Warum die Dunkelziffer enorm sein dürfte

Exklusive Zahlen: Weniger Handysünder im Kreis Soest geschnappt - doch das ist nur die halbe Wahrheit

Kreis Soest - Der Motor läuft, das Handy klingelt, die Gefahr ist nur einen Blick entfernt: Die Handynutzung am Steuer ist für viele Fahrer zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Zahl der erwischten Handysünder im Kreis Soest ist rückläufig. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Erstmals seit 2012 hat die Polizei im Kreis Soest im Jahr 2017 weniger Verkehrsteilnehmer mit Handy am Steuer erwischt als im Vorjahr. Waren es 2016 noch 2400 Handysünder, wurden 2017 "nur" 1919 von der Polizei gestoppt und zur Kasse gebeten. Fahrradfahrer werden in diese Statistik eingerechnet. Auch ihnen droht ein empfindliches Bußgeld, werden sie mit Handy am Lenker erwischt.

Woran es liegt, dass der Polizei weniger Fahrer mit Handy in der Hand ins Netz gingen, kann nur gemutmaßt werden: Einen genauen Grund wisse man nicht, sagt Wolfgang Lückenkemper, Pressesprecher der Kreispolizei Soest. Gleichzeitig bestätigt er, dass es vermutlich eine "enorme Dunkelziffer" gebe.

Warum es so schwer ist, Handysünder zu entlarven

Das dürfte vor allem daran liegen, dass es schwierig ist, Handysünder im Straßenverkehr überhaupt zu erwischen. "Wir halten niemanden auf Verdacht an, sondern müssen das Handy vorher klar erkannt haben", erklärt ein Polizeibeamter der Kreispolizei Soest im Anzeiger-Gespräch.

Würden die Polizisten lediglich wegen ihres Bauchgefühls behaupten, ein Handy oder ein anderes elektronisches Gerät sei am Steuer benutzt worden, würden sie als Zeugen vor Gericht einen Meineid riskieren.

Eine der kuriosesten Ausreden

In der Regel, seien erwischte Handysünder geständig, resümieren zwei Polizeibeamte, die täglich auf Verstöße im Straßenverkehr achten, gegenüber dem Anzeiger.

Versucht ein Autofahrer dennoch, sich aus der misslichen Lage zu befreien, höre man stets die gleichen Ausreden: Es sei nicht telefoniert worden, man habe sich nur am Ohr gekratzt oder lediglich auf die Uhr geschaut. Eine der kuriosesten Ausreden lautete jedoch: "Ich habe nicht telefoniert. Mein Ohr war kalt und ich wollte es mit dem warmen Handyakku wärmen.", erinnert sich der gebürtige Warsteiner Benny Beukenbusch, Polizeioberkommissar bei der Polizei Köln.

Gerade jüngere Autofahrer neigen gerne dazu, Nachrichten am Steuer zu tippen.

Dass gerade die jüngere Autofahrer-Generation mit dem Handy mehr schreibt als telefoniert macht es der Polizei nicht einfacher. Aus einem banalen Grund: Für das Tippen einer Nachricht muss das Handy nicht ans Ohr gehalten werden - das Gerät verschwindet somit aus dem Blickfeld "externer Beobachter". "Da müssen die Kollegen schon direkt daneben stehen und ins Fahrzeug gucken", bestätigt Polizeisprecher Lückenkemper.

Eine schwere Aufgabe für Unfallermittler

Für Unfallermittler ist es meistens ein Ding der Unmöglichkeit, die Unfallursache mit der Handynutzung in Verbindung zu bringen. 

Oft liege es laut Wolfgang Lückenkemper zwar nahe, dass ein Handy im Spiel gewesen ist. Doch beweisen lasse es sich nur selten. Die wirkliche Unfallursache bleibt dann ungeklärt.

Endet ein Unfall tödlich, würden Staatsanwälte Handys daher durchaus beschlagnahmen und Daten auswerten lassen, um die genaue Unfallursache ermitteln zu können. Aber: "Die Auswertung von Handydaten ist ein tiefer Einschnitt ins Persönlichkeitsrecht", betont Wolfgang Lückenkemper.

Bleibt es beim Sachschaden, überwiege in der Regel dieses Persönlichkeitsrecht. Der Fall wird dann zu den Akten gelegt.

So wenig Unfälle im Kreis Soest sind (offiziell) der Handynutzung geschuldet

Wie selten die Handynutzung nachgewiesen werden kann, zeigen die Unfallzahlen für den Kreis Soest: Nur jeweils ein Unfall in 2012 und 2013 und jeweils drei Unfälle in 2015 und 2016 sind laut Polizei sicher auf Handynutzung zurückzuführen. "Und das bei durchschnittlich 7.500 Unfällen im Kreis Soest pro Jahr", unterstreicht der Polizei-Pressesprecher das Problem. Wie hoch die Dunkelziffer tatsächlich liegt, ist nicht abzusehen.

Lesen Sie auch:

Bis zu 200 Euro: Diese Strafe droht Handysündern

Lkw-Fahrer packt aus: So abgelenkt sind seine Kollegen am Steuer

Rubriklistenbild: © Daniel Schröder/Infogram

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare