Sie kommen nicht nur bei Unfällen und Verbrechen

Sie kommen, wenn Schlimmes passiert ist: So arbeiten die Notfallseelsorger im Kreis Soest

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Auch in den großen Ferien traf sich jetzt ein Teil der Notfallseelsorger im Rettungszentrum des Kreises in Soest, unter anderem um Einsätze und Dienstpläne zu besprechen.

Kreis Soest - Wenn der Anruf von der Rettungsleitstelle kommt, ist Schlimmes passiert. Sehr Schlimmes. Irgendwo im Kreisgebiet ist gerade eine Welt zusammengebrochen, Menschen haben den Boden unter ihren Füßen verloren.

Sven Fröhlich oder andere aus seinem Team von rund 30 Männern und Frauen nehmen die Anrufe an, schlüpfen in ihre lila Uniformjacken, werfen sich ihren Einsatzrucksack über und machen sich auf den Weg, um erste Hilfe zu leisten – für Seelen, die gerade eine einzige große klaffende Wunde sind. Diese Seelen können auch die von sehr kleinen Menschen sein, deshalb fehlt in keinem Rucksack ein Teddybär. 

Der evangelische Pfarrer aus Anröchte leitet und koordiniert die Einsatzpläne der Notfallseelsorger im Kreis. Unter ihnen sind einige Pfarrer, überwiegend aber ehrenamtlich engagierte Freiwillige wie Heinz Müller, die immer dann gerufen werden, wenn die medizinische Rettung von Menschenleben nicht gelungen ist und unmittelbare Zeugen der ganz persönlichen Katastrophe völlig überfordert und hilflos zurückbleiben. 

Auch bei "auf den ersten Blick wenig spektakulären" Einsätzen vor Ort

Notärzte und Sanitäter haben alle Hände voll damit zu tun, ihre Arbeit zu leisten, wo sie noch möglich ist – wenn sie fahren, übernehmen die von der Leitstelle angeforderten Notfallseelsorger. Das muss nicht immer eine Gewalttat mit tödlichem Ausgang oder ein schwerer Unfall mit Todesopfern sein. „Wir kommen bei schwerer häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch, aber auch bei auf den ersten Blick viel weniger spektakulären Einsatzlagen“, erklärt Müller. 

Das können die schwer traumatisierten Eltern eines unerwartet verstorbenen Kindes oder es kann die hochbetagte Dame sein, deren Ehemann am Morgen tot im Bett neben ihr liegt, wenn sie aufwacht und er nach gemeinsamen Jahrzehnten plötzlich nicht mehr da ist. 

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Und nicht nur er ist weg: Mit dem Zerbrechen der traditionellen Familienstrukturen kommt es immer häufiger vor, dass Menschen in akuten seelischen Notsituationen ohne die Unterstützung auskommen müssen, die früher wie selbstverständlich von den nächsten Angehörigen geleistet wurde. 

Und natürlich unterstützen die Notfallseelsorger auch Polizeibeamte beim Überbringen von Todesnachrichten. 

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Die ehrenamtlich tätigen Männer und Frauen kitten keine zerborstenen Lebensentwürfe, und sie können auch kein Leid ungeschehen machen – aber sie können über die ersten schlimmen Stunden hinweghelfen, zuhören vor allem oder einfach nur mit Menschen schweigen, die aus buchstäblich heiterem Himmel zu Opfern geworden sind. 

Und nicht zuletzt sind sie Mittler zu Personen oder Institutionen, die anschließend übernehmen können – Netzwerke, die gerade für diese Notfälle existieren, die aber Betroffenen in diesen schlimmen Minuten mindestens so fern sind wie der Mond im Fenster. Diese Netzwerke zu kennen und die nötigen Ansprechpartner zu haben, um sie auch erreichen und aktivieren zu kennen, das ist Bestandteil der Ausbildung, die die Mitglieder der Notfallseelsorgegruppe im Kreis Soest absolvieren, bevor sie in Einsätze geschickt werden. 

Wenn gewünscht, immer einen erfahrenen Partner zur Seite

Bei denen haben sie, solange es nötig ist und gewünscht wird, immer einen erfahrenen Partner an der Seite. Der Austausch untereinander, gerade im Anschluss an einen Einsatz, ist ein wichtiger Faktor bei der seelischen Verarbeitung.

Hier gibt´s mehr über das Team

Rund 30 Männer und Frauen aus dem gesamten Kreisgebiet engagieren sich derzeit ehrenamtlich als Notfallseelsorger. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen und allen Ecken des Kreisgebietes. Alle haben eine intensive Ausbildung hinter sich, um im Notfall kompetent helfen zu können. Wer sich für ihre Arbeit interessiert, erhält mehr Informationen bei Koordinator Sven Fröhlich unter Telefon 02947/3966.

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