Frage der Woche

Fastenzeit: Darauf verzichten die Menschen im Kreis Soest

Eine Hand nimmt eine Praline aus einer Schachtel.
+
Der Verzicht auf Schokolade ist in der Fastenzeit ein Klassiker.

Nach den jecken Tagen kommt die Fastenzeit. Vielen Menschen helfen Fest- und Feiertage sowie bestimmte Rituale, ihr Jahr zu strukturieren. Normalerweise. Seit fast genau einem Jahr ist die Normalität eine andere geworden: Weihnachten war bei den meisten anders als sonst, Karneval ist ausgefallen. Und die Fastenzeit damit auch?

Kreis Soest - Ist es überhaupt angesagt und angemessen, angesichts des Verzichts, den wir alle seit einem Jahr üben, eine zusätzliche Zeit des Verzichts und des Fastens auszurufen? Diese Fragen haben wir Menschen aus dem Kreis Soest gestellt, die sich qua Amt oder Beruf mit dem Thema befassen (müssen).

Gern geben wir die Frage weiter: Wie halten Sie es mit dem Fasten in diesem Jahr? Ist es Ihnen gerade besonders wichtig? Oder doch völlig überflüssig? Welche Gedanken machen Sie sich dazu? Schreiben Sie uns per Mail an stadtredaktion@soester-anzeiger.de.

Michael Feldmann

„Corona erscheint wie unendliche Fastenzeit“ - Michael Feldmann, Propst in Werl

Alljährlich wird der Pfarrer irgendwo auswärts zu einer Fastenpredigt eingeladen, die wenigstens eine halbe Stunde dauern soll, Wesentliches anzusprechen hat, nicht langweilig sein darf, nach Möglichkeit keinem auf die Füße tritt und doch passionszeitlichen Ernst befördert, vielleicht noch ein wenig mit nachkarnevalistischem Humor gewürzt und in jedem Falle so formuliert, dass hinterher alle sagen: Man konnte gut zuhören! (Und i.d.R. wird danach die Frage „Was hat er denn gesagt“ beantwortet mit: „Das weiß ich nicht mehr“).

Nun eigne ich mich aufgrund eines eingefleischten Übergewichtes nicht besonders für flammende Ansprachen zur Abstinenz. Als Kinder haben wir auf Süßigkeiten und auf Fernsehen verzichtet. Und heute? Die einen fasten, um abzunehmen. Manche haben in dieser Angelegenheit kontinuierlich Fastenzeit! Viele vergeblich.

Fastenzeit im Kreis Soest: „Alkohol gestrichen“

Bei mir ist der Alkohol gestrichen. Andere wählen Heilfasten, um den Körper zu reinigen und zu gesunden. Manchen Leuten kommt die Pandemie wie eine nicht enden wollende Fastenzeit des Verzichts auf Sozialkontakte, Reisen und Freiheit vor. Und dann gibt es das kultische Fasten, das in vielen Religionen und Konfessionen eine Zeit der Vorbereitung auf Großes umkreist.

Im christlichen Falle geht es um Ostern, Herzstück unseres Glaubens. Ohne Auferstehung bleibt alles tot. Das ist paradox: Fastenzeit will ernähren! Will den Geist und den Glauben ernähren, genau da, wo Glaube und Geist übers Jahr nur mit Schnellimbiss bedient werden, nebenbei oder auch gar nicht. Fastenzeit ernährt mit der Einladung zur Hl. Messe, zur Kreuzwegandacht, zur Betrachtung, zur Nächstenhilfe und zur Versöhnung. In diesem Sinne: „Wohl bekomm’s“!

Manuel Schilling

„Fasten kann dieses Jahr nur anders ablaufen“ - Manuel Schilling, Superintendent

Drei Antworten fallen mir ein: 1. Kirchlich-Theologisch: Wir evangelischen Christen kennen kein offizielles Fastengebot. Allerdings nehmen in den vergangenen Jahren immer mehr Evangelische die Passionszeit zum Anlass, persönlich zu fasten. Und damit stehen wir in einer guten biblischen Tradition. Wenn wir Evangelische fasten, dann bezwecken wir in der Regel dreierlei: Zum einen versuchen wir nachzuempfinden, worauf Jesus verzichtet hat, als er sich freiwillig entschied, für uns Menschen bis in den Tod zu gehen. Zum anderen stellt es eine Form der Selbstbeherrschung dar. Und schließlich spenden viele das Geld, das wir durch den Verzicht erspart haben, an Menschen, die es benötigen.

2. Individuell-Persönlich: Für mich ist Fasten immer eine Herausforderung. Ich finde es unglaublich schwierig, auf die kleinen Annehmlichkeiten des Alltags zu verzichten: die Schokolade am Nachmittag oder das Gläschen Wein am Abend. Es gab auch Jahre, da habe ich es nicht geschafft, und Jahre, in denen ich es erst gar nicht versucht habe. Wenn es aber klappt, ist es eine tolle Sache.

3. Aktuell-Gesellschaftlich: „Lohnt es sich dieses Jahr überhaupt zu fasten? Wir müssen wegen Corona doch schon ein ganzes Jahr verzichten.“ Sagen manche. Ich verstehe sie. Aber ich stimme ihnen nicht zu. Fasten kann dieses Jahr anders ablaufen. Es kann einfach schon damit beginnen: die Corona-Einschränkungen nicht maulend über sich ergehen lassen, sondern immer wieder sich vor Augen halten, wen wir damit schützen – die Älteren und gesundheitlich Angeschlagenen. Und das Geld, das wir nicht ausgegeben haben, trotzdem spenden.

Dietmar Röttger

„Möchte ein Mehr an Menschlichkeit wagen“ - Dietmar Röttger, Propst in Soest

Kirchliche Fastenzeit nach Monaten der existenziellen Fastenzeit? Ich meine, es ist offensichtlich, dass in diesem Jahr diese Zeit der Vorbereitung auf Ostern einen anderen Charakter haben muss als sonst. Die geprägten Zeiten im Kirchenjahr sind eine Einladung, wesentlich zu werden. In normalen Zeiten hilft der Verzicht dabei, auf die Dinge zu stoßen, die für uns wesentlich sind im Verhältnis zu uns selbst, den Mitmenschen und zu Gott. Viele haben durch den Corona bedingten Verzicht der vergangenen Monate schon gemerkt, was ihnen wirklich wichtig ist – und aktuell oft schmerzhaft fehlt.

Von daher kann ein geistlicher Zugang zur Fastenzeit 2021 vielleicht darin bestehen, von diesem Wichtigen mehr zu wagen. Mehr an Kontakten zu pflegen – und sei es per Telefon –, weil wir spüren, wie wichtig menschliche Beziehung ist; sich mehr an kleinen Dingen zu freuen, weil wir spüren, dass große Sprünge derzeit nicht gehen; sich mehr zu solidarisieren mit denen, die noch schlechter dran sind oder, wie es Bischof Bätzing in einem Artikel schreibt, mehr zu „verzeihen und um Verzeihung zu bitten: für gereizte Stimmung, ein unbedachtes Wort, die Unausgeglichenheit, Antriebslosigkeit, mangelnde Aufmerksamkeit, Rückzugsgedanken, ungebührliche Gedanken – und alles, was sich sonst so eingestellt hat.“

Ich möchte jedenfalls in allem Verzicht dieser langen Monate während der kommenden Wochen dieses „Mehr“ wagen und mich innerlich am Ziel der Fastenzeit ausrichten: an Ostern und dem festen Glauben, dass Gott neues Leben für uns bereithält – schon in dieser Welt und darüber hinaus.

Dr. Michael Hense

„Nicht weniger als 1200 Kalorien zu sich nehmen!“ - Dr. Michael Hense, Sportmediziner aus Soest

Radikale Einschnitte in die Ernährungsgewohnheiten (zum Beispiel Nulldiät) sollten aus medizinischen Gründen nur für wenige Tage durchgeführt werden, da ansonsten wichtige Körperbaustoffe nicht aufgenommen werden und der Zellstoffwechsel beeinflusst wird. Über einen längeren Zeitraum empfehle ich den Verzehr von nicht weniger als 1200 kcal/Tag, wobei die Mahlzeiten aus kalorienarmen Gerichten bestehen sollten, die lange satt machen. Hier empfiehlt sich ein Mix aus Gemüse, Salat, Obst und hochwertigen Proteinen (Eier, Milchprodukte, Fisch, Fleisch, Hülsenfrüchte). Nur so kann man sicher sein, alle notwendigen Bausteine des Lebens zu sich zu nehmen.

Insbesondere ältere Menschen sollten vorher den Hausarzt um Rat fragen, da eine Fastenkur auch immer eine Umstellung für den Körper bedeutet. Eventuelle Gesundheitsrisiken müssen vorher abgeklärt werden! Sport während des Fastens ist grundsätzlich gesund, hält den Kreislauf und den Stoffwechsel in Schwung und verhindert den ansonsten zu erwartenden Muskelabbau.

Die Intensität des Sports richtet sich nach der Art der durchgeführten Fastenkur. Hier gilt der Grundsatz: Je ausgeprägter die Kalorienreduktion ist, desto geringer sollte das Ausmaß der sportlichen Belastung sein. Dabei ist es wichtig, auf die Signale des eigenen Körpers zu hören und es bei jeglichem Gefühl der Überlastung einfach etwas langsamer angehen zu lassen.

Ute Nübel

„Fasten bedeutet, zu sich selbst zu finden“ - Ute Nübel, Ernährungsberaterin aus Soest

Die Fastenzeit ist für viele Menschen eine Phase der Besinnung und des bewussten Verzichts. Gerade in Corona-Zeiten ist es wichtiger denn je, einen moderaten Umgang mit Medien, Handy, Süßwaren, Alkohol, Fertigprodukten und Fastfood zu pflegen. Das Fasten hilft, unser Bewusstsein zu schärfen, aufmerksamer zu werden und alte Gewohnheiten zu durchbrechen. Der Genuss steht im Vordergrund.

Für mich persönlich bedeutet Fasten, dass ich mir mehr Zeit für mich nehme, den Alltag loslasse, mir viel Ruhe und Schlaf gönne. Fasten ist für mich positiver Stress, und mein Körper zieht neue Energie und wird vitaler. Das Hautbild verändert sich und das Immunsystem wird gestärkt. Ganz nebenbei führt das Fasten zur Gewichtsreduktion. Fasten im Sinne von totalem Nahrungsverzicht sollte hinterfragt werden. Neueste Ernährungsstudien weisen darauf hin, dass totales Fasten, 8- bis 16-Stundendiäten (Intervallfasten) ein hohes Nebenwirkungsrisiko (Gallensteine, Anstieg der Leberwerte, Hypertriglyceridämie, Harnsäure, Nierensteine, etc.) mit sich bringen. Individuelle Ernährungsempfehlungen helfen bei der gezielten Umstellung.

Ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln, regelmäßige und bewusste Mahlzeiten mit ausreichend Schlaf und Entspannung sind ein Gewinn für Körper und Seele.

Matthias Steven

„Lebe weiterhin fleischlos und fühle mich gut“ - Matthias Steven, Jugendleiter SV Hilbeck

Fasten bedeutet für mich Verzichten. Aber warum auf eine Gewohnheit oder ein Genussmittel verzichten?

Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass besondere Lebensmittel oder Gewohnheiten nicht selbstverständlich sind. Für mich muss der Verzicht aber nicht unbedingt an die Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern gebunden sein. Wenn man sich vornimmt, auf etwas zu verzichten (etwa Fleisch, Süßigkeiten, Alkohol oder Zigaretten), sollte man das nicht abhängig von der terminierten Zeit im Frühjahr machen. Wenn ich etwas ändern möchte – dann sofort. Das ist ähnlich wie mit den guten Vorsätzen zum Jahreswechsel.

Im letzten Jahr war ich an so einem Punkt. Ich hatte schon länger den Gedanken, kein Fleisch mehr zu essen. Das habe ich dann von dem einen auf den anderen Tag umgesetzt. Ich habe mir Mitte November das Ziel gesetzt, bis Weihnachten kein Fleisch zu essen. Jetzt, circa acht Wochen nach Weihnachten, lebe ich immer noch fleischlos und fühle mich gut.

Die Spielregeln

Die „Frage der Woche“ greift ein aktuelles lokales Thema auf und richtet sich an Experten oder anderweitig Betroffene sowie lokale Entscheidungsträger, zum Beispiel Fraktionsvorsitzende oder Unternehmer. Sie können sich beteiligen: Welches Thema würden Sie gern diskutiert sehen? Was brennt Ihnen auf den Nägeln? Schreiben Sie uns eine Mail an stadtredaktion@soester-anzeiger.de, Stichwort: Frage der Woche

Friedhelm Koch

„Fast keine Zeit für Fastenzeit“ - Friedhelm Koch, Rentner (und Jeck) aus Wickede

Ich hatte und habe fast keine Zeit für Fastenzeit! Nachdem ich ein halbes Jahrhundert als Koch (unter anderem im Wickeder Bürgerhaus) vorm Ofen gestanden habe und alle fünf Jahreszeiten meisterte (also auch als Aktiver im Karneval), fiel die Zeit zum Fasten stets knapp aus.

Bei Stress und Termindruck war so irgendwie das ganze Jahr Fastenzeit. Sicherlich habe ich mir aber auch mal Einschränkungen auferlegt: kaum Fleisch, weniger Bierchen, weniger Zigaretten. Nur weniger Stress, das ging nicht. Heute, als Rentner, werde ich mich an das Fasten halten und weniger konsumieren. Auch Corona macht mir das Fasten leichter, also muss man Corona auch einfach mal Danke sagen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare