Das letzte Stündlein hat geschlagen:

Restmüll von der Tonne bis zur Schlacke

+
Das letzte Stündlein hat geschlagen: Was passiert der Uhr auf dem Weg?

Kreis Soest - Was passiert mit unserem Restmüll, wenn sein letztes Stündlein geschlagen hat? Der Anzeiger ging dieser Frage am Beispiel einer Wanduhr nach – und wandelte auf einem Weg von der Tonne bis zur Schlacke.

Irreparabler Schaden, kein einziges Ticken mehr – und schließlich das Todesurteil: eine alte Wanduhr landet im Restmüll. Gemeinsam mit Plastik und Hunde-Knochen, einem Schuh und verknoteten Kunststoff-Taschen verbringt sie Stunden bangen Wartens in einer grauen Tonne in Welver. Es riecht unangenehm. 

Dann schwebt die Tonne nach oben, wird dreimal hoch- und runtergeschüttelt: die Uhr landet mit allen Begleitern im Müllwagen. Unterwegs gibt es ständig Zuwachs, es wird eng, stickig. Schließlich landet alles auf dem großen Gelände der „Entsorgungswirtschaft Soest“ (ESG) am Werler Stadtrand. In einer großen Halle, die nach vorne hin offen ist, liegen sauber sortiert Holzabfälle, Papiere, Verpackungen – und ein unübersehbarer Berg an Restmüll ganz rechts. Der wächst ständig, weil dauernd Wagen halten, um sich zu entleeren.

Dann wird es still. Von Weitem betrachtet sieht der gut fünf Meter hohe Hügel noch aus wie ein Kunstwerk, doch je näher der Betrachter kommt, umso mehr vertreiben die dreckigen Details in Verbindung mit dem Geruch jedes Kunstempfinden. Allenfalls die Krähen erinnern mit ihrem Flug an Ästhetisches. 

Damit ist Schluss, als Andreas Schilling mit einem Bagger heranfährt. Der Mann hebt Schaufel um Schaufel empor, verfüllt die Reste in einen großen Container. Ganz oben könnte unsere Uhr – quasi im Fallen – einen Blick erhaschen auf den großen Berg, der am Ende des Geländes emporragt. Hier wurde noch bis Anfang 2005 der Restmüll aufgeschichtet. Inzwischen erinnern nur Gasleitungen und eine große Wassergrube an das, was unter der Erde gärt und sickert. Die Zeiten haben sich geändert: Heute wird nicht mehr aufgehäuft, heute wird verbrannt.

Keine Zeit: Zwei Container mit jeweils knapp zehn Tonnen Müll machen sich auf den Weg nach Erwitte. Mittendrin: die Uhr. 

Müll spart Braunkohle: In Kooperation mit der Firma Wittekind wird in Erwitte Müll verbrannt, um Zement herzustellen.

Die Fahrt ist kurz, an der ESG-Anlage in Erwitte ist zunächst wieder Warten angesagt. Man könnte das Ticken der Uhr hören – wenn sie denn noch tickte. Dann erneutes Umladen, diesmal geht es in den Schredder: aus der Uhr werden tausend Kleinteile aus Holz und Metall. Anschließend geht es in ein riesiges Sieb. Leichte Teile fliegen nach oben, werden abgesaugt, viele Kunststoffe finden den Weg heraus aus dem ungetrennten Einerlei. Knapp die Hälfte des Mülls bleibt übrig. Der Rest wird zum allergrößten Teil vor Ort in der Firma Wittekind verbrannt. So muss für die aufwendige Produktion von Zement weniger Braunkohle eingesetzt werden.

Letzte Station: die Müllverbrennungsanlage in Hamm.

Das letzte Stündlein unserer Uhrenreste hat noch immer nicht geschlagen: Wieder Verladung, diesmal geht es nach Hamm in die Müllverbrennungsanlage. Dort dann tatsächlich die finale Station: Mit der Verbrennung verschwinden die letzten Konturen der Uhr, übrig bleiben vor allem Schlacke und Staub: Das eine geht zum großen Teil in den Straßenbau, das andere ist echter Unrat: Sondermüll.

Restmüll als Brennstoff für Zementindustrie

Gut 42 000 Tonnen Restmüll landen im Kreis Soest pro Jahr in der grauen Tonne. Die Abfälle aus dem Westkreis werden zunächst in Werl umgeladen, ehe sie gemeinsam mit den Resten aus dem Osten in der „Brennstoff aus Müll“-Anlage (BRAM) in Erwitte landen. Dort wird gut die Hälfte des Mülls als Brennstoff für die Zementindustrie verwendet. Der Rest landet – bis auf rund drei Prozent Metall – in den Müllverbrennungsanlagen in Hamm und Bielefeld. Die Anlage in Hamm produziert so viel Energie aus der Verbrennung, dass damit 50 Prozent der Haushalte in Hamm mit Strom versorgt werden könnten.


INTERVIEW mit Jürgen Schrewe

„Jeder Müll bereitet mir Freude“

Mit Jürgen Schrewe, dem Geschäftsführer der „Entsorgungswirtschaft Soest“, sprach Anzeiger Redakteur Jürgen Vogt über Abfall und Umwelt, regionales Engagement und weltweiten Klimaschutz – und über die Freude, ein Müll-Experte sein zu dürfen. 

Jürgen Schrewe

Abfall und Umweltschutz. Passt das zusammen? 

Das passt sehr gut zusammen, denn es geht um eine möglichst umweltschonende Abfallbehandlung. Da spielen unsere Abfallwirtschaftskonzepte eine wesentliche Rolle. 

Was hat es mit diesen Konzepten auf sich?

Die sind regional ausgerichtet, so dass wir kurze Entsorgungswege haben. Dazu kommt eine Entsorgung bzw. Verwertung nach dem Stand der Technik. Können Sie ein Beispiel nennen? Zum Beispiel die Restabfallbehandlung in der vorgeschalteten Sortieranlage des Zementwerkes Wittekind in Erwitte. Die nennt sich „BRAM“-Anlage, was als Abkürzung für „Brennstoff aus Müll“ steht. 

Was machen Sie da? 

Dort wird der Restabfall zerkleinert und abgesiebt. Die brennbaren Stoffe, die im Zementprozess eingesetzt werden können, werden aussortiert und als Ersatzbrennstoff für Kohle eingesetzt. 

Warum ist das sinnvoll? 

Weil damit wertvolle Primarenergie ersetzt wird. Und somit die Verbrennung von Braunkohle auf ein notwendiges Maß reduziert wird. Was gut ist fürs weltweite Klima. 

Engagieren Sie sich noch mehr beim Klimaschutz? 

Wir nutzen unsere Standorte, um Klimaschutzprojekte voranzutreiben und gleichzeitig Stromkosten einzusparen. 

Was tun Sie konkret? 

Zum einen realisieren wir diese Projekte durch Photovoltaik-Anlagen auf unseren Standorten und auch im Verwaltungsgebäude. 

Von welchem Umfang sprechen Sie?

In Soest-Bergede sind 750 Kilowatt installiert, das entspricht einer Leistung von 700 000 Kilowattstunden innerhalb eines Jahres, was wiederum den Bedarf von 200 Haushalten deckt und 305 000 Kilogramm CO2 einspart. In Geseke bauen wir gerade ein Anlage mit der gleichen Größenordnung auf einer alten Deponie. Auf unserem Verwaltungsgebäude in Soest ist eine Leistung von 50 Kilowatt verbaut. Mit dieser Anlage wird der Strombedarf des Gebäudes zur Hälfte gedeckt, und nebenbei werden unsere Elekroautos „betankt“. 

Das klingt, als sei Ihnen Klimaschutz wichtig. Gibt es weitere Aktivitäten in dieser Richtung?

Derzeit ist ein neues Kompostwerk in Anröchte im Bau. Dieses wird energieautark arbeiten. Das bedeutet, dass wir keinen Strom einkaufen müssen, sondern den am Standort produzierten Strom aus Biomasse und Photovoltaik zunächst selbst nutzen und den Überschuss ins Stromnetz einspeisen. 

Sprechen wir über den Müll. Welcher bereitet Ihnen die größte Freude? 

Jeder Müll bereitet mir Freude. Die Herausforderung besteht darin, für jeden Abfall den besten Verwertungs- bzw. Entsorgungsweg herauszuarbeiten. In den letzten zwei Jahren lag der Fokus vor allem im Bereich der Bio-Abfälle. 

Warum? 

Weil die Investition in unser neues Kompostwerk in Anröchte eine große Herausforderung ist. 

Was passiert mit dem Bio-Abfällen? 

Wir nutzen die Energie, die im Bioabfall enthalten ist, um daraus zunächst Strom zu erzeugen. Aber der wichtigste Punkt bleibt die Produktion von Kompost. Dieser Humus wird derzeit ausschließlich regional eingesetzt – und das bleibt auch die Herausforderung für die nächsten Jahre.

Sie haben mit einer großen Kampagne die Qualität des Biomülls im Kreis Soest deutlich verbessert. Gleichwohl verbleibt im Kompost am Ende etwa ein Prozent Fremdstoff.

Das stimmt beides. Wir gelten mit unseren Maßnahmen inzwischen als Modell für andere. Wir haben die Qualität der Produktes um mehr als 80 Prozent verbessert. Trotz aller Technik und Qualität verbleibt ein kleiner Rest an Fremdstoffen im Endprodukt. Die Qualität ist aber so hoch, dass der Kompost sogar in Bio-Betrieben eingesetzt werden kann.


ESG entsorgt Abfälle im Kreis

Die „Entsorgungswirtschaft Soest GmbH“ (ESG) wird mehrheitlich von der EVB, einer Tochtergesellschaft des Kreises, gehalten. Zu jeweils 21 Prozent sind zudem die Unternehmen „Remondis“ und „Veolia“ beteiligt. Seit 1993 entsorgt die ESG den Abfall des Kreises Soest – gemeinsam mit kommunalen und privaten Gesellschaftern, mit 14 Städten und Gemeinden. Nachdem die Kommunen Restmüll, Biomüll und andere Abfälle aus den privaten Haushalten eingesammelt haben, oder die Bürger Ihren Sperrmüll oder Gartenabfall zu den Abfallwirtschaftszentren, Kompostierungsanlagen oder Wertstoffhöfen gebracht haben, beginnt die Arbeit bei der ESG. Entweder wird der Abfall auf eigenen Anlagen verarbeitet oder zur Verarbeitung in anderen Anlagen weiter transportiert. Die Bürger treten vor allem durch den Besuch der kundennahen Annahmestellen in direkten Kontakt zur ESG: wenn sie etwas zu entsorgen haben. Weitere ESG-Infos im Internet unter www.esg-soest.de oder über das Abfall-Service-Telefon unter 02921/353111.


Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare