Feuerwehr-Chefs aus Soest und Werl berichten

Zwischen Tragödien und Sauerkraut-Geschenken: Das große Interview über die A44 im Kreis Soest

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Für Karsten Korte (links) und Jürgen Wirth ist die A44 eine stetige Begleiterin im Einsatz-Alltag.

Die Leiter der Feuerwehren Soest und Werl, Jürgen Wirth und Karsten Korte, stehen im Gespräch über ihre A44-Erfahrungen Rede und Antwort. Lesen Sie hier Teil 1 des Interviews über "Worst Case"Szenarien auf der Anfahrt und schlimme Unfälle. Zu den Teilen 2 und 3 geht es am Ende des Textes.

Soest/Werl – Die A44 ist ein fester Bestandteil des Kreises Soest. Im ersten Teil dieses Interviews sprach Redakteur Daniel Schröder mit Jürgen Wirth und Karsten Korte, den Leitern der Feuerwehren aus Soest und Werl, über falsche Ortsangaben in Notrufen und Einsätze, die den erfahrenen Feuerwehrmännern nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn auf dem Melder die A44 als Einsatzort steht?
Jürgen Wirth: „Das Wichtigste ist, die richtige Fahrtrichtung zu erwischen. Das hat’s schon gegeben, dass man falsch aufgefahren ist, was natürlich total peinlich ist. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Manchmal wissen die Anrufer nicht genau, wo sie überhaupt sind, aber es ist auch schon passiert, dass ein Feuerwehrfahrzeug sich vertan hat und auf der verkehrten Seite aufgefahren ist.“

Das ist natürlich der absolute Worst Case.
Wirth: „Das ist in sofern nicht tragisch, weil wir ja mit mehreren Autos zum Einsatz fahren. Und dass wir uns bei der Anfahrt vertun – solche Fälle sind die absolute Ausnahme. Umso wichtiger ist es für uns zu wissen, in welcher Fahrtrichtung der Einsatzort ist. 

"Wenn es passiert, ist es halt so"

Wenn der Anrufer nicht penibel genug meldet, kann es sein, dass wir rausgeschickt werden, obwohl Karsten Korte mit der Feuerwehr Werl zuständig ist, weil der Einsatzort hinter der Abfahrt Werl-Süd ist. Aber wenn es passiert, dann ist es halt so.

Ist die Ortsangabe eines Anrufers mal komplett daneben gewesen?
Karsten Korte: Es ist gar nicht so lange her, als hinter Geseke ein Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person gemeldet war. Wir wurden alarmiert, weil der Anrufer sagte, dass es ‘kurz hinterm Kreuz Werl’ passiert ist (Anm. d. Red.: Zwischen dem Kreuz Werl und Geseke liegen 44 Autobahn-Kilometer). Heute gucken die meisten ja nur noch aufs Navi. Karten kennt so gut wie keiner mehr.

Wirth: „Viele wissen gar nicht, in welcher Fahrtrichtung sie unterwegs sind. Gerade hier auf der A44 gibt es das Problem, dass viele ausländische Lkw unterwegs sind. Da kommen dann noch die Sprachprobleme hinzu.

Welche Einsätze sind Ihnen besonders im Kopf geblieben?
Wirth: Es gab – da war ich noch ein junger Feuerwehrmann – an Ostern einen schweren Verkehrsunfall auf der Autobahn, das war wirklich heftig. Wir hatten eine Feier an der Wache, dann wurde ein schwerer Unfall in Richtung Dortmund gemeldet. 

Es war eigentlich ein banaler Unfall: Eine Frau war in die Mittel-Leitplanke gefahren, dann sind alle ausgestiegen, die ganze Familie. Sie wollten das Auto von der Fahrbahn schieben. Die Mutter war am Lenkrad sitzen geblieben.

Familie bei schwerem Unfall getötet

Dann sind acht Fahrzeuge in die Unfallstelle gefahren. Die Großmutter, der Familienvater und die Tochter kamen dabei ums Leben. Am Ende wurde ein junger Mann zur Rechenschaft gezogen – er hatte mit Restalkohol am Steuer gesessen.

Schwere Unfälle sind auf der A44 keine Seltenheit. Auch bei diesem Unfall im Juli 2018 bei Anröchte war eine Familie direkt involviert: Ein Vater kam ums Leben, seine Frau erlitt schwerste Verletzungen. 

Dann gibt es auch Einsätze, die besonders im Kopf bleiben, weil sie so zeitintensiv waren: Zwischen Soest und Anröchte war ein Gefahrgut-Lkw durch die Leitplanke gefahren und umgekippt. Zehn Stunden lang haben wir den Laster in Chemiekalien-Schutzanzügen entladen. Das war echt schwere Arbeit. 

Die Kameraden mussten ein 600 Kilogramm schweres Maschinenteil von Hand bewegen. Das war der Ausschlag, weshalb wir einen Radlader gekauft haben.

"Wir haben ein Jahr lang nur Sauerkraut gegessen"

Es gab aber vor vielen Jahren auch mal einen wirklichen Spaß-Einsatz, an den ich mich gerne erinnere: Ein Sauerkraut-Lkw war damals verunglückt. Der Havarie-Kommissar entschied, dass die Feuerwehr das in Dosen verpackte Sauerkraut mitnehmen soll. 

Wir haben ein Jahr lang bei jedem Übungsabend nur Sauerkraut gegessen. Das war irgendwann auch nicht mehr lecker.

Korte: An die schlimmen Einsätze kann man sich auch nach langer Zeit noch gut erinnern, vor allem wenn Jugendliche beteiligt waren. Bei einem Unfall waren mehrere junge Leute mit drei Autos vom Jugendtag in Dortmund gekommen und auf der A44 bei Werl hintereinander unterwegs. 

Zwei Autos kollidierten miteinander, überschlugen sich und kamen erst 300 Meter weiter zum Stillstand. Hinten saßen drei Mädchen, die nicht angeschnallt waren. Eine war sofort tot und zwei wurden dann noch reanimiert. 

"Hart, zu sehen, wie sie den Kampf gegen den Tod verlieren"

Für uns Feuerwehrleute vor Ort war es hart, sie vor Ort zu reanimieren und zu sehen, wie sie den Kampf gegen den Tod verlieren. Das zweite Mädchen starb noch vor Ort, das dritte im Krankenwagen. Zu dieser Zeit gab es noch keine PSU (Anm. d. Red.: Psychologische Unterstützung für Einsatzkräfte und Betroffene), da sind die Einsatzkräfte der Feuerwehr dann mit einigen der Jugendlichen – das waren alle Kumpels und teilweise Geschwister – zur Seite gegangen und haben eine Zigarette geraucht.

Es gibt viele schlimme Erinnerungen. Umso mehr kann man nur den Hut vor denjenigen ziehen, die diese Aufgabe ehrenamtlich machen. 

Das ist aber auch das schöne: Jeder hilft dem anderen – auch dabei, Dinge zu verarbeiten. Das macht alle Feuerwehren stark. Zudem muss man auch sagen, dass es gerade in der letzten Zeit viele Unfälle auf der A44 gab, bei denen wir am Anfang dachten, dass die Beteiligten es nicht schaffen würden und später gab es die Rückmeldung aus dem Krankenhaus, dass sie überlebt haben. Das ist das, wofür wir es machen.

Weiter zum zweiten Teil des Interviews: Große Kritik an Parkplatz-Mangel

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