Einnahmeausfälle für das Rote Kreuz

Corona vermiest das Geschäft mit den Altkleidern - Ehrenamtliche kämpfen mit krassem Preisverfall

Altkleider Container Soest
+
In Altkleidercontainern wie diesen landet immer häufiger völlig unverwertbarer Textilmüll.

Das Geschäft mit alten Kleidern war für Verbände wie das Rote Kreuz bislang ein einträgliches Zubrot. Das hat sich jetzt teils dramatisch geändert.

Kreis Soest - In Dortmund haben sie schon aufgegeben. Dort werden die Altkleider-Container gerade abgebaut, nachdem immer mehr Müll denn gut erhaltene Klamotten dort eingeworfen worden sind – und auch die Abnehmer kaum noch Verwendung haben. In Soest und den Nachbarorten geht es weiter; von einem guten Zubrot kann aber auch hier schon seit langem nicht mehr die Rede sein.

„Es läuft so gerade, aber mit großen Schwierigkeiten“, sagt Nikolaus Windsheimer von der Entsorgungswirtschaft im Kreis Soest (ESG). „Das Grundproblem ist: Die Qualität der aussortierten Kleidungsstücke wird immer schlechter.“ Gar nicht mal durch langes Tragen, ganz im Gegenteil. Das T-Shirt für 2,99 Euro aus Mischfasern taugt schon beim Einkauf im Billig-Laden nichts, geschweige denn, wenn es ein Dutzendmal angezogen und gewaschen worden ist.

Altkleidersammlung lohnt kaum noch: oft nur noch Schrott im Sack

Aber selbst bei Klamotten, die mal ordentlich und hochwertig waren, landet oftmals nur „Schrott“ im Altkleidersack. Etwa der einst schöne Pullover, längst verschlissen und bereits zum Autopolieren verwendet, taucht plötzlich im Container auf, sagt Michael Lindner. Er kümmert sich beim Roten Kreuz um die 220 Boxen, die im gesamten Kreisgebiet stehen und bis zu dreimal in der Woche geleert werden.

Die Rotkreuzler sind im Kreis größter Player in Sachen Kleidersammeln, Lindner beziffert den Marktanteil auf 80 Prozent. Daneben sind vor allem Kolpings- und Malteser-Gruppen und -Vereine unterwegs und stellen Container für gebrauchte Hosen, Jacken und Hemden auf.

Altkleidersammlung lohnt kaum noch: sogar Sperrmüll in den Containern

In Dortmund waren zuletzt vier von fünf Stücken in den Containern zerschlissen oder schlicht Müll. Manche Abgeber genieren sich nicht einmal, sogar ihren Sperrmüll hier reinzuschieben oder (wegen der Größe) davor zu packen: Vom Sofa bis zum Fernseher war schon alles dabei, schildert Lindner. Das Verrückte ist: Steht es erst einmal am Altkleider-Container, müssen die Ehrenamtlichen zusehen, wie sie den Dreck da wegbekommen.

Mitte vergangenen Jahres sah es fast schon einmal danach aus, dass auch im Kreis Soest das Kleidersammeln zu Ende gehen würde. Wegen Corona waren auf einen Schlag die Abnehmerwege nach Russland und anderen Ost-Staaten sowie nach Afrika versperrt. Die Zwischenhändler in Deutschland blieben auf ihren Beständen sitzen. Ergo drosselten sie die Abnahmemengen und drehten immer weiter an der Preisschraube.

Altkleidersammlung lohnt kaum noch: Preis um die Hälfte gefallen

Noch vor wenigen Jahren, so Michael Lindner vom Roten Kreuz, gab es für seinen Verein 320 Euro für eine Tonne Altkleider. Heute ist es kaum mehr als die Hälfte, Tendenz weiter sinkend. „Das Geschäft ist hart an der Grenze“, sagt Lindner. Wenn man nicht womöglich bares Geld dazulegen wolle, dürften keine weiteren Preissenkungen folgen.

Heinrich Gehlmann hat beim Roten Kreuz den Überblick über die Finanzen. Der Preisverfall für gebrauchte Klamotten reiße ein Loch von 30 Prozent in den Gesamthaushalt beim Kreisverband Soest. Wenn andere wie die Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk mit solchen Ausfällen zu kämpfen haben, seien schnell Kommunen oder Bund zur Stelle, um die Löcher zu stopfen. Das Rote Kreuz aber müsse zusehen, wie es seine Aufgaben bewältigen könne. Mit den Erlösen sollen nicht zuletzt Ausbildung und Material für den Katastrophenschutz bezahlt werden.

Altkleidersammlung lohnt kaum noch: Deutschland macht die Augen zu

So wird der Faden immer dünner, an dem die Altkleidersammlung hängt. Vor allem geht es nicht nur um die Sammler selber. In Erwitte betreibt das DRK die letzte verbliebene Abgabestelle für gebrauchte Kleider. Die Nachfrage nach guten Jacken, Hosen, Hemden, Mützen ist groß. Ebenso die Zahl der Rentner, der Alleinerziehenden und der Flüchtlinge, die mit wenig Geld auskommen müssen und sich deshalb neue Kleidung gar nicht leisten können. „Wir machen in Deutschland gern die Augen zu“, sagt Lindner, „aber die Armut ist da.“

„Ein schlechtes Gewissen muss niemand haben, der seine ausrangierte Kleidung in den Container wirft“, sagt Nikolaus Windsheimer von der örtlichen Entsorgungs-Gesellschaft. Auch wenn nicht alles wieder getragen wird, selbst die Verwertung der Textilien als Putz- und Isolierstoffe bringt Geld ein, und die Hilfsorganisationen geben dieses Geld für caritative und gemeinnützige Zwecke aus.

Altkleidersammlung lohnt kaum noch: Qualität muss stimmen

Damit es Service und Hilfe auch morgen noch gibt, sollten alle ein wenig mitwirken. Windsheimer appelliert: „Alte, abgenutzte und verdreckte Kleidungsstücke gehören in die graue Tonne, also in den Hausmüll.“

Diesen Müll extra beim Roten Kreuz oder bei den Abnehmern auszusortieren und loszuwerden, erfordere Aufwand und Geld, sagt Michael Linder vom DRK. Geld, das den Erlös weiter schmälert und ihn womöglich ganz fressen könnte. Dann wären die Ehrenamtlichen nicht nur eine Quelle für ihre lohnenden Aufgaben und Dienste los, dann gäbe es auch keine Kleiderkammern mehr, auf die so viele Menschen angewiesen sind, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare