Vom Glauben abgefallen

Immer mehr Menschen im Kreis Soest treten aus der Kirche aus

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Kirchenbänke bleiben immer häufiger leer.

Immer mehr Menschen kehren den beiden großen Kirchen den Rücken. Im Kreis Soest ist  die Zahl der Kirchenaustritte im vergangenen Jahr noch einmal deutlich gestiegen. Die Kirchen-Oberen sind alarmiert.

  • Immer mehr Menschen im Kreis Soest treten aus der Kirche aus
  • Als Gründe nennen die Menschen häufig den Missbrauchsskandal 
  • Die evangelische Kirche beklagt, dass Austritte zunehmen, wenn die katholische Kirche in den Schlagzeilen steht

Kreis Soest - Die NRW-Statistiker haben es errechnet: 2018 sindlandesweit 88.000 Gläubige aus den beiden großen Kirchen ausgetreten – 2019 waren es bereits 122.000. Dieser Trend wird auch im Kreis Soest beobachtet. Dort lebten 2018 rund 300.000 Einwohner, von denen 62.740 Protestanten und 27.383 Katholiken sind. 

Das Amtsgericht Soest, zuständig auch für Bad Sassendorf, Möhnesee, Welver und Lippetal, hat 2018 434 Kirchenaustritte gezählt, davon waren 188 evangelische und 246 katholische Christen. 

Kirchenaustritte im Kreis Soest: 2019 über 200 Fälle mehr als im Vorjahr

2019 waren es bereits 649 Austritte, wobei das Amtsgericht nicht mehr zwischen evangelisch und katholisch unterscheidet, da sich das Melderecht geändert hat. 

Ähnlich sieht es im Amtsgerichtsbezirk Werl (mit Wickede und Ense) aus: 2018 traten 138 Katholiken und 64 Protestanten aus; 2019 waren es 226 katholische und 94 evangelische Christen

Propst Dietmar Röttger kennt auch die Zahlen für die Stadt Soest: 143 Gläubige kehrten der katholischen Kirche 2018 den Rücken, 2019 waren es bereits 215.

Kirchenaustritte nehmen zu, aber Zahl der Taufen konstant

„Konstant geblieben ist dieZahl der Taufen in Soest mit 116 beziehungsweise 115, und erfreulicherweise sind weniger Gemeindemitglieder gestorben – 158 in 2018 und 138 im vergangenen Jahr“, rechnet der Propst vor. 

Die Gründe für die Austritte kennt er, weil die Kirche frisch Ausgetretene anschreibt und nach den Gründen fragt: 

„Früher waren es finanzielle Gründe – man wollte die Kirchensteuer sparen - heute sind es inhaltliche: Anfang 2019 wurde die von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie vorgestellt, die auch prominente Sündenfälle öffentlich gemacht hat. Das hat bei vielen, die der Kirche ohnehin schon entfremdet waren, das Fass zum Überlaufen gebracht“, sagt der Propst. 

Positionen der Kirchenführung häufiger Grund

Als zweiten wichtigen Grund nennt er Positionen der Kirchenführung, die viele Gläubige für überholt halten: Die Rolle der Frau und der Zölibat, zum Beispiel. „Erfreulicherweise kann man feststellen, dass Gläubige mit einer lebendigen Beziehung zu ihrer Ortsgemeinde unter den Missbrauchsfällen oder überholten Positionen leiden, aber nicht austreten“, sagt Röttger.

Angesprochen auf den Verzicht von Kardinal Reinhard Marx auf eine weitere Amtszeit und auf das jüngste Papstwort reagiert der Propst mit Bedauern: „Das macht mich betroffen, und ich empfinde es als großen Verlust, dass Kardinal Marx die Bischofskonferenz nicht weiter leiten will.“ 

Papstwort: Weitere Kirchenaustritte nicht auszuschließen

Kaum war das jüngste Papstwort gesprochen, habe es E-Mails gehagelt: „Ich habe es noch nicht gelesen“, schränkt Röttger ein, ist sich aber sicher: „Für die engagierten Katholiken ist das enttäuschend. Dass er weder an der Lebensform der Priester, noch an der Rolle der Frau in Kirchenämtern etwas ändern will, ist ein Dämpfer für die Leute. Auch mich erstaunt und betrübt dieses Papstwort.“ Nicht auszuschließen sei, dass jetzt weitere Katholiken aus der Kirche austreten werden. 

Auch in der evangelischen Kirche steigt die Zahl der Austritte, wenn auch längst nicht so dramatisch: Brigitte Pawlak, die beim 2019 zusammengelegten großen Kirchenkreis Arnsberg-Soest für das Meldewesen zuständig ist, hat festgestellt: „Es sind immer häufiger junge Leute, aber auch ältere, die austreten.“

Evangelische Kirche: "Keine konkreten Gründe"

Warum sie das tun, kann sie sich im Detail nicht erklären. Eins hat sie allerdings beobachtet: „Wenn bei der katholischen Kirche irgendwelche Aufreger an die Öffentlichkeit kommen, treten die Leute auch bei uns aus. Da wird offenbar überhaupt nicht zwischen evangelisch und katholisch unterschieden“, klagt sie. 

Superintendent Dieter Tometten bestätigt diese Einschätzung. „Es gibt eigentlich keine konkreten Gründe für die Austritte, etwa schlechte Arbeit in einzelnen Gemeinden.“ 

Kirchenaustritt: "Was bekomme ich für mein Geld?"

Generell und global sei es so, dass die Menschen nicht mehr selbstverständlich zahlende Mitglieder in einer Gemeinde oder einem Verein sein wollen, sondern sich fragen würden: Was bekomme ich für mein Geld. „Zum Glück ist die Entwicklung bei den Taufen und Eheschließungen aber positiv.“ 

887 Taufen waren es 2019 im Kirchenkreis Arnsberg-Soest, davon 318 in Soest, Lippetal, Welver und Bad Sassendorf. 2018 waren es in diesen Kommunen zusammen 280. „Wir müssen in der nächsten Zeit noch mehr auf die Leute zugehen und mehr Anstrengungen unternehmen, um die Gläubigen davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, evangelisch zu sein.“

Welche Folgen hat der Kirchenaustritt?

Der Austritt aus der Kirche ist theoretisch einfach. Aber er hat Konsequenzen. Taufe, Hochzeit und Beerdigung sollten im Blick behalten werden. Zudem gibt es Unterschiede zwischen den Konfessionen.

Mit dem Austritt aus der Kirche entfällt die Kirchensteuer. Einen Schlussstrich bedeutet das aber nicht immer: Wenn der Ehepartner weiter Mitglied ist, kann sich sein Beitrag sogar erhöhen.

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