Kunstrasenplätze in der Diskussion: 

Lippetal nimmt jetzt Kreide statt Plastik

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Unten in der Kanalisation lauert Mikroplastik: Stefan Flüchter kletterte extra nach unten, um die kleinen, schwarzen Granulat-Kügelchen ans Tangeslicht zu holen.

Kreis Soest - Müll wieder verwerten – das ist eine gute Idee. Doch ist es sinnvoll, alte Autoreifen zu schreddern und tonnenweise auf Kunstrasen-Fußballplätze auszubringen? Wie steht es um die Umweltbelastung? Eine Bestandsaufnahme.

Stefan Flüchter ist besorgt. So besorgt, dass er mit einer Schaufel in das Abwasserbecken am Kunstrasen-Sportplatz in Oestinghausen klettert. Kurz darauf kommen vorne auf der Schüppe Sand und kleine Kunststoffkugeln ans Licht. Und Fragen. Wie viele dieser Kugeln gelangen über die Platz-Drainage und das Abwasserbecken in den kleinen Bach hinter dem Platz? Und welche Auswirkungen hat der Kunststoff, wenn der Bach alle zwei Jahre ausgehoben und das Material auf den angrenzenden Äckern und Felder ausgebracht wird? „Man müsste einen Filter am Abfluss-Schacht anbringen“, meint Stefan Flüchter. Der müsse dann zwar regelmäßig von der Gemeinde gereinigt werden. Doch die Umweltbelastung sei dann doch deutlich geringer – wenn das Granulat fachgerecht entsorgt würde.

Randnotiz oder Kernproblem? Welche Auswirkungen hat das Granulat, das in Oestinghausen über die Drainage und das Abwasserbecken in den Bach gelangt?

„Wir haben das bislang nicht als Problem angesehen“, sagt Bürgermeister Matthias Lürbke. Doch nun wolle man angesichts dieser neuen Fragen noch einmal über einen möglichen Filter nachdenken.

Als die Kunstrasenplätze vor gut zwei Jahren in Herzfeld und Oestinghausen gebaut wurden, griff die Gemeinde noch auf dass seinerzeit weit verbreitete Material zurück: Granulat aus geschredderten Autoreifen. Das habe, so Lürbke, den geltenden Sicherheitsbestimmungen entsprochen und sei nach Einschätzung der Gemeinde unbedenklich sowohl für die Sportler als auch für die Umwelt. Nach der Diskussion um mögliche Gesundheitsgefährdungen der Sportler in Holland habe man noch einmal alle Zeugnisse angefordert und festgestellt, dass auf den Plätzen der Gemeinde sämtliche Schwellenwerte weit unterschritten würden. 

Letzteres umso mehr, als beim Aufbau der Plätze zunächst eine „gebundene Elastikschicht“, dann eine Sandschicht und erst dann das Granulat aufgebracht worden sei.

Matthias Lürbke: „Natürlich gelangt durch die Spieler und auch durch das Abfließen des Wassers Kunststoff vom Platz.“ Seitens der Gemeinde halte man sich aber an alle Vorgaben des Herstellers, wozu auch das Reinigen der Ränder mittels einer Spezialmaschine gehöre. 

Mitarbeiter der Gemeinde hatten sich nach dem Hinweis auf auslaufendes Granulat durch die Drainage noch einmal am Ort umgesehen, nach Angaben von Matthias Lürbke aber „momentan nichts festgestellt“.

Der Gemeinde liege dennoch viel am Umweltschutz. Matthias Lürbke: „Wir sind gesprächsbereit. Und wenn wir erkennen, dass ein Filter sinnvoll ist, dann spricht nichts dagegen, das auch zu machen.“ 

Gemeinde ist gesprächsbereit 

Um keine für die angrenzenden Felder möglicherweise bedenklichen Kunststoffe auszubringen, hat die Gemeinde Lippetal klare Regeln für den Winter: Liegt Schnee auf dem Platz, dann wird er gesperrt – anstatt mit dem Schnee das Granulat abzuräumen und in die Umwelt gelangen zu lassen.

In Hovestadt, wo demnächst der neueste Kunstrasen-Platz eröffnet wird, hat die Gemeinde aus den Diskussionen Konsequenzen gezogen: Auf dem Kleinspielfeld wird kein recyceltes Material verwendet, stattdessen setzt die Gemeinde auf Granulat mit einem Kreide-Anteil. „Das ist gesundheitlich absolut unbedenklich“, so Lürbke. Und dann erzählt er noch von der Empfehlung des Ministeriums: Die sieht vor, dass bei geförderten Maßnahmen kein recyceltes Material mehr verwendet werden soll.

Stefan Flüchter wird die weitere Entwicklung im Auge behalten. Als besorgter Bürger. Und als Landwirt, der sich um die Qualität seiner angrenzenden Äcker sorgt. Denn wenn das Granulat erst einmal auf dem Acker ist, dann bleibt es dort. Claudie Halsband vom norwegischen Forschungsinstitut „Akvaplan-niva“ formulierte das so: „Es dauert hunderte, tausende von Jahren, bis sich das Granulat natürlich irgendwie in seine Bestandteile zersetzt.“

Ohne neue Studien keine Erkenntnisse

Kunstrasenplätze sind belastbar und werden von Nutzern als weich empfunden. Letzteres liegt am Gummigranulat, das zwischen den Halmen liegt. Es gibt unterschiedliche Sorten: Am günstigsten sind schwarze Granulatkügelchen, die aus geschredderten Autoreifen gewonnen werden. Die gelten nach den aktuellen Sicherheitsrichtlinien zwar als unbedenklich, ein Anteil an Schwermetallen kann aber nicht ausgeschlossen werden. Deutlich teurer sind nicht recycelte Produkte aus Kunststoff, bei denen diese Rückstände ausgeschlossen werden. Durch den Abrieb und das Ausspülen beider Produkte gibt es nach Schätzungen des „Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik Umsicht“ eine nicht zu unterschätzende Verbreitung von Mikroplastik in der Umwelt. In Deutschland gelten nach Angaben des Instituts die Plätze nach dem Autoreifenabrieb und Emissionen bei der Abfallentsorgung als der drittgrößte Verursacher von Kunststoffen in Luft, Wasser und auf den Feldern. Studien-Mitautorin Leandra Hamann vom Umwelt-Institut wünscht sich weitere Untersuchungen: „In den geschredderten Altreifen gibt es noch andere Stoffe als alten Kunststoff. Wenn wir etwa über Schwermetalle nachdenken stellt sich die Frage, ob auch die in die Umwelt gelangen und welche Gefahr davon ausgeht.“

Beim Kunststoff wünscht sich Hamann zudem Erkenntnisse über den Abrieb oder über „biobasierten Alternativen“. Und wenn das Granulat über die Abwasserentsorgung in den Boden gelangt? „Man kennt heute noch wenig Auswirkungen von Mikroplastik auf Böden. Auch hier sind spezielle Tests notwendig“, meint Hamann. Die biobasierten Alternativen gibt es: Sie basieren auf Kork, Kokosnusschalen oder Kreide.

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