Aufhebung der Priorisierung

Impfung bei Hausärzten im Kreis Soest: Großer Ansturm und 1.000 Anrufe am Tag

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Spritzen mit Corona-Impfung: In den Hausarztpraxen läuft die Impfkampagne auf Hochtouren.

Die Hausärzte überrunden langsam, was die Impfzahlen angeht, das Impfzentrum. Noch ist der Ansturm der Impfwilligen aber so groß, dass nicht alle Wünsche so schnell befriedigt werden können, wie es die Bürger gerne hätten. Die Folge: Viele Diskussionen, viel Frust, noch mehr Arbeit aber auch viel Motivation und Freude über glückliche Patienten.

Soest – Viele Soester Hausärzte sehen dem möglichen Ansturm Impfwilliger gelassen entgegen. In anderthalb Wochen soll es keine Priorisierung mehr geben, sodass auch verstärkt Junge und Gesunde nach der Corona-Vorsorge verlangen dürften. Die Gelassenheit, so schildern die Ärzte gegenüber unserer Zeitung, rühre auch daher, weil sie ihre alten und schwerkranken Patienten bereits geimpft haben. Alle Infos zur Corona-Pandemie im Kreis Soest finden Sie hier.

Wenn Dr. Heinz Ebbinghaus eine Bitte an die Soester loswerden dürfte, dann diese: „Bitte kommen Sie nicht alle gleich am 7. Juni in die Praxen.“ Denn die „Mangel-Verwaltung“, die von Anbeginn des Impfens im Dezember gegolten habe, spüre man noch heute, so der Sprecher der Soester Ärzteschaft. Trotz aller Anstrengungen, Überstunden und Belastungen: „Beim Impfen gibt es noch Luft nach oben, wenn nur mehr Stoff vorhanden wäre.“

Impfung beim Hausarzt: Bürger und Arzt

Inzwischen hat Dr. Tobias Samusch die 1000er-Marke geknackt. Damit hat der Hausarzt allein schon rund zwei Prozent der Soester Einwohner mit dem Vakzin versorgt. Hinzu kommen noch reichlich Impfungen, die er im mobilen Dienst oder in Altenheimen verabreicht hat. „Als Bürger und Arzt freue ich mich, meinen Beitrag zur ja jetzt im Kleinen stattfindenden Kirmes in Soest geleistet zu haben.“ Doch als Unternehmer gehe ihm gerade das Vertrauen in den Staat und den Glauben an das Prinzip „Leistung wird belohnt“ verloren (siehe Kasten).

„Eher sorgenvoll“ blickt die Soester Hausärztin Sara Schürmann der Aufhebung der Priorisierung entgegen. Die Impfbereitschaft in der Bevölkerung sei hoch, allein die geringen Impfstoffmengen seien ein Problem. Die Politik betreibe eine Spaltung und verspreche mit der Impfung die „Rückgabe der Grundrechte“. Doch genau das komme bei jungen Patienten ohne Aussicht auf baldige Impfung ganz anders an.

Impfung beim Hausarzt: Eltern haben hohes Risiko

1000 Spritzen haben auch Dr. Ute Friedrich-Pagels und ihr Team gesetzt. Mittlerweile sei alles „gut eingespielt“, Routine gebe es aber weiterhin nicht, weil „ständig die Bestimmungen geändert werden“. Die heute noch geltende Impf-Priorisierung betrachtet die Ärztin kritisch. So würden in diesen Tagen die Wahlhelfer für die Bundestagswahl im Herbst geimpft (Prio-Gruppe 3). Dabei hätten auch Eltern mit Kindern ein „sehr hohes Risiko“, sich mit Corona zu infizieren; gerade die Familien seien durch die Pandemie stark belastet. „Ich würde mir wünschen, dass es mit der Impfung der Kinder schneller vorangehen würde, da davon im Wesentlichen abhängen wird, wie sich der Schulalltag nach den Ferien gestalten wird.“

„Die Priorisierungsgruppe 3 ist inzwischen so aufgebläht und unlogisch, dass die Aufhebung durchaus Sinn macht“, findet Dr. Rudolf Lammers. Den Soester Hausärzten bleibe es auch weiterhin unbenommen, ihre besonders kranken Patienten zu bevorzugen. Dem Wegfall der Priorisierung kann auch Dr. Michael Hense wenig abgewinnen: „Der Impfstoff bleibt weiterhin begrenzt.“ Zudem stehen bis heute noch 200 Patienten aus den Priorisierungsgruppen 1, 2 und 3 auf seiner Liste, die noch geimpft werden müssen.

Impfung beim Hausarzt: Bis zu 1000 Anrufe am Tag

Unisono berichten die Hausärzte vom enormen Aufwand. „Die Hauptarbeit sind das Telefonieren und die Terminabsprachen“, so Lammers. „Bis zu 1000 Anrufe pro Tag“, die Telefone laufen heiß, schildert Samusch. Nachdem der Gesundheitsminister den Abstand zwischen den Astrazeneca-Impfungen auf vier Wochen reduziert hat, melden sich zusätzlich noch die Patienten, die ihre zweite Astra lieber heute als morgen bekommen möchten, da der Urlaub ansteht, so Friedrich-Pagels. Dass das „wegen der schlechteren Wirkung medizinisch nicht empfehlenswert ist“, interessiere längst nicht alle. Auf jeden Fall gehe einmal mehr viel Zeit für neuerliche Beratung und Aufklärung drauf.

Als „Hauptproblem“ nennt Hense die Patienten, die sich auf die Liste setzen lassen, sich anderweitig einen Termin besorgen und nicht einmal absagen. „Dadurch erhöht sich der Aufwand für uns enorm.“ Sein Kollege Samusch hat manchmal den Eindruck: „Oft geht es Patienten nicht um den Schutz, sondern um ihre Freiheitsrechte, wie den geplanten Sommerurlaub.“ Ein solcher Wunsch lasse sich inzwischen mit der Einmalgabe des Impfstoffs von Johnson & Johnson besser befriedigen.

Die Kosten-Kritik der Ärzte

„Als Unternehmer habe ich das Vertrauen in die Politik und das Prinzip Leistung wird belohnt verloren“, beklagt der Soester Hausarzt Dr. Tobias Samusch. Die Honorare seien bestenfalls kostendeckend mit den vom Bundesgesundheitsminister gezahlten 20 Euro pro Impfung (zum Vergleich: 275 Euro im Impfzentrum).
Er hätte gern kurzzeitig zusätzliches Personal eingestellt, um besser mit anpacken zu können. Samusch: „Ich bin selbstständig geworden, um Gestaltungsspielraum für meine Arbeit zu haben. Dieser war durch die Impfpolitik nicht gegeben. Mein Unmut führt jetzt dazu, dass ich mich jetzt entspannt zurücklehne und nur noch einzelne Patienten impfe. Durch den geringen finanziellen Anreiz hat das Ministerium ja auch immer wieder deutlich gemacht: ,Wir wollen nicht, dass Hausärzte impfen.‘ Das habe ich jetzt verstanden.“ Ähnlich äußert sich die Ärztin Ute Friedrich-Pagels: „Unsere Mitarbeiterinnen müssen sehr viele Emotionen aushalten und enorm viel arbeiten. Leider wurden Sie von der Bundesregierung nie mit einem Corona-Bonus belohnt.“ „Wir sind wir ein bisschen enttäuscht, dass die für Juni angekündigte Impfwelle nun ausbleibt und wir vor allen Dingen die Zweit-Impfungen durchführen werden“, ergänzt Dr. Michael Hense.

Samusch geht davon aus, schon in Kürze nur noch wenig impfen zu müssen: „Es wird dann genug Impfangebote abseits der Hausarztpraxen geben, und es wird sehr schnell zu einer Sättigung des Bedarfs kommen.“ Das würde nicht nur sein Praxis-Personal entlasten, es bliebe auch wieder mehr Zeit für die (oft chronisch) Kranken. „Die kommen mit ihren alltäglichen Beschwerden kaum noch durch“, berichtet Schürmann. Fast die Hälfte ihrer Sprechzeit fülle die Impfaufklärung.

„Wenn alles gut läuft, wäre das Impfen Ende Juli durch“, prognostiziert Ebbinghaus. Weil es mindestens bis dahin eine Gesellschaft aus Geimpften und Nicht-Geimpften gibt, ruft er auf zu einem „respektvollen Umgang“, also weiterhin zu Masken und Abstand und schon gar nicht zu Übermut oder Leichtsinn. Sara Schürmann hätte diesen Wunsch: „Die Patienten, die wir endlich impfen konnten, sind so glücklich und dankbar, dass dieses Glück auf uns abfärbt und wir darum einfach immer weiter impfen – so viel wie eben möglich ist.“

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