Spazieren mit: Superintendent Manuel Schilling

„Corona lässt Menschen Halt suchen“

Manuel Schilling hat Soest und die Region lieben gelernt, wie er Gökçen Stenzel hier erzählt.
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Manuel Schilling ist als Leitender Theologe der Evangelischen Kirche nicht amüsiert über die Vorgänge in Werl: „Das ist maximal schlecht gelaufen.“ Darüber - und zu den Veränderungen durch Corona - spricht er beim Spaziergang.

Soest – Das Amt in Soest hat das Leben für und von Dr. Manuel Schilling durcheinandergewirbelt. Als er im Juni 2020 als neuer Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Soest/Arnsberg seine Arbeit aufnahm, verließ er mit Frau und Kindern Minden in Ostwestfalen und seine Dienstwohnung als Pfarrer dort. In Soest kam die Familie zunächst in einer sehr schlichten Behausung auf dem Dorf unter, bis sie ins erste eigene Heim in Soest ziehen konnte. Anstrengend sei die Zeit gewesen, neu waren beide Erfahrungen. Als anstrengend empfindet der 53-Jährige die Zeit nach wie vor, Corona sei Dank.

Schreiben schlägt hohe Wellen

Angekommen in der Börde ist er aber auch: „Es ist wundervoll hier. Soest ist für mich als kunsthistorisch Interessiertem eine Fundgrube“, erzählt er beim Spaziergang über die Soester Wälle. „Die Region rundum und das Sauerland sind ebenfalls sehr reizvoll, ich lebe gerne hier.“ Hier – dazu gehört das evangelisch geprägte Lippstadt, das eher geteilte Soest und die Wallfahrtstadt Werl.

In Werl hatte in der vorigen Woche ein Schreiben des Presbyteriums hohe Wellen geschlagen. Die Gemeinde hatte dem neuen Bürgermeister Einseitigkeit vorgeworfen, weil er zu seinem Amtsantritt in der Basilika begrüßt worden war – unter anderem vom Wallfahrtsleiter dort. Die Evangelische Gemeinde fühle sich deshalb zurückgesetzt. Was Schilling über den Vorgang denkt? Erst kommunizieren, dann über eine Veröffentlichung nachdenken: Auf diese Formel lässt sich die Antwort des Superintendenten bringen. „Es ist maximal schlecht gelaufen“, sagt er. „Ich hatte von dem Vorgang vorab keine Kenntnis.“

Er betont, dass er stets auf Gespräche mit allen Beteiligten setzt, auch in diesem Fall. Der Zeitpunkt des Briefes, drei Monate nach dem Amtsantritt des Bürgermeisters, verwundere. Sicher habe es in der Vergangenheit Verletzungen und Empfindlichkeiten gegeben – umso wichtiger wäre jetzt das direkte Gespräch zwischen den evangelischen und katholischen Geistlichen, findet Schilling. „Ich bin froh, dass die Pfarrer der evangelischen Gemeinde mir zugesagt haben, rasch auf den Wallfahrtsleiter zuzugehen.“

Bei aller Individualität dürfen wir den gemeinsamen gesellschaftlichen Nenner nicht aus dem Blick verlieren.

Manuel Schilling

Ob sich der Vorfall auf die Entscheidung auswirken wird, die am heutigen Dienstag im Werler Sozialausschuss ansteht? Es geht darum, ob ein katholischer oder ein evangelischer Träger den Zuschlag für eine Kita-Gruppe bekommt. „Nein“, sagt Schilling, „das eine hat mit dem anderen nichts zu tun!“ Im Ausschuss gehe es um eine reine Sachfrage, nicht um Befindlichkeiten. Beides dürfe nicht miteinander vermengt werden. Man werde froh sein, wenn die Wahl auf den evangelischen Träger falle, aber eine andere Entscheidung ebenso gut akzeptieren.

Akzeptanz, Konsens, Solidarität: Begriffe, die in einem Jahr Corona neue Bedeutung gewonnen haben. Solidarität mit dem Nächsten werde intensiv gelebt, findet Schilling. Jüngere gehen für Ältere einkaufen, einerseits. Andererseits fühlten sich ganz unterschiedliche Menschen in den Zoom-Gottesdiensten miteinander solidarisch. „Diese neue Form, miteinander Gottesdienst zu feiern, legt ungeahnte Ressourcen frei. Jetzt ist nicht die Zeit der älteren Damen mit dem Händchen für Altarschmuck. Jetzt ist die Stunde der Technik-Freaks und der Computer-Nerds. Ohne die würden unsere Zoom-Gottesdienste nicht laufen.“

Es wird klar: Dieser Theologe ist nicht willens, an Gott und der Welt zu (ver)zweifeln. „Corona lässt Menschen nach Orientierung suchen. Die gesellschaftlichen Kräfte, zu denen die Kirchen zählen, können Halt geben. Bei aller wünschenswerten Individualität des modernen Lebens dürfen wir den gemeinsamen Nenner nicht aus dem Blick verlieren. In Corona-Zeiten sind Zusammenhalt und Rücksichtnahme gefragt.“

Politik und Kirche

Überhaupt, modernes Leben. Gruppen, die in alten, starren Strukturen stecken und die Pluralität nicht akzeptieren, sind Schillings Sache nicht. Wenn Ritualisierung zum Selbstzweck gerät, verliert der Superintendent das Verständnis; in der Evangelischen Kirche fürchtet er eine solche Erstarrung nicht. Die schrumpfende Mitgliederzahl – Corona hat diese Tendenz verlangsamt, aber nicht gestoppt – habe andere Gründe, auch demografische. „Nichts ist mehr selbstverständlich. Wenn wir etwa eine Kinderkirche anbieten konnten, die gut angekommen ist, heißt das noch lange nicht, dass die Teilnehmer beim nächsten Mal automatisch wieder dabei sind.“ Wie in der Kirche, so auch in der Politik: Automatisch geht nichts mehr.

Wie ist denn das Verhältnis von Kirche und Politik anno 2021? „Man braucht sich gegenseitig“, sagt Schilling, „allein schon, um die vielfältigen sozialen Angebote miteinander abzustimmen.“ Der Unterschied zwischen einem weltlichen und einem kirchlichen Träger eines Heims, zum Beispiel, liege allein in der Grundhaltung der Mitarbeiter. „Wir haben Vertrauen in Gott. Und damit auch in den Menschen.“ Politische Macht oder das Streben danach sei zumindest in der Evangelischen Kirche ein abgeschlossenes Kapitel. „Wir haben unsere Lektion nach der NS-Zeit gelernt, in der die Kirchen eine höchst unrühmliche Rolle gespielt haben. Unabhängigkeit ist ein hohes Gut.“ Man wolle sich um Arme, um Menschen am Rande der Gesellschaft kümmern, ihnen eine Stimme geben.

Optimistischer Theologe

Auch Corona-Leugner haben eine Stimme. Und Kanäle, auf denen sie auf sich aufmerksam machen können. Haben die Gemeinden Erfahrungen damit gemacht? „Natürlich“, sagt Schilling. Egal, wie beispielsweise in puncto Gottesdienste entschieden wird – Präsenz oder nicht –, es gebe immer kritische Stimmen. Damit müsse man leben. Ebenso mit dem Weg, den Deutschland und NRW gehen: „Wir werden es letztlich nur mittelmäßig bewältigen“, ist Schillings Einschätzung. „Aber auf demokratischem Wege, nicht auf autokratischem. Das ist wichtig.“ Hierzulande gebe es keine Akzeptanz für so drastisch Maßnahmen, wie sie in asiatischen Ländern durchgezogen worden sind. „Auch wenn Corona uns Menschen sehr schadet, uns geradezu Unmenschliches abverlangt.“

Für Schillings Optimismus spricht, dass er zu Pfingsten eine große Aktion in der Wiesenkirche plant. Ein Labyrinth, eine Installation der besonderen Art werde es. Für alle, die kommen möchten.

Zur Person

Geboren am 31. Oktober 1967. Nach dem Abitur ein Jahr in der Kommunität „Servizio Christiano“ in Riesi (Sizilien), danach Studium Theologie in Marburg, Leipzig, Bochum. Nach dem Studium ein Jahr in der Kommunität „Die Arche“ von Jean Vanier (Frankreich). In der Arche lernt er seine Frau Béatrice Potier de Courcy, eine Katholikin, kennen. 1997 Vikariat. Seit Mai 2000 Pfarrer, 2002 bis 2012 in Sennestadt, dort auch Dissertation (2004), 2012 bis 2020 Pfarrer in Minden. Vier leibliche Kinder (drei erwachsen), ein (behindertes) Pflegekind.

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