von der kurzfristigen medizinischen Intervention sowie von den sich anschließenden therapeutischen Maßnahmen ab.

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