Kandidaten für die NRW-Wahl: Sandra Scheck (Piraten)

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Das Internet bestimmt und erleichtert das Leben von Sandra Scheck, der Landtagskandidatin der Piratenpartei.

SOEST - Transparenz heißt eine zentrale Forderung der Piratenpartei für das öffentliche Leben. Aber nicht unbedingt fürs Privatleben, meint Landtagskandidatin Sandra Scheck. Sie hält nicht viel von „Homestories“.

Von Bettina Boronowsky

Zu ärgerlich sind die Erfahrungen, die ihre Partei-Kolleginnen mit persönlichen Geschichten machen mussten Sie sprachen bei sich zu Hause mit Journalisten über politische Inhalte, fanden sich aber später in der Presse reduziert auf Möbel, Mode und Make-up wieder. Das soll ihr nicht passieren, sagt Sandra Scheck. Und schlägt als neutralen Treffpunkt das Café Grande vor.

Die betroffenen Kolleginnen hätten sich übrigens damals gewehrt, erzählt sie weiter – und zwar in ihren eigenen Blogs im Internet. Und sie freut

Weitere Portraits der Kandidaten:

Eckhrd Uhlenberg (CDU)

Norbert Römer (SPD)

Frank Hilgenkamp (Grüne)

Winfried Hagenkötter (Linke)

Ingo Schremmer (FDP)

Damit ist die Serie beendet.

sich: In solchen Situationen bestätige sich das weltweite Netz als die Gegenöffentlichkeit zu den klassischen Medien, die ja immer kritikloser würden. Und da sind wir schon mitten im Thema: Sandra Scheck, die Medien, das Internet, die Piraten: Wenn sie von ihrem persönlichen Weg zu der jungen Partei erzählt, die es vor einem Jahrzehnt noch gar nicht gab, denkt man unwillkürlich: „Das musste ja so kommen.“

Geboren zwischen Ulm und Würzburg im fränkischen Crailsheim („zwischen Schwäbisch Hall und Götz von Berlichingen“) interessierte sich die heute 42-Jährige schon früh für Medien, schrieb für die Schülerzeitung, arbeitete als freie Mitarbeiterin beim Hohenloher Tagblatt und später in der technischen Pressestelle eines Elektrokonzerns. Nach dem Abi wollte sie Politik studieren, ging nach Bonn und gab erst mal enttäuscht auf: Dort stand noch alles unter dem Eindruck der längst vergangenen Adenauer-Ära und war höchst konservativ.

Sandra Scheck wechselte das Studienfach, warf sich auf Amerikanistik und Erziehungswissenschaft mit dem Ziel, in die Erwachsenenbildung zu gehen. Damals wurde „Bildung und Internet“ ihr großes Thema, zumal sie unter anderem auch im Haus der Geschichte und in der Bundeskoorination Unesco-Projektschulen arbeitete.

Gleichzeitig engagierte sie sich in der Hochschulpolitik und lernte als Frauenreferentin die Arbeitsweise kennen, die sie heute bei den Piraten schätzt – undogmatisch, themen- und interessenorientiert. „Die Piraten sind eine heterogene Gruppe, darum wirken sie vielleicht etwas chaotisch. Aber in den wesentlichen Ausrichtungen denken sie ähnlich“, sagt Sandra Scheck.

Während des Studiums lernte sie ihren Mann kennen. Als vor zwei Jahren eine neue berufliche Orientierung anstand, beschlossen die beiden, nach Westfalen zu gehen. „Wir haben uns mehrere Städte angeschaut und Soest gefiel uns sofort“, erinnert sie sich. Sie hatten Glück: Ihr Mann bekam eine Stelle als Lehrer am Börde-Berufskolleg.

Der Start in der neuen Heimat war schwierig. Sie musste in Bonn den Haushalt auflösen. Dabei war sie physisch noch eingeschränkt von der Chemotherapie nach einer Brustkrebs-Erkrankung. Das war übrigens auch der Grund, warum sie bisher nie bei Wahlen kandidierte. Ihr Mann, gerade neu im Job, musste in Soest die Wohnung renovieren. „Da haben wir vor lauter Stress nicht mal die Allerheiligenkirmes mitgekriegt.“

Mittlerweile ist Sandra Scheck in Soest angekommen, wenngleich sie sich immer noch über einiges wundert. Zum Beispiel über das herrschende Bewusstsein: „Es ist ein Unterschied, ob man inner- oder außerhalb der Mauer wohnt“, hat sie erfahren. „Die verschiedenen Gruppen haben wenig Kontakt untereinander und nehmen sich nicht alle als Soester wahr.“

Das Internet bestimmt und erleichtert ihr Leben – beruflich genauso wie privat und politisch. Sie arbeitet als Übersetzerin für IT und Medizintechnik. Ihre Chefin sitzt in Bad Soden-Salmüner nahe Frankfurt, die Kollegin in Köln. Ohne Internet wäre eine Zusammenarbeit gar nicht möglich.

Das gilt auch für die Arbeitet in der Piratenpartei. Die Vorstandsmitglieder sitzen über den ganzen Kreis Soest verteilt. Aber per Internet sind Sitzungen zu jeder Tages- und Nachtzeit kein Problem. Dank Mumble und Piratenpad ist es sogar möglich, dass alle gleichzeitig an politischen Programmen mitschreiben. Das spart Zeit, Geld und CO².

Trotz ihrer eigenen Affinität kann Sandra Scheck die vielen Vorbehalte und das Misstrauen gegenüber dem Internet verstehen. Sie plädiert auch durchaus für eine medienkritische Bildung. Ansonsten aber ist sie überzeugt: Das soziale Potenzial des Netzes wird immer noch total unterschätzt. Und sie hat dafür gleich ein einleuchtendes Beispiel: Nirgendwo sonst finden Angehörige von Dementen, die wegen der Betreuung der Kranken kaum aus dem Haus kommen, so viele Leidensgenossen, Ansprechpartner und Informationen wie im Internet.

Die Kandidatin gibt’s nicht nur virtuell, sondern auch im wirklichen Leben: Mit ihrem Infostand wandern die Piraten durch den Kreis Soest und stehen jedes Wochenende in einer anderen Fußgängerzone. „Da merken wir, dass ein unglaublich großer Gesprächsbedarf besteht.“

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