Gebete zum Fastenbrechen schallen durch das Jahnstadion

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Der Vorbeter Serki Caliskan mit den Gläubigen, die auf dem Rasen des Jahnstadions zum Fastenbrechen in Richtung Mekka beten.

Soest – Die Rufe des Vorbeters Serki Caliskan schallen über die weite Fläche des Jahnstadions. Sie richten sich an über 200 Männer und einige Jungen an deren Seite, die sich am Sonntagmorgen hier zum Auftakt des dreitägigen Ramadan-Festes versammelt haben – es ist der Start des Fastenbrechens nach Beendigung des Ramadans.

Die Türkisch Islamische Gemeinde hat auf Grund der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Abstands- und Hygieneregeln einen der wichtigsten Feiertage für Muslime aus ihrer Moschee heraus zu einer Freiluftveranstaltung gemacht. „Ich habe eigentlich mehr erwartet“, sagt Seyit Ali Yildirim bei seinem Blick über den Rasenplatz. 

Eine Drohne filmt alles

Der Vorsitzende der Türkisch Islamischen Gemeinde hatte sich lange im Vorfeld bei der Stadtverwaltung um eine Genehmigung zur Nutzung der Sportstätte bemüht und mit Gemeindemitgliedern den Ordnungsdienst organisiert. Dass ihr Gottesdienst nicht alltäglich ist, zeigt auch, dass er mit einer leise summenden Drohne gefilmt wird.

 „Wir sind froh, dass die Stadt Soest uns die Möglichkeit gegeben hat, uns hier gemeinsam mit unseren Glaubensbrüdern versammeln zu dürfen. Vielen Dank an den Bürgermeister“, sagt Adnan Ozak aus Soest. Es sei zwar ungewohnt, aber das Erlebnis eines in diesen Corona-Zeiten so seltenen Gemeinschaftsgefühls sei viel stärker als das Fremdeln mit dem ungewohnten Ort für die Gebete. Dort dreht ein einsamer Jogger seine Runden um den Platz während die Gläubigen ihre Gebete aufsagen. Zudem spielt auf einem 100 Meter entfernten Nebenplatz ein Vater mit seinem jungen Sohn Fußball. Auch eher ungewöhnlich ist, dass sich drei muslimische Frauen und ein Mädchen ebenfalls weitab von den Männern zum Gebet eingefunden haben. 

Gebetsteppiche mitgebracht

Muslime sind aus dem gesamten Kreisgebiet, auch aus Dortmund und sogar der Hansestadt Bremen zu diesem besonderen Freiluft-Gottesdienst angereist. Einen ähnlichen feierten am Sonntag ebenfalls etwa 300 Muslime im Sauerland-Park in Hemer. 

Bevor die Gläubigen das Jahnstadion mit Schutzmasken betreten dürfen, müssen sich alle in Namenslisten inklusive Telefonnummer eintragen. Auch ein Spendentopf steht bereit, deren Inhalt bedürftigen Mitgliedern der Gemeinde zugutekommen soll. Die Männer haben ihre Gebetsteppiche mitgebracht, ihre Schuhe seitlich davon aufgereiht. 

Sevit Ali Yildirim, Vorsitzender der Türkisch Islamischen Gemeinde.

In der ersten von sechs durch Flatterband abgesteckten Reihen knien 40 Personen auf dem 140 Meter langen Rasenstück (mit Auslaufzone hinter der eigentlichen Spielfeldmarkierung) – und haben ihren Blick nach Mekka gerichtet. Einige haben fein bestickte Gebetsgewänder an, es gibt auch viele Anzugträger, und andere haben einfach nur Jeans und Pullover an. Auch bei ihren Gebeten und Gesängen tragen alle weiterhin ihre Schutzmasken – genau wie der Vorbeter Serki Caliskan.

 Als es um 9.15 Uhr mit dem Bayram-Gebet los geht, ist es empfindlich kühl mit 14 Grad und einem kräftigen Wind. In den folgenden Gebeten geht es für die Gläubigen auch darum, sich noch einmal auf die Selbstbeherrschung, die die Gläubigen mit dem Verzicht aufs Essen gezeigt haben, zu besinnen. Auch die Barmherzigkeit gegenüber Armen und Schwachen, die Unterstützung anderer Fastender und das Zwiegespräch mit Allah sind Inhalte in der Predigt Caliskans. 

Der Hodscha, der bei seiner Predigt auf einem Stuhl steht, ist vor allem froh, dass er sich an so viele Gläubige wenden kann, wie er später mit Hilfe eines Übersetzers erklärt. Normalerweise sitzen und knien die Gläubigen bei ihrem Gebet in der Moschee Schulter an Schulter. „Anschließend umarmen sich alle, es werden Hände geküsst“, sagt Mustafa Ustaoglu aus dem Vorstand der Gemeinde. Nun werden die Gläubigen nach dem gemeinsamen Gebet dazu aufgerufen, nicht alle gleichzeitig zum Ausgang zu strömen und sich eben nicht die Hände zu geben – die Durchsagen dazu gibt es auf Türkisch, Arabisch und Deutsch.

 Nach dem Gebet geht es bei dem auch Zuckerfest genannten Ramadan-Fest in den Familien mit einem Festessen und Süßigkeiten und Geschenken für die Kinder weiter. Dabei ist es Tradition, dass nun die jüngeren Familienmitglieder die älteren an den drei Festtagen besuchen – denn das Ende der 30-tägigen Fastenzeit ist auch ein großes Familienfest. Da dies ja auch wegen der Corona-Pandemie schwierig sei, „sprechen wir unsere Besuche untereinander ab, auch die bei den Onkeln und Tanten“, sagt Serdar Bilinnez. Dabei würden auch speziell die Messenger-Dienste helfen. 

Auch wenn sich bei allen Beteiligten die Dankbarkeit darüber heraushören lässt, dass ein Sportplatz als Gebetsort genutzt werden durfte; so hofft Seyit Ali Yildirim von der Türkisch Islamischen Gemeinde doch auf eine Rückkehr zur Normalität: „Wir beten auch dafür, dass alles wieder gut wird und zum nächsten Ramadan alles wieder in Ordnung ist.“ Das wäre dann im kommenden Jahr vom 13. April bis zum 13. Mai...

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