Kreisbrandmeister im Interview

Katastrophen-Warnungen im Kreis Soest: „Es ist schwierig, einen Volltreffer zu landen“

Kreisbrandmeister Thomas Wienecke berichtet im Interview, wie im Kreis Soest vor möglichen Unwetter-Folgen gewarnt wurde.
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Kreisbrandmeister Thomas Wienecke berichtet im Interview, wie im Kreis Soest vor möglichen Unwetter-Folgen gewarnt wurde.

Nach den katastrophalen Wetterereignissen in NRW und Rheinland-Pfalz wird auch das Thema Bevölkerungs-Warnung vielfältig diskutiert. Wie ist es im Kreis Soest gelaufen?

Kreis Soest – Auch im Kreis Soest musste die Bevölkerung gewarnt werden - und wurde es. Anzeiger-Redakteur Daniel Schröder sprach mit Kreisbrandmeister Thomas Wienecke über die Unwetter-Lage im Kreis Soest, ging der Frage auf den Grund, wie im Kreis Soest gewarnt wurde und welche Lehren der Kreis aus dieser Unwetter-Lage gesammelt hat.

Herr Wienecke, wie wurde im Kreis Soest im Vorfeld vor den Auswirkungen der extremen Starkregenfälle gewarnt?

Wienecke: Nehmen wir als prägnantestes Beispiel den Donnerstag in Wickede. Dort war in bestimmten Bereichen der Strom ausgefallen. Deshalb konnte schon im Vorfeld nicht ausgeschlossen werden, dass Handys beispielsweise nicht mehr geladen sind und nicht mehr funktionieren und dass die Menschen darüber keine Warnungen mehr empfangen können. Daraufhin haben wir uns entschlossen, alle Medien zu nutzen, die uns zur Warnung zu Verfügung stehen. Wir haben die Warn-App „Nina“ parallel mit dem Sirenenalarm gezogen. Gleichzeitig gab es Lautsprecherdurchsagen. Es wurde konkret für den Bereich Wickede gewarnt, weil es dort die Prognose gab, dass der Wasserpegel um 20 bis 30 Zentimeter hätte steigen können. Wäre das der Fall gewesen, wäre es in vielen Bereichen zu Überflutungen gekommen. Wenn solche konkreten Prognosen vorliegen, macht es natürlich Sinn, dass gewarnt wird.

Sie haben ja schon die Möglichkeiten genannt, mit denen im Kreis Soest aktuell gewarnt werden kann. Auf Bundesebene gibt es mittlerweile auch viele Befürworter des sogenannten „Cell Broadcastings“, bei dem im Warn-Fall SMS auf alle Handys verschickt werden. Würden Sie das „Cell Broadcasting“ befürworten?

Das Cell Broadcasting ist eine ganz wichtige Ergänzung, weil ja doch festzustellen ist, dass viele sich zum einen aufregen, wenn Nina so häufig warnt. Zum anderen ist das Modell Cell Broadcasting super, weil die Warn-Mitteilung automatisch kommt – egal wie alt ein Handy ist oder um was für ein Handy es sich handelt. Deswegen unterstützen wir das Projekt Cell Broadcasting ausdrücklich.

Ebenso möchte ich betonen, dass wir im Kreis Soest schon weit mehr als drei Viertel der Sirenen-Infrastruktur wieder aufgebaut haben.

Einzig die beiden größten Kommunen im Kreis Soest (Anmerkung der Redaktion: Soest und Lippstadt) müssen noch etwas nachrüsten und ihre Hausaufgaben fertig machen. Dort wurde schlichtweg zu spät mit dem Wieder-Aufbau angefangen. In allen anderen Kommunen des Kreises wurden die Hausaufgaben fast, beziehungsweise schon komplett fertiggestellt. Das läuft schon sehr gut und wir sind gut aufgestellt. Ebenso haben wir neben den Sirenen, der Warn-App „Nina“ und den Lautsprecherdurchsagen auch eine mobile Sirene auf unserem ELW 1 (Anmerkung der Redaktion Einsatzleitwagen) des Kreises.

Wie schwer ist die Entscheidung, ob gewarnt wird oder aufgrund unklarer Prognosen lieber noch nicht?

Das wichtigste und schwierigste ist, die richtige Schwelle zu kriegen. Wenn man zu häufig warnt, regen sich die Leute auf, wenn man zu wenig warnt ist es auch schlecht, weil möglicherweise vor schlimmen Ereignissen nicht rechtzeitig gewarnt wurde. Das ist letztlich ein ganz dünner Streifen, auf dem man sich da bewegt. Es ist sehr schwierig, anhand der Prognosen einen Volltreffer zu landen.

Ein Beispiel war der Starkregen 2018 in Soest: Man konnte im Vorfeld anhand der Prognosen genau sehen, wie die große Gewitterzelle zieht. Eigentlich sollte sie weiter Richtung Welver ziehen, doch das hat sie einfach nicht gemacht und ist entgegen der Vorhersagen über Soest stehen geblieben. Solche sehr lokalen Ereignisse punktgenau vorherzusagen, ist schlichtweg nicht möglich. Auch bei den zurückliegenden Unwettern war es schwierig, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Zwischen 20 und 150 Litern pro Quadratmeter hätte laut der Prognosen alles eintreffen können. Wobei man sagen muss, dass schon zwei Tage vor den Regenfällen stabil mit der Warnstufe Violett für bestimmte Bereiche gewarnt wurde. Und wenn es stabil violett – also die höchste Warnstufe – ist, dann muss gewarnt werden. Wenn man an mehreren Vorhersage-Punkten ausmachen kann, dass es zu Extremwetterereignissen kommen kann, dann muss man eben den Mut haben und sagen: Jetzt warnen wir.

Was ist ihr Tipp an die Bevölkerung – zum einen für den Fall, dass die Vorhersagen so eindeutig sind und zum anderen für den Fall, dass Sirenen heulen und auch über andere Wege vor Extremwetterereignissen gewarnt wird?

Jeder sollte bestimmte Vorkehrungen treffen. Ein einfaches Beispiel ist, dass wichtige und wertvolle Dinge oder bestimmte Papiere nicht unten im Keller stehen oder gelagert werden, sondern dass man diese Dinge – dazu zählen auch wichtige Unterlagen – sicher unterbringt. Grundsätzlich muss man sagen, dass in solchen Lagen das Mitdenken jedes Einzelnen gefragt ist.

Und gerade was zum Beispiel die Sirenen-Warnsignale angeht, muss die Bevölkerung immer wieder aufgeklärt werden. Ebenso müssen wir vermitteln, dass es kein Jux ist, wenn wir vor einem möglichen Ereignis warnen. Deshalb ist es auch wichtig, dass Warnungen ernst genommen werden – auch wenn eine Warnung beim letzten Mal im Nachhinein nicht zugetroffen hat. Eine Warnung wird aufgrund einer Entscheidung herausgegeben, die anhand von Fakten getroffen wurde, die zum Zeitpunkt der Entscheidung vorlagen. Gerade Wetter-Ereignisse können sich sehr schnell verändern. Deshalb kann man mit so einer Warnung natürlich auch mal daneben liegen. Doch das sollte von der Bevölkerung dann nicht im negativen Sinne überbewertet werden.

Warnungen von Behörden-Seite sind also wichtig. Doch wie wichtig ist in Ihren Augen das richtige und vor allem das eigenverantwortliche Handeln jedes Einzelnen?

Viele müssen sich einfach mal an den eigenen Kopf packen und beispielsweise nicht mit dem Auto durch überflutete Straßen fahren. Man muss ehrlich zu sich sein und für sich selbst erkennen: Wenn beispielsweise eine Warnung ausgesprochen wurde, dann bleibe ich heute Abend mal zu Hause und weise meine Bekannten und Angehörigen lieber mal auf die Warnung hin. Das eigenverantwortliche Handeln ist sehr, sehr wichtig und kann durch nichts ersetzt werden.

Welche Lehren und Schlüsse haben Sie, hat der Kreis Soest, aus dieser Wetterlage gezogen?

Uns wurde deutlich: Insgesamt ist der Kreis Soest schon sehr gut vorbereitet. Wir haben in den letzten Jahren den Punkt Unwetter in den Fokus gestellt – sei es Waldbrand, sei es Starkregen, sei es Hochwasserschutz. Da sind wir schon auf einem sehr guten Weg. Es laufen noch Beschaffungen. Wichtig ist aber, dass wir schon lange erkannt haben, worauf es ankommt. Ebenso muss ganz klar gesagt werden: Bevölkerungsschutz braucht wieder einen höheren Stellenwert. Wir müssen beispielsweise wieder eine Bevorratung für den Bevölkerungsschutz haben – da gibt es noch Verbesserungspotential. Aber ebenso klar ist: Man kann sich am Ende nicht auf jede extrem große Katastrophe vorbereiten. Das geht einfach nicht. Man muss erkennen: Es gibt Grenzen. Und die zeigt uns der liebe Gott auf. Wie die Grenzen aussehen, hat er uns jetzt einmal gerade mal so richtig vor Augen geführt.

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