„Artige Kunst“ aus der Nazi-Zeit

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Als „Stilleben“ ist dieses auf gdk-research.de wiedergegebene Bild gekennzeichnet. Bezeichnend ist nicht nur das Hakenkreuz, sondern auch das beziehungsreiche Datum, das der Kalender zeigt. Der 1. Mai 1933 diente den Nazis dazu, die deutsche Arbeiterschaft zu gewinnen.

Bad Sassendorf - Wie ist der Maler Albert Otto in seinem Verhältnis zum Nazi-Regime einzuordnen: Diese Frage ist anlässlich einer Sonderausstellung in den Westfälischen Salzwelten entbrannt.

Stillleben, Landschaften, Dorfansichten: Das waren die bevorzugten Motive des Malers Albert Otto in seiner Lohner Zeit von 1940 bis zu seinem Tod 1975. Einen Eindruck davon vermittelt derzeit eine Sonderausstellung in den Westfälischen Salzwelten, in der 31 Bilder des Künstlers gezeigt werden. Eine andere Einschätzung des Malers liefert die Ausstellung „Artige Kunst“ im „Museum unter Tage“ im Schlosspark Weitmar in Bochum. Hier wird ein Bild Albert Ottos unter dem Titel „Stilleben mit Stahlhelm“ gezeigt. Die Bochumer Ausstellung möchte NS-konforme, also „artige“ Künstler den verfemten, als „entartet“ diffamierten Kollegen gegenüber stellen. Die Frage, die sich da, auch gemäß zwei Leserbriefen im Anzeiger, aufdrängt: War Albert Otto nur „artig“, war er gar ein Nazi-Künstler, oder war er ein angepasster Mitläufer?

Die Stiftung „Situation Kunst“, die für die Bochumer Ausstellung verantwortlich zeichnet, möchte mit der Schau „Artige Kunst“ zu einer kritisch-analytischen Auseinandersetzung mit der Kunstpolitik im Nationalsozialismus aufrufen. Diesem Anspruch kann sich Kunsthistoriker und Privatdozent Dr. Christian Fuhrmeister vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München ohne weiteres anschließen. Allerdings warnt er vor vorschnellen Urteilen. Wichtig sei vielmehr eine gründliche, quellenkritische und sensible Erforschung der verfügbaren Daten. Die Bochumer Ausstellung sei in dieser Hinsicht vielleicht etwas sehr zuspitzend.

Die Tatsache, dass Albert Otto von 1937 bis 1944 auf jeder der „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ vertreten war, könne allein noch kein negatives Urteil begründen. Das Problem bezüglich diesen Ausstellungen in München bestehe darin, dass der Anteil der militaristischen oder Nazi-Größen verherrlichenden Werke überproportional wahrgenommen werde, sagt Fuhrmeister. Das liege auch daran, dass in den Ausstellungskatalogen, die heute als Quelle dienen, die ideologisch geprägten Bilder überproportional vertreten waren. Tatsächlich hätten die Ausstellungen seinerzeit ganz anders ausgesehen, Landschaften oder Stillleben hätten den Hauptteil ausgemacht. Dies zeige sich auch an den Kontenbüchern über Künstler und Käufer bei den „Großen Deutschen Kunstausstellungen“: Nicht die ideologischen Maler seien erfolgreich gewesen, sondern diejenigen, die traditionellen Motiven verpflichtet blieben.

Klar ist hingegen auch, dass Albert Otto sich wie viele andere Künstler während der NS-Zeit mindestens angepasst hat. Fest vermutet werden darf, dass er Mitglied der 1933 von den Nazis gegründeten Reichskulturkammer war, schon allein, um notwendige Malutensilien wie Leinwand und Farben erwerben zu können. Auch hat er sich in Düsseldorf und Soest Malervereinigungen angeschlossen, die eine NS-konforme Haltung an den Tag gelegt hatten.

Zwei Bilder im Dienst der NS-Ideologie

Und zwei der dokumentierten 24 Werke, mit denen Albert Otto auf den „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ vertreten war, stellen sich sehr wohl in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie. Das Bild „Stollenecke“, ausgestellt auf der GDK 1939, suggeriert mit Kommissbrot, Kartenspiel, Kerze, Rauchutensilien und dem in der Ecke angelehnten Karabiner ein gemütliches Bild des Soldatenlebens.

Noch schwerer erträglich erscheint ein Stillleben mit Hakenkreuz, das auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ von 1938 ausgestellt wurde. Bezeichnend ist nämlich nicht allein das Hakenkreuz, sondern auch das beziehungsreiche Datum, das der Kalender zeigt. Der 1. Mai 1933, von bild.de einmal als „Der dunkelste 1. Mai der Weltgeschichte“ bezeichnet, sollte gemäß den Vorgaben von Propagandaminister Joseph Goebbels dazu dienen, die deutsche Arbeiterschaft wenige Wochen nach der „Machtergreifung“ für das neue Regime zu gewinnen. So gab es allerorten aufwendige Umzüge, die Rede Hitlers wurde reichsweit per Rundfunk übertragen. Dieser 1. Mai 1933 stellte mithin gemäß den Vorstellungen der NS-Führung ein propagandistisch ganz besonders wichtiges Ereignis dar – nur einen Tag später gingen die Nazis daran, die freien Gewerkschaften zu „zerschlagen“.

Die Anspielungen in dem Bild Albert Ottos lassen Sympathie und Einverständnis mit dem Vorgehen der Nationalsozialisten vermuten. Bleibt man vorsichtig, wie Fuhrmeister dies anmahnt, könnte man spekulieren, Otto habe diese beiden Bilder vielleicht aus einer pragmatischen Anbiederung heraus so gemalt, damit er bei den „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ berücksichtigt werde. Denn diese Veranstaltungen waren als Verkaufsausstellungen organisiert und boten aufgrund der überhitzten Preise vorzügliche Einnahmemöglichkeiten. Nahezu 2 500 Künstler waren auf den Ausstellungen vertreten, viele Maler hatten ihre Bilder mit Bitte um Berücksichtigung eingereicht, so Fuhrmeister; darunter selbst Vertreter der von den Nazis als „entartet“ verfemten Moderne. So dürfte sich auch Albert Otto mit insgesamt 30 bis 40 Bildern für die Ausstellungen beworben haben, schätzt Fuhrmeister. Dokumentiert sind 24 Werke, mit denen der Maler zwischen 1937 bis 1944 vertreten war. Das ist überdurchschnittlich oft, viele Malerkollegen kamen laut gdk-research.de auf eine, zwei oder kaum einmal zehn beteiligte Bilder. Die meisten der gezeigten Werke entsprachen den von den Käufern am meisten nachgefragten Sujets wie Stillleben oder Landschaften. Im Vergleich zu „Spitzenerlösen“ von mehr als 50 000 Reichsmark nahmen sich Ottos Einnahmen Fuhrmeister zufolge dagegen eher niedrig aus.

Aufarbeitung erforderlich

Was bleibt also: Für eine angemessene Einordnung Albert Ottos wäre eine intensivere Auseinandersetzung mit seinem Leben und seinem Werk vonnöten, rät Kunsthistoriker Fuhrmeister. Eine Einschätzung, der sich Dr. Oliver Schmidt, der Leiter der Westfälischen Salzwelten, anschließen kann. Zwar betonte Schmidt, dass der Tenor der Sonderausstellung eben auf den Werken Ottos mit Motiven aus der Lohner Umgebung liege, eine intensivere Debatte sei aber sicher zu begrüßen. Denkbar sei es vielleicht, zum Ende der Ausstellung eine Diskussionsveranstaltung durchzuführen.

Dass heimische, in einem gewissen Rahmen geschätzte Künstler plötzlich ins Zwielicht geraten, weil zum Beispiel bekannt wird, dass sie auf den „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ vertreten waren: Mit dieser Erfahrung stehen die Sassendorfer übrigens nicht alleine da. Lange Zeit habe die Kunstgeschichte fast ausschließlich die prominenten Maler berücksichtigt, deshalb sei es wichtig, nun die weniger bekannten in den Blick zu nehmen, sagt Fuhrmeister. Gerade so, wie es das Anliegen seiner Forschungen ist.

Die Ausstellung von Albert-Otto-Bildern in den Salzwelten ist täglich zu den Öffnungszeiten zugänglich. Die Schau „Artige Kunst“ im „Museum unter Tage“ in Bochum läuft bis 9. April, Infos: http://www.situation-kunst.de/mut.htm

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