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Am Tag danach: Aufbruchstimmung und Wundenlecken

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Von: Kathrin Bastert

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Wolfgang Hellmich, Bundestagskandidat der SPD, am Wahlabend
Bis nachts um 2 Uhr beobachtete SPD-Kandidat Wolfgang Hellmich (rechts) die Wahlergebnisse. Dann wusste er sicher: Er ist drin! © Peter Dahm

Ein spannender Wahltag liegt hinter den Parteien im Kreis Soest. Für zwei Bundestagskandidaten ist er gut ausgegangen, zwei andere haben umsonst gehofft. Eine Bilanz.

Kreis Soest – Der Tag nach der Wahl ist der Tag von Wolfgang Hellmich. Bis 2 Uhr in der Nacht hat er ausharren müssen, dann wusste er: Es reicht für ihn, er wird auch dem 19. Deutschen Bundestag angehören. Am Ende war es nicht so knapp, wie es der Sozialdemokrat befürchtet hatte. Sein Listenplatz 21 reichte dicke, um Hellmich zurück nach Berlin zu bringen: Dank 26 Direktmandaten, die die SPD in NRW holte, zieht die Liste bis Platz 31. Hellmich rückte auf, gelangte als 12. von 19 Listenplatzinhabern in die Sitzverteilung.

Am Montagmorgen saß er bereits auf gepackten Koffern. Die ersten Gremiensitzungen in der Hauptstadt stehen an, am Dienstag die konstituierende Fraktionssitzung. „Das ganze Geschäfte geht stante pede los – wir haben nicht viel Zeit, müssen uns schnell ans Werk machen.“ Schnell ans Werk? Vor den Parteien liegen harte Wochen der Sondierung und Koalitionsverhandlung. Wann also ist da mit einer neuen Regierung zu rechnen? „Da ist noch viel weißer Dunst in meiner Kristallkugel“, räumt Hellmich ein. Er sieht es als gutes Signal, dass FDP und Grüne offenbar zunächst miteinander sprechen wollen. Der Auftrag zur Regierungsbildung liege bei der SPD – „es ist schon der formale Weg, dass der Bundespräsident den Wahlsieger auffordert, Sondierungsgespräche aufzunehmen.“

Bundestagswahl: Hans-Jürgen Thies denkt sich in die Oppositionsrolle

Hans-Jürgen Thies, neuer und alter Abgeordneter der CDU, denkt sich bereits in die Rolle des Oppositionspolitikers ein. Thies, der knapp mit 2,3 Prozentpunkten Vorsprung das Direktmandat für den Kreis Soest verteidigt hat, rechnet mit erschwerten Bedingungen. Bisher habe er als Angehöriger der Regierungsfraktion besseren Zugang zu Ministerien und Informationen gehabt und das auch für seinen Wahlkreis nutzen können. Die Erleichterung des Lippetalers nach seinem persönlichen Wahlsieg ist groß. Gleichwohl will er nicht von Glücksgefühlen sprechen; „dafür sind unsere Ergebnisse aus Unionssicht eine Katastrophe.“

Ein Scherbengericht erwartet er allerdings in den nächsten Tagen in Berlin noch nicht. „Wenn man jetzt mit harscher Kritik auf Armin Laschet eindreschen würde, hätte der auch kein gutes Verhandlungsmandat. Wir werden ihm da erstmal den Rücken stärken müssen.“ Hans-Jürgen Thies erinnert sich an die „unsägliche Kanzlerkandidaten-Diskussion“ um Laschet und Söder. Könnte er sich Laschet als Oppositionsführer vorstellen? „Das müsste die Fraktion entscheiden“, sagt Thies, „ich weiß nicht, ob er sich da zur Wahl stellen sollte.“

Nach der Bundestagswahl: Analyse in der Kreisvorstandssitzung

Zurück zum Scherbengericht. Im Kreis Soest dürfte das nicht lange auf sich warten lassen. Schon am Mittwoch sei die Kreisvorstandssitzung anberaumt, verrät der Abgeordnete, „da steht natürlich die Analyse auf der Tagesordnung.“ Er sehe im Vergleich mit dem Wahlkampf vor vier Jahren aber nicht, dass hier Fehler gemacht wurden. „Der Bundestrend hat so eine erodierende Wirkung, der man sich nicht entziehen kann.“ Die Reaktion freilich müsse schnell erfolgen: Der Landtagswahlkampf steht schon vor der Tür, auch in NRW werden die Karten neu gemischt.

FDP-Kandidat Fabian Griewel nahm sich am Montag einen Tag Auszeit. Bis in die Nacht hatte er auf die letzten Zahlen gewartet. Als er gegen halb eins ins Bett ging, habe er schon gewusst, dass das Abschneiden der Liberalen in NRW für ihn nicht reichen wird. Die Liste zog schließlich bis Platz 19, Griewels Platz war 21. Die Sondierungsgespräche erwartet er mit Spannung, wünscht sich ein mutiges Auftreten der Verhandler seiner Partei. Aber: „Auch wir werden Kompromisse eingehen müssen, wir werden nicht unser Wahlprogramm kopieren können.“ Seine Tendenz? „Die CDU hat keinen klaren Regierungsauftrag bekommen, das muss sie sich auch eingestehen. Wir alle müssen gucken, was für das Land am besten ist und Parteispielchen lassen.“

Bundestagswahl: Soest ist grüne Hochburg

Shahabuddin Miah (Grüne) sieht Möglichkeiten einer Zusammenarbeit mit der FDP dann, wenn „die nicht darauf besteht, alles nur freiwillig zu machen“ und meint nötige Schritte, um im Klimaschutz voranzukommen. Das Mandat, ihre Politik in die Regierung einzubringen, sähen die Grünen erteilt, sagt der Kreisgeschäftsführer Holger Künemund. Die Zugewinne auf Kreisebene sind enorm, Soest ist 17,8 Prozent die grüne Hochburg. „Unsere Ergebnisse haben sich mehr als verdoppelt, das ist die Haupt-Betrachtungslinie. Bezogen darauf gibt es keinen Grund, sich in irgendeiner Weise zu beklagen.“ Stattdessen gelte: „Nach der Wahl ist vor der Wahl, wir sollten zuversichtlich in die nächste Runde starten.“

Die Entwicklung am Wahlabend können Sie in unserem Nachrichtenblog nachlesen.

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