Gastwirte kämpfen ums Überleben

Novemberhilfen: Viele Gastronomen warten noch immer auf ihr Geld

Peter und Stefanie Pauthner in ihrer leeren Gaststätte.
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Peter und Stefanie Pauthner in ihrer leeren Gaststätte.

Der Lockdown seit November trifft die Hotels und Gaststätten hart: Allenfalls Geschäftsreisende und Monteure buchen für Übernachtungen ein, Speisen zum Mitnehmen bringen hier und da ein paar Einnahmen. Um den Umsatzverlust auszugleichen und die Betriebe über Wasser zu halten, hat der Bund ab November Beihilfen zugesagt, die 75 Prozent des Vorjahresmonats entsprechen sollen. Die Finanzhilfen fließen auch, aber sehr unterschiedlich.

Kreis Soest - Dies bestätigt Diplom-Betriebswirt und Steuerberater Volker Kaiser aus Soest, der zugleich Präsident der Steuerberaterkammer Westfalen-Lippe ist. Eine Ursache liegt Kaiser zufolge darin, dass die Software für die Bearbeitung der Anträge erst entwickelt werden musste. Als sie am 25. November frei geschaltet wurde, hätten sich in den Steuerberaterkanzleien die Anträge gestapelt, die dann in solchen Mengen eingestellt wurden, dass das Bearbeitungssystem zwei Stunden später zusammengebrochen war.

Die Folgen des holprigen Beihilfestarts: Gemäß einer Abfrage in verschiedenen Betrieben haben einige bisher gar nichts oder nur erste geringe Abschläge erhalten. Dort ist die Lage bisweilen mehr als angespannt. Das Ganze laufe sehr schleppend, schimpft der Inhaber einer Gaststätte aus der Soester Innenstadt, der lieber ungenannt bleiben möchte. In einem anderen Betrieb, kaum mehr als einen Steinwurf entfernt, heißt es dagegen: „Wir können uns nicht beschweren, das ist ganz normal gelaufen.“ Auch die Höhe der Beihilfen sei gemessen an der 75 Prozent-Regelung in Ordnung.

Novemberhilfen für die Gastronomie: Nur ein Tropfen auf den heißen Stein

Ähnliches berichtet Volker Kirst für die Adda Kirst GmbH aus Bad Sassendorf, zu der die Cafés Brunnenhaus und Blaubeere, das Kleine Teehaus und das Restaurant Cappuccino gehören. „Wir haben für November und Dezember jeweils einen Abschlag bekommen, das ist okay“, so Kirst. Für November stehe noch etwa ein Drittel, für Dezember die Hälfte des Betrages aus, die Höhe der Gesamtbeträge gehe in Richtung der 75-Prozent-Regelung.

Weniger zufrieden zeigt sich Peter Pauthner, der mit seiner Frau Stefanie das Alte Gasthaus Diers am Markt in Werl betreibt. Kleinere Abschläge seien geflossen, der Großteil für November und Dezember stehe aber noch aus. „Man muss gucken, wie man über die Runden kommt, die Abschläge sind nur ein paar Tropfen auf den heißen Stein, die einen weiterzappeln lassen“, so Pauthner. Das Außer-Haus-Geschäft, das hauptsächlich an den Wochenenden floriert, sei nicht mehr als Schadensbegrenzung.

Novemberhilfen für Gastronomie: die Lage ist angespannt

Meinolf Griese vom gleichnamigen Hotel-Restaurant in Körbecke und Kreisvorsitzender der Dehoga, bestätigt, dass die Abwicklung der Beihilfen sehr unterschiedlich läuft. Er selbst könne für seinen Betrieb nicht klagen, bei vielen Kollegen sei die Lage jedoch angespannt. Der sehr unterschiedliche Stand bei der Bearbeitung der Beihilfeanträge gilt bundesweit, berichtet Volker Kaiser. Regionale Schwerpunkte seien nicht zu erkennen. In seiner Kanzlei seien inzwischen die Novemberanträge abgearbeitet, einen Dezemberabschlag habe von seinen Mandanten noch keiner erhalten.

Für andere Gastronomiebetriebe gilt das nicht, sie haben auch schon Dezemberabschläge bekommen, so etwa die Adda Kirst GmbH. Volker Kirst vermutet, dass die Abwicklung auch davon abhängt, wann die Anträge gestellt wurden, er selbst habe sie frühzeitig einreichen lassen. Steuerberater Volker Kaiser bestätigt dies ein Stück weit. In den Kanzleien habe sich im November ein Riesenberg aufgebaut, der zunächst in Sonderschichten abgebaut werden musste. Inzwischen laufe es in den Kanzleien etwas schneller. Aber wer jetzt, nachdem die Antragsfrist 31. Januar für die Novemberbeihilfe verlängert wurde, erst Anträge stellt, müsse sich hinten einreihen.

Novemberhilfen für Gastronomie: Perspektive wäre wichtig

Viele Gastronomen hoffen, dass sich die Lage spätestens ab Ostern wieder normalisiert. „Wichtig wäre eine Perspektive“, sagt Peter Pauthner. Ob die Beihilfen alle Betriebe retten können, erscheint gleichwohl zweifelhaft, urteilt Steuerberater Kaiser. „Wenn die Gelder fließen, wird das bei den meisten reichen, bei einigen aber auch nicht.“

Zudem decken die Beihilfen lediglich die Pacht- und Fixkosten der Betriebe ab, für ihre eigene Lebenshaltung müssten die Gastronomen auf ihr Erspartes oder die Altersvorsorge zurückgreifen. Kaiser befürchtet deshalb, dass die Quote an Insolvenzen steigen wird, wenn auch nicht sofort. Der Steuerberater zeichnet folgendes Szenario: „Die Betriebe werden erst wieder öffnen, aber einige gehen mit dem nächsten Winter in die Insolvenz, weil sie kein Fett mehr haben.“

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