"Haben es mit mehr Toten zu tun als die Mordermittler"

Große Unfälle, kleine Partikel: So arbeiten die Verkehrs-Profis der Polizei im Kreis Soest

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Der Unfallwagen aus der Raserszene wird derzeit begutachtet. Er ist auseinandergebrochen. Vier Insassen heben verletzt überlebt.

Kreis Soest - Das Verkehrskommissariat der Polizei im Kreis Soest hat es mit schweren Unfällen und Schwindlern zu tun. So arbeiten die Experten.

Die Raserszene im Kreis besteht aus etwa acht bis zehn Fahrern. Sie sind der Polizei bekannt. Deshalb wussten die Kommissare auch, um wen es sich handelte am Steuer eines schnellen Autos, das sich in der Nacht zum 4. Dezember auf der Lipperoder Straße um einen Baum wickelte und in mehrere Teile zerbrach.

Ein 19-Jähriger aus Lippstadt wollte mit der Aktion einem Streifenwagen entkommen. Er entkam knapp dem Tod. Wie die anderen drei jungen Menschen, die zu dem Zeitpunkt ebenfalls in dem Auto saßen.

Durch Spuren kann Tempo ermittelt werden

Der Wagen steht seither in einer Halle in Anröchte und wird untersucht. Anhand gewisser Spuren können die Experten zum Beispiel feststellen, wie schnell er tatsächlich war – wichtig für die Ermittlungen und letztlich das Strafmaß. 

So spektakulär sind nicht alle Unfälle, mit denen sich Werner Bielawa vom Verkehrskommissariat beschäftigen muss, aber: „Wir haben es mit mehr Toten und mehr Tragödien zu tun als die Mordermittler.“ Das machten sich die wenigsten Bürger klar.

Blechschäden in Millionenhöhe

„Wir sind oft genug die Überbringer schlechter Nachrichten.“ Gut, dass es im Alltag meistens nur um Blechschäden geht. Die gehen allerdings in die Millionen: Fahrerfluchten stehen auf der Tagesordnung im Kreis, und die Beamten sind immer öfter gefragt. Zehn waren es allein am vergangenen Wochenende, und keine kann Martin Hakenberg nachvollziehen. 

„Es gibt keinen Grund, sich unerlaubt zu entfernen“, sagt der Leiter des Verkehrskommissariats. „Es sei denn, man hat als Verursacher eines Schadens keinen gültigen Führerschein. Oder man ist betrunken.“ 

Bielawa ist ein Profi im Umgang mit der Spezialfolie "Spufix".

Kaum einer mache sich klar, dass er eine Straftat begeht, wenn er etwas beschädigt – in der Regel ein anderes Auto, aber auch Wände und Zäune kommen in Frage – und sich aus dem Staub macht. Wobei: „Aus dem Staub“ trifft es, denn inzwischen können die Ermittler aus kleinsten Partikeln, auch Staub, Rückschlüsse ziehen. 

Die Straftat kann mit einer Geldstrafe oder mit Haft bis zu drei Jahren geahndet werden. Nicht selten wird der Führerschein für sechs bis zehn Monate eingezogen. Zum Vergleich: Wer die Polizei ruft und sich eben nicht „unerlaubt entfernt“, zahlt 35 Euro Buße und hat kein Verfahren zu erwarten.

So viele Fahrerfluchten werden aufgeklärt

Viele Verursacher wüssten auch nicht, dass die weitaus meisten Fahrerfluchten aufgeklärt werden. Mehr als 60 Prozent der Fälle, schätzt Hakenberg, „mehr als 70 Prozent, wenn jemand verletzt wird“. Das habe damit zu tun, dass es grundsätzlich bei Unfällen mit Verletzten auch Aussagen der Beteiligten gibt. 

Überhaupt: Das Rezept der Ermittler besteht aus zwei Komponenten. Da sind erstens die Aussagen. Und zweitens die Spuren, die seit fünf Jahren nicht mehr nur mit Zollstock und Fotos gesichert werden. Sondern mit einer Spezialfolie: „Spufix“. 

Wenn Fahrer von der eigenen Schuld ablenken wollen

Einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Spurensicherungsfolie ist Bielawa, der auch gefragter Dozent zu dem Thema ist. Oft muss er anhand der gesicherten Spuren auch erst einmal entscheiden, ob überhaupt ein Fremdverschulden vorliegt – „oder ob sich jemand selbst eine Beule in den Lack gefahren hat“. 

Das komme durchaus vor; die Fahrer versuchten, ihr Verhalten aus Scham zu kaschieren: „Die Tochter, die mit Vaters Wagen unterwegs war, will nicht zugeben, dass sie selbst den Zaun gerammt hat. Oder der Senior, der nicht unfallfrei aus seiner Garage kam, fürchtet, dass er den Führerschein abgeben muss.“ 

Werner Bielawa auf Spurensuche am Bildschirm.

Das müsse wegen einer Bagatelle aber niemand fürchten: „Das kann jedem passieren.“ Die Spuren sprechen für Bielawa dann eine klare Sprache. Er kann unter dem Mikroskop erkennen, ob die Partikel vom Lack eines anderen Autos stammen. Oder doch von einer Ziegelmauer. Er hat es schon oft erlebt, dass Fahrer doch von einer Anzeige absahen, als sie erkannten, was die Ermittler alles herausfinden könnten.

Was Partikel über Lacke sagen

Millimeter große Partikel liegen unter dem Mikroskop und sagen dem Laien gar nichts. 

Bielawa kann erkennen, ob und um welchen Autolack es sich handelt. Zumeist reicht sein Auge, um festzustellen, um welchen Fahrzeugtyp es sich bei einem Unfall mit unerlaubtem Entfernen handelt. Wenn nicht, gehen die Proben ins Labor. 

Die Ermittler sind auch für die Versicherungen gefragte Gesprächspartner, wenn es um die Höhe des Schadens geht. „Von wegen, alle sind versichert: Die meisten Betroffenen bleiben auf dem Schaden sitzen“, sagt Bielawa. „Längst nicht alle haben eine Vollkasko-Versicherung.“

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