Die Suche nach einer Lösung

Ferkelkastration: „Vierter Weg“ bleibt für die Landwirte versperrt

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Erst wenige Tage alt und schon kastriert: Die männlichen Ferkel im Stall von Georg Busemann werden zunächst lokal mit schmerzstillenden Medikamenten behandelt und dann kastriert.

Kreis Soest - Georg Busemann ist es leid, der Buhmann zu sein. „Wir wollen doch nichts anderes als eine praktikable Lösung“, sagt der Landwirt aus Oberense. Anstatt einen ganzen Berufsstand pauschal zu veunglimpfen mahnt er deshalb zur Sachlichkeit. Denn beim Thema „Ferkelkastration" seien einfach zu viele Emotionen im Spiel. Das bekomme er insbesondere in sozialen Netzwerken immer wieder zu spüren. 

Worum es geht? Es geht um das Tierschutzgesetz und hier insbesondere um den Unterschied zwischen den Begriffen „schmerzlindernd“ und „schmerzausschaltend“. 

Aber der Reihe nach: Wer in den Schweinestall der Familie Busemann kommt, muss zuerst einmal rote Gummischuhe anziehen, wegen der vielen Keime unter den eigenen Schuhen. Drinnen herrscht Ordnung: Sauen liegen in ihren Boxen, kleine Ferkel saugen frische Milch oder drücken sich aneinander. „Wir haben hier einen großen Geldbetrag investiert, um den Betrieb zukunftssicher zu machen“, sagt Georg Busemann.

Doch bei dem Begriff „zukunftssicher“ fange es schon an. Denn wie mit den rund 13 000 Ferkeln, die jedes Jahr hier geboren werden, künftig verfahren wird, ist unklar. Es ist der Streit um die Kastration, der nach Ansicht Busemanns viel zu emotional geführt wird. „Der Eingriff selber dauert gerade einmal zehn Sekunden“, sagt der Landwirt. Nachdem die nur wenige Tage alten Ferkel lokal mit einem schmerzlindernden Mittel versorgt würden, mache er selber den entscheidenden Schnitt an den Hoden. Busemann: „Danach setze ich sie wieder ab und sie laufen zurück und trinken weiter“.

"Gebt uns eine praktikablere Lösung, dann machen wir das“

„Gebt uns eine praktikablere Lösung, dann machen wir das“, sagt Busemann. Im Tierschutzgesetz stehe, dass ein solcher Eingriff ganz ohne Schmerzen erfolgen müsse, das sei bisher tatsächlich nicht garantiert. Doch es fehle schlicht an Alternativen. 

Bisher gebe es mit dem Verzicht aufs Kastrieren eine Möglichkeit, die er in seinem Betrieb bereits umsetze. „Doch das Eberfleisch wird nur begrenzt vom Markt aufgenommen“, so Busemann. 

Den Grund dafür kennt Josef Lehmenkühler, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes: „In den Schlachthöfen muss von jedem Eber eine Geruchsprobe genommen werden, weil etwa fünf Prozent der Tiere einen unangenehmen Geruch entfalten. Diese Probe passiert ganz klassisch mit der Nase und ist sehr aufwändig.“ 

Kommentar zum Thema

Selbiges gelte, so Georg Busemann, für eine zweite Methode, der sogenannten „Impfung“ der Eber. Dabei werde den Tieren ein Hormonpräparat gespritzt, damit die männlichen Düfte unterdrückt würden. Georg Busemann: „Viele Verbraucher haben ein Problem damit, solches mit Hormonen behandeltes Fleisch zu essen.“ Dazu komme, so Josef Lehmenkühler, dass Eber in der Haltung deutlich aggressiver seien als kastrierte Tiere, so dass die Landwirte es mit ständiger Unruhe und Keilereien zu tun hätten. 

"Dritter Weg völlig unpraktikabel"

Der dritte Weg, der derzeit diskutiert wird, ist ein Eingriff unter Vollnarkose. Bei diesem Vorschlag schütteln Lehmenkühler und Busemann beide den Kopf. „Wie soll denn das gehen“, fragt Georg Busemann: „Nach den geltenden Gesetzen müssten die Tierärzte dann nichts anderes machen als Ferkel betäuben und warten bis sie wieder wach sind.“ Als „völlig unpraktikabel“ bezeichnet Josef Lehmenkühler die Idee, meint: „Und selbst wenn es den Bauern wie in Holland erlaubt wäre mit Gas zu betäuben, wäre das ein großer Aufwand, der zudem Risiken für die Landwirte birgt“. 

Auch für die Ferkel: Die kühlten unter Narkose schnell aus, könnten nicht trinken und zudem reagierten so junge Tiere nicht gut auf eine totale Betäubung. 

Von der Politik im Stich gelassen

Von der Politik im Stich gelassen fühlen sich die heimischen Landwirte. Denn ein von den Bauern favorisierter „vierter Weg“ bleibt politisch und rechtlich vorerst versperrt. Der sieht eine lokale Betäubung der Ferkel vor, die tatsächlich zur Schmerzausschaltung führt. Das Verfahren ist aber nicht erlaubt. „Und über den Stress der Tiere oder den Schmerz beim Spritzen redet auch niemand“, so Josef Lehmenkühler. 

Überhaupt die Politik: „Wir brauchen keine Verlängerung der bisherigen Methoden, wir brauchen eine Lösung“, sagt Georg Busemann. Und Josef Lehmenkühler sagt: „Wenn wir das nicht hinbekommen, dann kommen die Ferkel künftig aus dem Ausland, wo der vierte Weg längst erlaubt ist. Dann haben wir hier Betriebe, die aufgeben müssen und zusätzlich haben wir es wieder mit mehr Tiertransporten zu tun.“

Georg Busemann ist heute 54. Sein Sohn Lukas ist 25, wird den Betrieb in einigen Jahren übernehmen. „Uns macht die Biologie immer noch Spaß“, sagt Georg Busemann, „aber die Bürokratie macht uns Sorgen“. Solche Sätze kann Josef Lehmenkühler unterschreiben. Er sagt: „Der tierschutzgerechteste Weg wird uns durch bürokratischen Krimskrams versperrt.“

Regelung vor der Verlängerung:

Voraussichtlich im Dezember wird die Regierungskoalition in Berlin eine Verlängerung der bisher bestehenden Regelung zur Kastration von Ferkeln um zwei Jahre bis Ende 2020 beschließen. Damit wird der Weg frei bleiben für die bisher bestehende Regelung, nach der die Landwirte die Ferkel zunächst mit schmerzlindernden Medikamenten lokal behandeln, um dann die Hoden abzutrennen. Eigentlich sollten die Bauern in Deutschland laut Tierschutzgesetz zum Jahresende die chirurgische Kastration ohne Vollnarkose einstellen. Ab 1. Januar 2019 hätte ein Verfahren angewandt werden müssen, das Schmerzen wirksam ausschaltet. Ansonsten hätten die Tierhalter auf eine chirurgische Kastration verzichten müssen.

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